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Der tägliche Nahkampf auf der Straße "Viele können sich nicht in die Situation von Radfahrern hineinversetzen"

Der tägliche Nahkampf auf der Straße "Viele können sich nicht in die Situation von Radfahrern hineinversetzen"

Berlin. Auf deutschen Straßen tobt ein täglicher Nahkampf: Es wird geschimpft, geflucht, geschnitten und gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Fahrradfahrer und Autofahrer geraten immer häufiger aneinander. Für Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU, Foto: dpa) sind freilich die Radfahrer alles andere als Unschuldslämmer - der Minister liest ihnen jetzt die Leviten

Berlin. Auf deutschen Straßen tobt ein täglicher Nahkampf: Es wird geschimpft, geflucht, geschnitten und gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen. Fahrradfahrer und Autofahrer geraten immer häufiger aneinander. Für Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU, Foto: dpa) sind freilich die Radfahrer alles andere als Unschuldslämmer - der Minister liest ihnen jetzt die Leviten. "Es darf sich unter den Fahrradfahrern keine Ich-darf-das-Mentalität einschleichen. Der Begriff der Kampfradler macht bereits die Runde", warnt Ramsauer im Gespräch mit unserer Zeitung. Er fordert die Länder auf, endlich härter gegen Rowdys durchzugreifen.In Deutschland gibt es grob geschätzt etwa 70 Millionen Fahrräder. Allein 2009 kamen vier Millionen neue Räder hinzu. Rad fahren liegt also voll im Trend, und seit Sprit so teuer geworden ist, steigen viele erst recht auf den Drahtesel um. Zugleich wächst die Verkehrsdichte auf den deutschen Straßen - jedes Jahr gibt es über 450 Tote und 70 000 Verletzte bei Unfällen nur mit dem Fahrrad.

Im Saarland lag die Zahl der Verkehrsunfälle mit Radfahrern nach Angaben der Landespolizeidirektion im vergangenen Jahr bei 572. Sie ist jedoch seit einigen Jahren rückläufig, ebenso wie die Zahl der Verletzten. Schwer verletzt wurden 2008 noch 112 Menschen, 2010 waren es 87. Die Zahl der Leichtverletzten fiel von 477 auf 379. Ein Radfahrer kam 2010 im Straßenverkehr ums Leben, 2009 waren es vier. Ungewöhnlich viele tödliche Radunfälle - nämlich elf - gab es im Jahr 2004. "Daraufhin haben wir eine landesweite Aktion für die Sicherheit von Radfahrern gestartet, die erfreulicherweise gefruchtet hat. 2006 gab es keinen tödlichen Unfall", sagt Bernd Brutscher, Verkehrsspezialist bei der Landespolizeidirektion.

Die Ursachen für Unfälle mit Radfahrern sind vielfältig - schlechte Radwege, Schlaglöcher, unachtsame Autofahrer, leichtsinnige Radler. Aber viele haben auch ein gespanntes Verhältnis zu Ampeln und Verkehrszeichen, Einbahnstraßen und Fußgängerzonen. Laut einer aktuellen Umfrage der Sachverständigen-Organisation Dekra unter 1600 Autofahrern, von denen fast alle angaben, selbst zwischendurch in die Pedale zu treten, beklagten sich drei von vier Befragten, dass sich Radfahrer häufig über die Verkehrsregeln hinwegsetzen würden. 44 Prozent der Befragten gaben an, sie brächten Fußgänger in Gefahr. Aber: Jeder zweite Befragte (56 Prozent) warf auch den Autofahrern vor, zu wenig Rücksicht zu nehmen.

"Diese Ergebnisse sind erschütternd", sagt Ramsauer. "Offensichtlich müssen viele lernen, dass sie nicht die Robin Hoods der Straße sind. Ich erwarte von allen Verkehrsteilnehmern, dass sie sich an die Regeln halten und das Gebot der Rücksichtnahme im Straßenverkehr beherzigen." Ramsauer vermutet, dass den Rad-Rowdys nicht bewusst ist, dass sie bestraft werden, wenn sie sich über die Regeln hinwegsetzen. Mit ihrem Verhalten sammeln sie sogar Punkte in Flensburg und bringen ihren Führerschein in Gefahr. Besonders folgenreich können Fahrten unter Alkoholeinfluss werden. Auch wenn es keine speziell definierten Promillegrenzen für Radfahrer gibt, bei "Alkohol am Lenker" greifen die grundsätzlich für Autofahrer geltenden Werte, und die beginnen bereits bei 0,3 Promille, sollte es zu einem Unfall kommen.

