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"Der Westen kann sowieso nichts machen"

"Der Westen kann sowieso nichts machen"

Herr Scholl-Latour, die arabische Welt ist in Aufruhr, Botschaften brennen, es gibt Tote. Was passiert gerade in Libyen, Ägypten und anderswo? Woher kommt dieser Hass?Peter Scholl-Latour: Der Westen und speziell die Amerikaner sind von Anfang an von einer Illusion ausgegangen

Herr Scholl-Latour, die arabische Welt ist in Aufruhr, Botschaften brennen, es gibt Tote. Was passiert gerade in Libyen, Ägypten und anderswo? Woher kommt dieser Hass?Peter Scholl-Latour: Der Westen und speziell die Amerikaner sind von Anfang an von einer Illusion ausgegangen. Sie haben geglaubt, dass eine Revolution gegen die dortigen Potentaten eine westliche Form der Demokratie herbeiführen würde. Das ist nicht der Fall. Nehmen Sie Libyen: Die Menschen dort wollten den Diktator weghaben, kein Zweifel. Aber die Gegner von Gaddafi waren nicht etwa pro-amerikanische Kräfte, sondern vor allem Islamisten - und zwar sehr, sehr engagierte. Dazu kam jetzt dieser blödsinnige Film, eine Form der Verunglimpfung des Propheten Mohammed, die weit über das hinausgeht, was man früher von Karikaturen gewohnt war.

Die Amerikaner meinen immer, dass der Feind ihrer Feinde unbedingt ihr Freund sein muss. Aber da täuschen sie sich. Da haben sie sich schon in Afghanistan getäuscht. Weil die Afghanen sehr wacker gegen die Sowjets gekämpft hatten, dachten die Amerikaner, dass sie nun pro-westlich seien, das war natürlich Unsinn. Ich war während des Krieges gegen die Russen mit radikalen Mudschaheddin unterwegs. Während sie gegen die Russen kämpften, schrien sie gleichzeitig "Tod den Amerikanern". Ich hab sie gefragt, ob sie verrückt seien, weil sie doch Krieg führten mit amerikanischem Geld? Aber sie haben gesungen: "Weder westlich, noch östlich, sondern nur islamisch". Das muss man wissen.

Was steckt hinter dem Mord am US-Botschafter in Libyen?

Scholl-Latour: Man muss sehen, dass in Libyen Chaos droht, weil sich dort etliche Stämme befeinden. Dazu kommen verschiedene islamische Bruderschaften und, was man nicht unterschätzen darf, das Auftauchen der Salafisten - islamischer Extremisten, die ausgerechnet vom westlichen Verbündeten Saudi-Arabien finanziert und bewaffnet werden. Ich nehme an, dass das, was in Bengasi passiert ist, von solchen Kräften initiiert worden ist, weil in Libyen eine gemäßigte Regierung gewählt wurde, die ja die Amerikaner eingerichtet hatten. Der getötete US-Botschafter war derjenige, der diese Gegenregierung gegen Gaddafi aufgebaut hat.

Sie haben Saudi-Arabien angesprochen. Wird die Gefahr, die von dort ausgeht, unterschätzt?

Scholl-Latour: Es gibt dort zwei Kräfte. Auf der einen Seite die Regierung, die ein Interesse am Status quo hat und Schutz bei den Amerikanern sucht. Und auf der anderen Seite die religiösen Einrichtungen - und die sind unerbittlich. Die Leute, die das World Trade Center in die Luft gesprengt haben, waren ja keine Afghanen, das waren Saudis. Und wenn bei uns Hass-Prediger auftreten, dann sind das Leute aus Saudi-Arabien. Es ist das Land, das im Hinblick auf die Religion am reaktionärsten von allen ist. Aber die Saudis braucht man eben wegen des Öls. Die Amerikaner haben total Partei ergriffen, die wollen die Saudis starkmachen gegen den Iran. Und wir liefern ihnen noch 600 Leos.

Wie schätzen Sie die Lage in Syrien ein?

