Deutschlands Rolle in der Welt

Zum ersten Mal eröffnet ein Bundespräsident die Münchener Sicherheitskonferenz. Joachim Gauck hat sich einiges vorgenommen. Er will, dass Deutschland Verantwortung übernimmt und sich nicht wegduckt.

Es geht um Weltpolitik in München, um Syrien, den Iran, Russland und die Ukraine, Nahost und Zentralafrika, um Indien, China und das globale Kräfteverhältnis, und es geht um Deutschland. Dass der Bundespräsident heute vor der 50. Münchener Sicherheitskonferenz die Eröffnungsrede hält, ist nicht nur ein Novum, es ist auch ein Signal. Deutschland ist Gastgeber, aber auch Akteur, und immer stärker unter Druck, seine internationale Position neu zu definieren.

Joachim Gauck hat längst erkennen lassen, dass er die Deutschen geradezu in der Pflicht sieht, eine aktivere Rolle in der Welt zu spielen. Die deutsche Vergangenheit dürfe kein Hindernis sein dafür, "Verantwortung zu übernehmen auf ganz unterschiedlichen Feldern", sagte Gauck vor kurzem in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Gemeint damit sind nicht nur, aber eben auch Einsätze der Bundeswehr, darüber hinaus "politische und wirtschaftliche Initiativen". Natürlich geht es meist um das ganze Bündel humanitärer, technischer, ökonomischer und militärischer Maßnahmen. Aber gerade im Ausland wird Berlin oft vorgeworfen, beim militärischen Teil zu kneifen - Beispiel Irak, Libyen.

Gauck war erst wenige Monate im Amt, als er im Juni 2012 vor der Führungsakademie der Bundeswehr deren Auslandseinsätze ausdrücklich unterstützte. Ein Jahr später dann zum 3. Oktober, sicher eine seiner wichtigsten Reden in der knapp zweijährigen Amtszeit, wurde er noch deutlicher: "In einer Welt voller Krisen und Umbrüche wächst Deutschland neue Verantwortung zu", sagte er damals. Und er zitierte die Philosophin Hannah Arendt, die schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bemerkt hatte: "Es sieht so aus, als ob sich die Deutschen nun, nachdem man ihnen die Weltherrschaft verwehrt hat, in die Ohnmacht verliebt hätten."

Genau dies will Gauck nicht: Ohnmacht, Untätigkeit, Zaudern, Wegducken. "Entspricht unser Engagement der Bedeutung unseres Landes?", fragte er damals. Und die Antwort für Gauck heißt wohl: Nein. Deutschland soll weder ein "schlafwandelnder Riese" sein noch nur "Zuschauer des Weltgeschehens", sagte er auch.

"Schlafwandler" waren, so meint der Historiker Christopher Clark, die führenden Politiker Europas an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg. 100 Jahre später wird Gauck, der "Erinnerungsprofi", in diesem Jahr an vielen Orten und mit vielen Reden dieses Datums gedenken. Und auch vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach Deutschlands Rolle in der Welt. Auch in der schwarz-roten Bundesregierung wird neu darüber diskutiert, wie Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen kann. Gerade hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein stärkeres militärisches Engagement gefordert.

Nicht nur Gauck meint, dass die Bundesrepublik von den globalen Entwicklungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem ökonomisch profitiert hat und der Welt wohl etwas schuldig ist. Gestern ermunterte auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Deutschland zu mehr internationalem Engagement. Als gesunde Volkswirtschaft und Wirtschaftsmacht müsse Berlin mehr politische Führung zeigen. Bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel in Berlin betonte Ban: "Deutsche Unterstützung ist jederzeit willkommen und wird sehr hoch ge schätzt."