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Der Tag, an dem der erste Flüchtling an der Mauer starb

Der Tag, an dem der erste Flüchtling an der Mauer starb

Berlin. Am 17. August 1962, ein Jahr und vier Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, wollen die Bauarbeiter Peter Fechter und Helmut Kulbeik die "Staatsgrenze der DDR" überwinden. Die 18-Jährigen wollen in die Freiheit, in den Westen. Der bewölkte Tag erscheint geeignet

Berlin. Am 17. August 1962, ein Jahr und vier Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, wollen die Bauarbeiter Peter Fechter und Helmut Kulbeik die "Staatsgrenze der DDR" überwinden. Die 18-Jährigen wollen in die Freiheit, in den Westen. Der bewölkte Tag erscheint geeignet. Schon oft haben sie ihre Fluchtpläne erörtert, an der Zimmerstraße, nahe zum Grenzübergang Checkpoint Charlie, wollen sie es in der Mittagspause versuchen.In der Schützenstraße gehen sie in Arbeitskleidung über den Hof ins Gebäude Zimmerstraße 72-74. Wer sie sieht, hält sie für Leute, die hier arbeiten. Türen und Fenster der Kriegsruine sind teilweise vermauert. Beide kriechen hinter einen Haufen Hobelspäne und warten ab, atmen langsam, konzentrieren sich. "Nur etwas mehr als zehn Meter trennen sie von West-Berlin", schreiben die Journalisten Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff, die den Vorgang recherchiert und in ihrem neuen Buch "Mord an der Mauer" aufgezeichnet haben.

Gegen 14.10 Uhr zwängen sich Fechter und Kulbeik durch eine enge Öffnung im toten Winkel der Wachposten. Sie rennen los. Die schnelle Bewegung wird vom Posten 4 Markgrafenstraße wahrgenommen. Zwei NVA-Soldaten rufen die Flüchtenden nicht an, sie schießen sofort mit ihren Kalaschnikows. Zwei Feuerstöße aus der Hüfte, insgesamt 17 Schüsse. Die Flüchtenden werden nicht getroffen. Am Posten 3 Charlottenstraße drückt ein anderer Soldat ab, Sekunden später ein Postenführer im Sperrgebiet. Zwischen den Schüssen rast der 1,85 Meter große Kulbeik los, zieht sich an der Betonsperre hoch und überwindet den Stacheldraht auf der Mauerkrone. Mit Entsetzen sieht er, dass sein Freund erstarrt stehen bleibt. "Nun los, nun mach doch" ruft er ihm zu, dann peitschen wieder Schüsse und er lässt sich auf die West-Berliner Seite abrutschen. Er hat es geschafft.

Insgesamt sind 34 Schüsse abgefeuert worden. Peter Fechter trifft ein Stahlgeschoss, Kaliber 7,62 Millimeter. Es schlägt in seine rechte Beckenschaufel ein, zerfetzt den Darm und tritt elf Zentimeter über der Einschusswunde aus. Als er zusammensackt, schießt das Blut aus seinem Körper. Auf West-Berliner Seite wird Polizeialarm ausgelöst. Auch der junge Fotograf Wolfgang Bera hat die Schüsse gehört. Er weiß nicht genau, was geschehen ist, sieht eine alte Frau am Fenster im vierten Stock des Hauses Zimmerstraße 70. Sie zeigt auf eine Stelle hinter der Mauer, Bera weiß sofort, was sie meint, klettert die Mauer hoch, sieht Fechter in seinem Blut, fotografiert ihn und die Zeugin.

Polizeimeister Harry Bergau, der mit einem Kollegen im Funkstreifenwagen unterwegs ist, sieht den Fotografen, steigt aus dem Wagen und hangelt sich ebenfalls die Mauer hinauf. Das ist streng verboten, die Außenmauer gilt bereits als Demarkationslinie und darf von keinem West-Uniformierten erklommen werden. Bergau schiebt seinen Kopf unter dem Stacheldraht hindurch und sieht unter sich Fechter in der großen Lache Blut. Er hört sein Hauchen "Helft mir doch!", wirft ihm Verbandspäckchen hinunter. Doch der Getroffene kann sich selber nicht helfen. Fotograf Bera ist inzwischen die 100 Meter zum Checkpoint Charlie gerannt, dort stehen US-Soldaten. Er glaubt, dass sie dem Verwundeten helfen werden, denn sie dürfen sich als Alliierte auf dem Gelände frei bewegen. Doch die GIs sind dazu nicht bereit, der Fotograf wird abgefertigt. Gegen 14.55 Uhr wird der inzwischen bewusstlose Peter Fechter von zwei DDR-Grenzsoldaten abtransportiert. Auf der Westseite rufen Augenzeugen "Mörder, Mörder".

Im Kastenwagen fahren sie den Sterbenden ins Polizeikrankenhaus, dort setzt zwei Minuten nach dem Eintreffen sein Atem aus. Das alles geschah vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Autoren des Buches ermittelten, dass ein junges Paar, Spaziergänger, Redakteure der "Neuen Zeit", deren Fenster aufs Sperrgebiet hinausgingen, und immer mehr Schaulustige die Szene genau verfolgten. Peter Fechter war das erste Todesopfer an der Berliner Mauer. Er verblutete, weil niemand ihm half.