"Der Riss geht quer durch die Familien"

"Der Riss geht quer durch die Familien"

Gorleben. Am silbernen Mercedes im Firmenhof von Remo Röntgen klebt ein unscheinbarer Aufkleber: "Republik Freies Wendland". Der international agierende Textilunternehmer mit 140 Angestellten sieht nicht wie der typische Widerstandskämpfer aus, hält aber auch nicht hinter dem Berg mit seiner Meinung

Gorleben. Am silbernen Mercedes im Firmenhof von Remo Röntgen klebt ein unscheinbarer Aufkleber: "Republik Freies Wendland". Der international agierende Textilunternehmer mit 140 Angestellten sieht nicht wie der typische Widerstandskämpfer aus, hält aber auch nicht hinter dem Berg mit seiner Meinung. "Ich und meine Geschwister, wir haben alle schon den Knüppel bei Castor-Transporten gespürt", erzählt er im lichtdurchfluteten Saal seines schicken Unternehmenssitzes in Dannenberg. "Und nachts im Gleisbett gefroren."

Der 44-jährige Manager zeigt, wie vielschichtig der Protest gegen den Castor-Transport und ein mögliches Endlager in Gorleben ist. Die Bürger haben hier ein starkes Kreuz und hoffen, dass sich viele Menschen auch von außerhalb - ähnlich wie beim Bahnprojekt Stuttgart 21 - mit ihnen solidarisch zeigen. Zwischen Samstag und Sonntag wird der zwölfte Castor-Transport im Wendland erwartet. Das Problem: Hier geht es nicht um einen Bahnhof, sondern um hoch radioaktiven Atommüll, den will bei aller Solidarität kaum jemand in seiner Nähe haben.

Röntgens Mutter Diete Hansl betont: "Ich werde auch demonstrieren gehen, aber nicht in der Schusslinie." Ihre Tür will die adrette Frau für Demonstranten öffnen. Nach 30 Jahren sei das Misstrauen in der Region sehr groß, ob Gorleben als Endlager geeignet sein könnte. Ihr Sohn findet eine europäische Lösung für ein Endlager sinnvoll, am besten in einer unbewohnten Region. Wenn der Castor nun zum zwölften Mal nach Gorleben rollt, wird Röntgen wieder eine der größten Protestfahnen des Landkreises an der Fassade aufhängen, mit schwarzem Kreuz auf gelbem Untergrund.

Die Bahngleise in Dannenberg sind bereits mit Stacheldraht abgesperrt, überall ist Polizei. Mindestens 16 500 Polizisten sollen die elf Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll abschirmen, die in der Umladestation auf Tieflader verladen werden.

Dass der Castor die Strecke Dannenberg-Gorleben nicht einfach so passieren kann, dafür will Gisela Webs aus Quickborn sorgen. Sie gehört zur "Bäuerlichen Notgemeinschaft", vor ihrem Hof sitzen auf einer Holzbank zwei verstrahlte Strohpuppen, die schwarz-gelben Augen symbolisieren das Zeichen für Radioaktivität. Die Castoren könnten auf dem Straßenweg nach Gorleben durch Quickborn rollen - es gibt nur zwei mögliche Routen. Jedes Mal vor dem Castor-Transport wird die Gegend von Polizisten abfotografiert, erzählt Webs. Als sie mal abends im Wald mit ihrem Mann zur Zeit eines Transports gelbe Protestkreuze anbringen wollte, war ihnen gleich eine ganze Hundertschaft Polizisten auf den Fersen.

Die Mutter von vier Kindern erzürnt noch immer, dass Polizisten ihren zehnjährigen Sohn bei einer Kontrolle fragten, warum er denn so dick angezogen sei. Ihm müsse doch warm sein, er sei doch eh schon verstrahlt. "Alles hat seine Grenzen, auch wenn Auseinandersetzungen während des Castors heftig sind", betont Webs. Das gelte auch für ihre Kinder. "Wenn ich einen erwische, der sagt ,Scheiß Bullen', dann gibt's was auf die Socken." Der oberste Grundsatz für den Protest ist laut Gisela Webs Gewaltfreiheit.

Von Remo Röntgens Textilfirma in Dannenberg, über Quickborn, wo die Webs den Aufstand proben, wird der Castor zum streng abgeschirmten Zwischenlager an der Lüchower Straße fahren. Auf einer Waldlichtung, einem Treffpunkt für Mahnwachen, wartet Pastor Eckard Kruse. 300 Meter entfernt ist der umstrittene Salzstock, der von grünen Gitterzäunen und berittener Polizei abgeschirmt wird.

Kruse ist der Endlager-Beauftragte der evangelischen Landeskirche. Ein sehr bedächtiger Mann, der seine Worte gut abwägt. Früher gab es noch Predigtverbote zum Thema Endlager, die Zeiten sind vorbei. Beim Castor-Transport wird er zu den 60 Seelsorgern gehören, die zwischen Demonstranten und Polizei vermitteln werden. "Die Stimmung ist klar: Wir befinden uns an einem Wendepunkt", sagt er. Aber er betont auch, nicht alle seien gegen das Endlager - schließlich winken auch lukrative Einnahmen als Ausgleich. "Der Riss geht quer durch Familien." Aber viele Bürger sagten, wenn jetzt nichts passiere, werde Gorleben zum Endlager und der Atommüll für immer hierbleiben. Daher gebe es nicht nur eine Renaissance des Anti-Atom-Protestes. "Sondern das ist was Neues", sagt Kruse. Von Regierungsseite sei ihm indirekt bestätigt worden, dass in Gorleben keine ergebnisoffene Erkundung das Ziel sei. Vielmehr könnte hier trotz massiver Bedenken, ob das Salz den Atommüll sicher verschließen kann, das Endlager schon bald bezugsfertig ausgebaut werden.

Deshalb könnte es in diesem Jahr etwas härter zugehen, das erfülle ihn mit Sorge, sagt Kruse: "Ich habe solch eine Entschiedenheit noch nie erlebt." "Die Stimmung

ist klar:

Wir befinden

uns an einem Wendepunkt."

Pastor Eckard Kruse, Endlager-Beauftragter

"Wenn ich einen erwische, der sagt Scheiß Bullen,

dann gibt's was

auf die Socken."

Bäuerin Gisela Webs tritt

für Protest ohne Gewalt ein

"Ich werde auch demonstrieren gehen, aber nicht in der Schusslinie."

Diete Hansl mit ihrem Sohn

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