Deutschland - ein Sommertränenmeer

Saarbrücken. Diesmal sah Philipp Lahm wirklich wie ein Schuljunge aus. Leider hatte ihm - und damit auch seiner Mannschaft sowie den deutschen Anhängern - jemand nicht etwa den Turnbeutel, sondern die Chance auf kindliche Freude über einen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft weggenommen. Bittere Tränen kullerten über Lahms Knabengesicht nach dem Halbfinal-Aus gegen Spanien

Saarbrücken. Diesmal sah Philipp Lahm wirklich wie ein Schuljunge aus. Leider hatte ihm - und damit auch seiner Mannschaft sowie den deutschen Anhängern - jemand nicht etwa den Turnbeutel, sondern die Chance auf kindliche Freude über einen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft weggenommen. Bittere Tränen kullerten über Lahms Knabengesicht nach dem Halbfinal-Aus gegen Spanien. Die Hände an der Hüfte, stand der kleine Lahm hilflos und verloren auf dem Spielfeld. Kurz darauf sagte er, Kapitän und Vorbild in vielerlei Hinsicht, bockig: "Auf das Spiel um Platz drei habe ich überhaupt keine Lust."Lahms Seelenlage schien, zumindest in diesem Moment, jene der gesamten Nation widerzuspiegeln. Irgendwie sahen fast alle an diesem Abend wie traurige Schuljungen und -mädchen aus. Die Fernsehbilder von der Berliner Fanmeile zeigten, in Nahaufnahme: Weinende Frauen, weinende Männer, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen oder damit ihr Gesicht verdeckend. Menschen, die sich gegenseitig trösteten, aufrichteten, umarmten. Wer diese Szenen sah, hätte beinahe den Eindruck gewinnen können, die vergossenen Tränen könnten die Fanmeile überfluten. Am Tag nach der Schmach präsentierten die Zeitungen die Tragödie Schwarz auf Weiß: "Aus der Traum", "Schland unter", "Katerstimmung" lauteten die Schlagzeilen. Doch woher rührt eigentlich diese tiefe, kollektive Trauer? Was bewirkt sie? Wie lässt sie sich bewältigen?Um dem nationalen Kummer beizukommen, wählen wir zunächst die Nummer von Professor Gunter A. Pilz, Sportsoziologe an der Universität Hannover. "Wir leiden gemeinsam und intensiv mit, weil wir in einer Zeit der Individualisierung leben", erklärt Pilz und fügt hinzu: "Die traditionellen, Gemeinschaft stiftenden Säulen der Gesellschaft, etwa Religion, bröckeln. Wir bekommen immer seltener die Gelegenheit, ein Ereignis in einer großen Gruppe zu erleben - und unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen." Deshalb strömten so viele Menschen zum Public Viewing. "Darüber hinaus identifiziert sich jeder gern mit dieser deutschen Mannschaft: Sie ist jung, talentiert und hat das Deutschland-Bild im Ausland positiv verändert." Die große Trauer nach dem Spanien-Spiel resultiere in erster Linie daraus, dass das Scheitern uns unsanft in die Wirklichkeit zurückbefördert habe: "Die Spiele gegen England oder gegen Argentinien haben uns in einen Rausch versetzt und Probleme vergessen lassen." Jetzt sind wir wieder auf dem Boden der Tatsachen. Die Tränen würden aber bald getrocknet sein.Ob Deutschland nach dem Spiel gegen Spanien nicht doch auf die Couch muss, fragen wir Dr. Dagmar Unz, Sozialpsychologin an der Universität des Saarlandes. "Die Schwermut nach der Niederlage ist ganz normal und geht vorbei", sagt Unz. "Wir Menschen sind die sozialsten aller Tiere, brauchen den emotionalen Austausch mit unseren Mitmenschen. Die kollektive Trauer hat eine positve Wirkung: Sie schweißt uns zusammen", erläutert Unz. Die Reaktionen würden von einem Ansteckungseffekt gesteuert: "So wie es Babys einem weinenden Baby gleichtun und ebenfalls anfangen zu schreien, weckt die Mimik und Gestik trauriger Spieler und Fans auch die Trauer in uns. Wir fühlen mit und wollen das Negativerlebnis gemeinsam durchstehen, indem wir uns zum Beispiel gegenseitig trösten." Ein positiver Nebeneffekt sei, dass wir dadurch den Umgang mit Emotionen trainieren könnten: "Der Sport ist eine Art emotionales Planspiel, bei dem wir Trauer und Freude erleben und lernen können, sie auszudrücken und zu verarbeiten."Unser dritter Fußball-Seelsorger ist in der Tat ein Geistlicher und kennt sich mit Fußballer- und Fan-Herzen bestens aus: Prälat Dr. Bernhard Felmberg ist Sportbeauftragter der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD) und auch Seelsorger in der Stadion-Kapelle des Bundesliga-Absteigers Hertha BSC. "Auch eine Niederlage im Fußball braucht Trauerarbeit, sowohl bei den Spielern als auch bei den Fans." Es brauche seine Zeit, bis sich der erste Schock legt. Dann gelte es, sich die schönen WM-Erinnerungen zu vergegenwärtigen, vor allem natürlich die Triumphe über England und Argentinien: "Daraus lässt sich Hoffnung für die Zukunft schöpfen." Wie schnell es aufwärts gehen kann, zeige das Beispiel Arne Friedrich: "Er ist bei Hertha durch die tiefsten Täler gegangen - und hat nur ein paar Wochen später eine grandiose WM gespielt." "Die kollektive Trauer schweißt uns zusammen."Sozialpsychologin Dagmar Unz

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