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Der Weg in die Bildungsrepublik ist noch weit "Problem ist demografische Entwicklung"

Der Weg in die Bildungsrepublik ist noch weit "Problem ist demografische Entwicklung"

Saarbrücken. Im Saarland ist die Zahl der Hochschulabschlüsse 2009 im Vergleich zu 1995 leicht auf 2928 gefallen, auch die bestandenen Meisterprüfungen lagen zuletzt mit 266 auf eher niedrigem Niveau. Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU), Joachim Malter, warnt dennoch davor, die Ergebnisse der OECD-Studie zu dramatisieren

Saarbrücken. Im Saarland ist die Zahl der Hochschulabschlüsse 2009 im Vergleich zu 1995 leicht auf 2928 gefallen, auch die bestandenen Meisterprüfungen lagen zuletzt mit 266 auf eher niedrigem Niveau. Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU), Joachim Malter, warnt dennoch davor, die Ergebnisse der OECD-Studie zu dramatisieren. "Man sollte die Situation in Deutschland nicht schwarzmalen. Wir sind gut aufgestellt, sonst wäre Deutschland weltweit nicht so erfolgreich. Auch im Saarland haben wir generell keine zu niedrige Ausbildung von Akademikern", sagte Malter der SZ. Gleichwohl sollte über Mängel nachgedacht werden, "die es zweifellos gibt". Verbesserungsbedarf sieht Malter vor allem bei der vorschulischen Bildung, gerade bei Kindern "aus weniger bildungsaffinen Elternhäusern". Insgesamt sei es "hilfreich", die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu stärken, sagt Malter. Doch Geld allein könne den Fachkräftemangel nicht verhindern, erklärt er: "Das Hauptproblem ist die demografische Entwicklung. Das Potenzial der Menschen, die man überhaupt ausbilden kann, ist aufgrund der Geburtenrückgänge der letzten Jahrzehnte nicht mehr so groß wie früher." thoBerlin. Es ist ein ständig wiederkehrendes Ritual, wenn die Bildungsexperten aus der Pariser Zentrale der OECD ihren jährlichen Bildungsbericht über die Entwicklung von Schulen und Hochschulen in den wichtigsten Industrienationen vorstellen. Ihr Urteil über Deutschland ist jedes Mal erschütternd: zu wenig Abiturienten und Hochschulabsolventen, immer noch zu viele Schulabbrecher und Ungelernte. Und Jahr für Jahr beteuern Kultusminister und Bundesbildungsministerium unisono: Man sei zwar noch nicht am Ziel - wohl aber auf dem richtigen Weg. In der Tat ist seit dem Pisa-Schock vor zehn Jahren eine Menge im Bildungssystem geschehen. Doch von der vielbeschworenen "Bildungsrepublik Deutschland" ist man noch weit entfernt.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Zusammenschluss der wichtigsten Industrienationen der Welt, feiert in diesem Jahr ihr 50. Bestehen. Der Chef der Bildungsabteilung, Andreas Schleicher, nahm dies zum Anlass, die Entwicklung in 27 großen Industrieländern über ein halbes Jahrhundert hinweg zu analysieren. Fazit: In keinem Land ist der Ausbau der Hochschulausbildung demnach so langsam voran gekommen wie in Deutschland - während weltweit die Nachfrage nach Akademikern auf dem Arbeitsmarkt rasant wächst. Deutschlands Konkurrenten auf dem Weltmarkt hätten die Zahl ihrer Hochqualifizierten weitaus stärker gesteigert als die Bundesrepublik. Nur jeder Vierte eines Jahrgangs erlangt heute einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss beziehungsweise einen Meisterbrief. Fatal ist, dass sich trotz zahlreicher Reformen daran in den letzten Jahrzehnten nicht viel geändert hat: Vor 50 Jahren war es laut OECD jeder fünfte junge Erwachsene, der eine entsprechenden Abschluss machte. "Deutschlands Beitrag zum weltweiten Pool an Talenten schrumpft rapide", warnt Schleicher. Es würden Akademiker, Meister und Techniker sowie andere qualifizierte Fachkräfte fehlen. Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums hat jedoch der Anteil der Studienanfänger mit 46 Prozent im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht.

