Der Papst und das hörende Herz

Damit haben die Grünen nicht gerechnet. Der Papst ist fast am Ende seines Redemanuskripts angekommen - und lobt doch tatsächlich die deutsche Ökologiebewegung der 1970er Jahre. Deren Auftreten sei "ein Schrei nach frischer Luft gewesen", sagt Benedikt XVI. An dieser Stelle wird er zum ersten Mal von spontanem Beifall unterbrochen

Damit haben die Grünen nicht gerechnet. Der Papst ist fast am Ende seines Redemanuskripts angekommen - und lobt doch tatsächlich die deutsche Ökologiebewegung der 1970er Jahre. Deren Auftreten sei "ein Schrei nach frischer Luft gewesen", sagt Benedikt XVI. An dieser Stelle wird er zum ersten Mal von spontanem Beifall unterbrochen. Auch von Abgeordneten, die den Auftritt vorher kritisch sahen.Bereits eineinhalb Stunden vor Beginn der mit Spannung erwarteten Rede beginnt der Plenarsaal, sich langsam zu füllen. Fast alle Ministerpräsidenten sind da, darunter auch die saarländische Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Ein Teil der Plätze ist für das Gefolge des Heiligen Vaters reserviert. Sinnigerweise sitzen die päpstlichen Begleiter hinter der Linksfraktion, die sich fast noch mehr als die Grünen über die Parlamentsvisite erregt hatte. Ihre Reihen sind stark gelichtet.

Den Papst bringt das nicht aus der Fassung. Ruhig, fast professoral trägt er seine tiefgründige Analyse über Politik, Vernunft und Ethik vor. Am meisten beeindruckt viele Benedikts Verweis auf König Salomon, der sich als Herrscher von Gott nur eines gewünscht hat: "Ein hörendes Herz, damit er sein Volk regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden kann." Der FDP-Abgeordnete Patrick Meinhardt rät anschließend seinen Kollegen, die Ansprache später in Ruhe noch mal nachzulesen. Das richtet sich auch an den Grünen Christian Ströbele, der als einziger seiner Fraktion den Saal verlassen hat.

Benedikts Besuch beginnt am Morgen überpünktlich. Als der Airbus um 10.16 Uhr in Berlin-Tegel aufsetzt, haben sich graue Wolken vor die Sonne geschoben. Zunächst verlassen zahlreiche Medienvertreter die Maschine. Handys werden gezückt und erste Nachrichten übermittelt. Die wichtigste in diesem Augenblick: Benedikt hat großes Verständnis für die zahlreichen Proteste. "Das ist normal in einer freien Gesellschaft", hat er während des Fluges gesagt.

Rund um Schloss Bellevue sind die Straßen hermetisch abgeriegelt. Hubschrauber kreisen, die Fahrzeugkolonne des Papstes nimmt die Straße des 17. Juni. Ab und an winkt der Papst aus seiner gepanzerten Limousine. Um 11.11 Uhr biegt die Kolonne in den Hof ein, Wulff und seine Frau warten schon lächelnd an der Treppe. Als der 84 Jahre alte Papst aus dem Wagen steigt, hilft Wulff ihm dezent. Im Schlossgarten haben sich derweil 1000 geladene Gäste versammelt. Als der Papst die Schlossterrasse betritt, sind "Bravo"-Rufe zu hören.

Im Vorfeld war darüber spekuliert worden, was sich das konservative Kirchenoberhaupt und der wiederverheiratete Katholik Wulff wohl zu sagen haben werden. Wulff hat viele Fragen. Er will wissen, sagt er in seiner Begrüßungsrede, wie "barmherzig" die Kirche mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen umgeht, wie mit "Fehlverhalten von Amtsträgern". So spielt er auf den Missbrauchsskandal an. Später im Bundestag spricht auch Parlamentspräsident Norbert Lammert Klartext: Die Menschen wünschten sich, sagt er, dass gerade unter einem deutschen Papst, "ein unübersehbarer Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung stattfände". Aber der Papst geht auf all das in seiner Rede nicht ein.

Kanzlerin Angela Merkel trifft Benedikt XVI. am Mittag gesondert im Sitz der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin. Auf dem Dach liegen Scharfschützen. Merkel ist unruhig, sie sucht nach ihrem Ehemann Joachim Sauer, der auf den Gängen irgendwo verloren gegangen ist. Bei einem Vier-Augen-Gespräch, zu dem ihr Ehemann dann später doch noch dazu kommt, werden brandaktuelle Themen besprochen: Es geht um Europa und die Entwicklung auf den Finanzmärkten. Eines ist sonnenklar: Politik und Kirche reden offen miteinander. Tabus sucht man auch am Potsdamer Platz vergeblich. Dort kommt eine bunte Demonstration der Gegner aber nur schleppend in Gang. 5000 sind es am frühen Abend, 20 000 waren erwartet worden. Viele Schwule und Lesben sind dabei. Sie sind als Nonnen oder Priester verkleidet, tragen Protest-T-Shirts. "Papst, geh' nach Hause" ist zu lesen. Ehemalige Heimkinder haben vorher schon am Brandenburger Tor demonstriert.

Seine Kritiker auf den Straßen bekommt der Papst nicht zu Gesicht, und wenn doch, dann nur vereinzelt im Vorbeifahren. Das ist auch auf dem Weg zum Olympia-Stadion so, wo mehr als 60 000 Menschen auf ihn warten - und ihn begeistert feiern.