Darüber hinaus gibt es einen Bußgeldkatalog, der bei fünf Euro zum Beispiel für freihändiges Fahren beginnt. Die besonders beliebte Missachtung des Rotlichts kostet 45 Euro und kann sich im Falle eines Unfalls auf bis zu 180 Euro steigern. Wer entgegen der Fahrtrichtung oder falsch in einer Einbahnstraße fährt, muss mit bis zu 30 Euro Strafe rechnen. Und wer ohne Licht radelt, dem drohen bis zu 35 Euro. An eine Verschärfung des Bußgeldkatalogs denkt Ramsauer allerdings nicht, um auf den Straßen wieder für mehr Ordnung zu sorgen. Er sieht schlichtweg ein Kontrolldefizit von Fahrradfahrern: "Die Länder fordere ich auf, die Einhaltung der Regeln auch durch Fahrradfahrer streng zu kontrollieren", lautet das Fazit des Ministers.Herr Messerschmidt, sind Radfahrer wirklich Rüpel?

Messerschmidt: Überwiegend nicht. Natürlich gibt es auch unter den Radfahrern Rüpel, ebenso wie unter den Autofahrern und den Fußgängern.

Woran liegt es, dass sich Autofahrer und Radfahrer oft nicht grün sind?

Messerschmidt: Das ist sicher kein böser Wille, sondern eher Unkenntnis. Autofahrer können sich häufig nicht in die Situation von Radfahrern hineinversetzen. Sie wissen nicht, was sie von einem Radfahrer erwarten können und was nicht. Deshalb gibt es oft Missverständnisse. Ein Radfahrer kann sich zum Beispiel nur sehr eingeschränkt nach hinten orientieren.

Was könnte man für mehr Harmonie tun?

Messerschmidt: Mehr Rad fahren! In Saarbrücken haben wir dafür gar nicht mal so eine schlechte Infrastruktur - das beinhaltet zum Beispiele Radwege, Radspuren oder die Freigabe von Einbahnstraßen für Radfahrer im Gegenverkehr. Dennoch gibt es viele Saarbrücker, die nie oder ganz selten Rad fahren. Der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehr liegt nur bei zwei Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es neun bis zehn Prozent.

Was halten Sie von Minister Ramsauers Forderung, Radfahrer stärker zu kontrollieren?

Messerschmidt: Nun ja, Radfahrer sind eine Minderheit. Wenn man da draufhaut, kostet es nur wenige Wählerstimmen. Wenn Herr Ramsauer dagegen fordern würde, den motorisierten Verkehr stärker zu kontrollieren - was mehr bringen würde -, dann würde es viel mehr Wählerstimmen kosten. Abgesehen davon finde ich, dass der Verkehr allgemein zu wenig kontrolliert wird, denn das regelkonforme Verhalten nimmt allenthalben ab. Das gilt für den motorisierten Verkehr ebenso wie für Radfahrer und Fußgänger.

Meinung

Ramsauer aufs Rad!

Von SZ-RedakteurDietmar Klostermann

Anscheinend ist Verkehrsminister Ramsauer in Berlin beim Ausstieg aus der Dienstlimousine ein Radler über den Fuß gefahren: Anders ist es kaum zu erklären, dass der Bayer jetzt so pampig von "Kampfradlern" redet. Natürlich gibt es unter den Radfahrern, wie unter den Autofahrern auch, Zeitgenossen, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Doch ehe Ramsauer die Radler mies macht, sollte er eines bedenken: Radler stoßen kein Kohlendioxid aus und halten sich fit. Doch ein Dankeschön dafür bekommen die Radler nicht. In Saarbrücken fährt kaum jemand Rad, weil es kaum Radwege gibt. Fahrradbeauftragte werden verfemt, ehe sie etwas gegen diese Rückständigkeit tun können. Und Radfahrer-Jäger Ramsauer wird am Ende noch Saarbrücker Ehrenbürger.