Scholl-Latour: Das Assad-Regime war schlimm, aber es war nicht besser und nicht schlechter als andere. Im Hinblick auf die Religion sind die Syrer unendlich toleranter gewesen als Saudi-Arabien, die überhaupt keine Christen dulden, wo man kein Kreuz und keine Bibel einführen darf. Da ist Syrien wesentlich liberaler. Doch der ganze Zorn des Westens richtet sich gegen Assad und man bedenkt nicht, wer auf der Gegenseite ist. Dieser Aufstand in Aleppo ist kein Aufstand der Syrer mehr. Die, die wirklich kämpfen, sind zum Großteil Leute, die vorher im Irak gekämpft haben, die mit schwarzen Fahnen rumlaufen und den Westen total ablehnen. Es handelt sich um das, was man allgemein als Al Qaida bezeichnet. Diese Sprengstoffattentate, die es immer wieder gibt, das macht kein syrischer Nationalist, das müssen Leute sein, die von Religion zutiefst durchtränkt sind. In Syrien ist, so seltsam es klingt, Al Qaida zum Verbündeten der Amerikaner geworden. Wir sind dort zu der absurden Situation gekommen, dass Assad möglicherweise gestürzt wird, dann gibt es aber einen langen Bürgerkrieg. Die zwölf Prozent Alawiten in der Bevölkerung wissen, dass sie nach dem Sturz Assads nicht nur ihre Privilegien verlieren, sondern dass sie massiv massakriert würden. Doch die Alawiten werden sich bis zum Letzten verteidigen. Der Krieg könnte dann überspringen auf den Irak.

Kann der Westen etwas tun?

Scholl-Latour: Wir sollten uns endlich mal aus den ganzen Geschichten raushalten. Diese ständigen Proklamationen, dass wir jetzt schärfere Sanktionen anwenden werden, das trifft doch nur die armen Leute. Ich habe im Irak miterlebt, als lange Jahre keine Chemikalien eingeführt werden durften. Da durfte auch nicht gedüngt werden, es war nicht genügend Nahrung da, Wasser konnte nicht gereinigt werden, die Kindersterblichkeit schoss in die Höhe.

Soll der Westen bloß zuschauen?

Scholl-Latour: Wem wollen Sie denn zur Hilfe eilen? In Ägypten den Militärs oder den Muslimbrüdern? Wollen Sie den Salafisten helfen, die von Saudi-Arabien finanziert sind, aber die rabiatesten Gegner des Westens sind und bei uns Leute rekrutieren? Auf wessen Seite wollen Sie sich stellen? Der Westen kann sowieso nichts machen. Er ist auch militärisch dazu nicht in der Lage.

Ihr neues Buch heißt "Die Welt aus den Fugen". Stimmt wohl.

Scholl-Latour: Die Gleichgewichte, die sich früher auspendelten in extremen Krisen, diese Verständigung zwischen Washington und Moskau, das findet im Moment nicht statt. Dann kommt als Unsicherheit für die Zukunft, dass eine neue Weltmacht da ist: China. Unbedeutend sind nur die Europäer mit ihren internen Lappalien.

Zum Abschluss: Wo liegen die Brandherde der Zukunft?

Scholl-Latour: Es wird Unruhen in Algerien geben. Auch sind die Söldner Gaddafis mit ihren Waffen zurückgekehrt in ihre Heimatländer. Wir sehen das Resultat in Mali: Der Nordteil ist in den Händen der Islamisten. Und es ist nicht Mali allein. Niger löst sich auf, Burkina Faso steht auf schwankenden Füßen und in Nigeria bahnt sich Schlimmes an, wo Extremisten systematisch Christen ermorden. Woran man gar nicht denkt: Es wäre Aufgabe der Christen, sich um die Christen des Orients zu kümmern. Doch das tut kein Mensch. Der Papst könnte ein bisschen mehr auf die Pauke hauen, mit ein paar frommen Sprüchen ist es nicht getan. Er müsste wirklich einmal eine kräftige Stimme erheben. "Wir sollten uns endlich mal aus den ganzen Geschichten raushalten."

Scholl-Latour bezweifelt, dass der Westen Einfluss auf das Geschehen im Nahen Osten nehmen kann

Zur Person

Peter Scholl-Latour, Jahrgang 1924, Sohn eines im Saarland geborenen Arztes und einer Mutter aus dem Elsass, studierte in Mainz, Paris und Beirut Politikwissenschaft, Philologie und Arabistik. 1948 wurde er Volontär der Saarbrücker Zeitung, für die er unter anderem aus Afrika und Asien berichtete. In den Jahren 1954 und 1955 war er Sprecher der Regierung des Saarlandes unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann. Seither war er in vielfältigen Funktionen als Journalist und Publizist tätig, etwa als ARD- und ZDF-Studioleiter in Paris oder Chefredakteur des "Stern". Scholl-Latour ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren Deutschlands. tho