Nach Schleichers Ansicht hat sich Deutschland einfach abgekoppelt von einer weltweiten Entwicklung hin zu mehr Hochschulausbildung. Das war nicht immer so. Auch in Deutschland wurden in den 60er und 70er Jahren neue Hochschulen gegründet und die alten Universitäten gewaltig ausgebaut. Doch die Bildungsexpansion wurde mit der Regierungsübernahme von Kanzler Helmut Kohl (CDU) 1982 abgebremst. Es folgten ständige Warnungen vor einer Akademikerschwemme. Bafög gab es nur noch als Volldarlehen. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) prägte den Begriff von einer "gewaltigen Fehlsteuerung" durch zu viel akademische Bildung. Die Studentenzahlen stiegen wie gewünscht nicht weiter und gingen in den 90er Jahren zeitweise sogar zurück. Doch die geschürte Angstvision vom "Taxifahrenden Dr. Arbeitslos" blieb eine Stammtischfiktion. Heute muss Albrechts Tochter, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Wege gegen den Fachkräftemangel suchen. Sie strebt dabei auch die Anwerbung von hochqualifizierten Akademikern aus dem Ausland an.

Kritisiert wird in dem Bericht auch die geringe Bereitschaft in Deutschland, Geld in Bildung zu investieren: Gaben private und öffentliche Stellen 1995 noch 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, so waren es 2008 nur noch 4,8 Prozent. Besonders betroffen seien die Grundschulen. Im Vergleich zum OECD-Durchschnitt von 7200 Dollar gibt Deutschland nur 5900 Dollar je Grundschüler aus.

"Deutschlands Beitrag zum weltweiten Pool an Talenten schrumpft rapide."

Andreas Schleicher, Experte der OECD

Meinung

Die Alarmglocken sollten klingeln

Von SZ-KorrespondentHagen Strauß

Die OECD-Studie sagt nichts Gutes aus: Vom Ziel des einst so gepriesenen Bildungsgipfels von Bund und Ländern, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Bildung zu investieren, hat sich Deutschland weiter entfernt. Die Alarmglocken sollten jetzt kräftig klingeln. Ausgerechnet dort, wo die Grundlagen für den Bildungserfolg gelegt werden, investiert Deutschland besonders wenig. Die Folgen liegen auf der Hand: weniger Leistung, weniger Chancengleichheit. Wenn im Laufe der Schulkarriere die Defizite nicht ausgebügelt werden, steht am Ende der Bildungskette die von der OECD beklagte miese Quote bei Meistern, Hochschulabsolventen und Facharbeitern.

 Bei der Hochschul-Bildung hinkt Deutschland laut OECD international hinterher. Foto: Woitas/dpa
Bei der Hochschul-Bildung hinkt Deutschland laut OECD international hinterher. Foto: Woitas/dpa

Nun ist das in der Tat sehr zugespitzt. Wahr ist schließlich auch: In Deutschland hat sich nach der Pisa-Blamage einiges zum Besseren verändert - vom Ausbau und der Neuausrichtung der Kindergärten über die Einführung von Sprachtests, gemeinsame Bildungsstandards bis hin zur Schaffung von Ganztagsschulen. Das darf nicht vergessen werden, wenn man mit der Statistik operiert. Auch deshalb muss man kein Experte sein, um die eigentliche Botschaft zu verstehen, die hinter den OECD-Zahlen steckt: Bei allen notwendigen Strukturdebatten ist die entscheidende Frage nun mal, wie viel ein Land bereit ist, in Bildung zu investieren. In Personal, Ausstattung, Förderung, Qualität. Da hat Deutschland eben immer noch Nachholbedarf - und zwar nicht nur bei den Grundschulen.