Der Weg zum Bio-Ei wird künftig länger

Der Weg zum Bio-Ei wird künftig länger

Landwirte sollen künftig für jedes einzelne Produkt ein EU-Bio-Gütesiegel beantragen müssen, also auch für jede einzelne Sorte eines Produktes. Diese und weitere Details neuer Brüsseler Reformpläne ärgern Saar-Bauern.

. 15 Uhr. Zum Mittagessen sitzen vier Generationen an einem Tisch. Auf gemeinsame Mahlzeiten legt die Familie Wack noch großen Wert. Auch der Nachwuchs, der gerade aus der Schule kommt, soll erfahren, was Frische bedeutet, Essen aus Lebensmitteln, die direkt vom Hof kommen. Und ausschließlich aus biologischem Anbau stammen. Schon 1984 hat die Familie den Eichelberger Hof in Ommersheim als ersten im Saarland auf Bio-Produktion umgestellt. Damals eine mutige Entscheidung, zumal man Bio-Produkte fast nirgendwo kaufen konnte.

Doch bis heute gilt für die Familie der gleiche Grundsatz: An Bio-Produktion und Bio-Produkte muss man aus Überzeugung glauben, erzählt Jochen Wack (33). Heute müssen auf dem Eichelberger Hof auf 220 Hektar Fläche 70 Milchkühe, 55 Jung-Rinder, 20 Mastschweine und 450 Hühner versorgt werden. Ein täglicher Kraftakt. Neuerdings blickt Jochen Wack mit vielen seiner Kollegen aber mal wieder sorgenvoll nach Brüssel. Denn die jüngsten Pläne von Agrar-Kommissar Dacian Ciolos, die Auflagen für Bio-Produkte europaweit anzugleichen, seien zwar auf den ersten Blick zu begrüßen. Ohnehin ist die deutsche Auslegung der Brüsseler Verordnungen heute schon eine der strengsten. Doch es werde mal wieder übertrieben. Mit nur einem Gewinner: dem Amtsschimmel. Die deutschen Bauern befürchten ein Übermaß an Bürokratie. Was passiert da wirklich in Brüssel?

Jochen Wack schüttelt den Kopf und erläutert ein praktisches Beispiel. Ob Ei, Wurst oder Gemüse: Nach Brüsseler Plänen soll künftig das EU-Bio-Gütesiegel für jedes Produkt einzeln beantragt werden müssen. Bisher reicht eine unabhängige Prüfung des gesamten Hofes und seiner Produktionsmethoden. Nach Ausstellung des Zertifikates durfte der Hof bisher das Gütesiegel selbst auf seinen Waren anbringen. "Wir produzieren aus unserem Schweinefleisch Blutwurst, Jagdwurst, Schinkenwurst und Schwartenmagen. Künftig müssten wir für jede einzelne Wurstsorte getrennte Gütesiegel beantragen. Was soll das?", fragt nicht nur Wack. Für die Fütterung der Hühner werden noch mehr Vorgaben gemacht, für die zulässigen Futtermittel in Bio-Betrieben ebenfalls. Um künftig ökologisches Gemüsesaatgut zu erzeugen und anerkennen zu lassen, wie es Brüssel vorsieht, müsse man mindestens zehn Jahre rechnen, um die Infrastruktur zu entwickeln.

Auch komplett pestizidfreie Böden halten Wack und viele seiner Kollegen für kaum realistisch. Verunreinigungen könne man in einer Umwelt, die zuvor durch den jahrzehntelangen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln belastet wurde, nicht komplett ausschließen. In Brüssel greife eine Regulierungswut um sich, sagen sowohl die Bio-Bauern als auch der saarländische Bauernverband. Kaum sei etwas beschlossen, folge die nächste Reform. Die letzte sei erst 2007 beschlossen worden. Landwirte hätten kaum noch Planungssicherheit, beklagt Alexander Welsch vom Saar-Bauernverband. Doch wer investiert schon große Beträge, wenn nicht klar ist, ob eine solche Investition nach kürzester Zeit schon wieder überholt ist?

Allerdings sei auch nicht alles schlecht an den jüngsten Plänen. Begrüßt wird, dass sich Landwirte künftig klar entscheiden müssen, ob sie lieber konventionell oder biologisch arbeiten wollen. Ein Nebeneinander beider Produktionsformen soll es nicht mehr geben. Unbestritten ist auch, dass die heimische Branche den Bio-Bedarf nicht mehr decken kann. Da seien Importe unumgänglich, strengere Richtlinien aber eher hinderlich. Ein Grundproblem bleibt trotz aller Reformanstrengungen auch weiterhin bestehen: Zu wenig konventionelle Landwirte entschließen sich dazu, auf biologischen Anbau umzustellen. Nicht nur wegen der Kosten. Länder wie China nehmen den deutschen Landwirten inzwischen große Mengen Milch zu attraktiven Preisen ab. Da lockt der Weltmarkt schon mal mehr als eine Umrüstung auf biologischen Anbau in der Heimat.