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Der Papst ist nicht überall willkommenBenedikts Programm dicht wie seltenElke Ferner will Papst-Rede boykottieren

Der Papst ist nicht überall willkommenBenedikts Programm dicht wie seltenElke Ferner will Papst-Rede boykottieren

Vatikanstadt/Berlin. Das Programm von Papst Benedikt XVI. bei seiner bevorstehenden Deutschlandreise ist nach Einschätzung von Vatikansprecher Federico Lombardi so dicht und intensiv wie bei kaum einem früheren Auslandsbesuch. Allein am Ankunftstag, am 22. September, stünden nach dem Hinflug in Berlin drei Großereignisse auf dem Programm, sagte er gestern

Vatikanstadt/Berlin. Das Programm von Papst Benedikt XVI. bei seiner bevorstehenden Deutschlandreise ist nach Einschätzung von Vatikansprecher Federico Lombardi so dicht und intensiv wie bei kaum einem früheren Auslandsbesuch. Allein am Ankunftstag, am 22. September, stünden nach dem Hinflug in Berlin drei Großereignisse auf dem Programm, sagte er gestern. Auf die Begrüßungszeremonie in Schloss Bellevue folge am Nachmittag die Rede im Reichstag und anschließend die Messe im Olympia-Stadion. Insgesamt werde der 84-Jährige an den drei Reisestationen, in Berlin, in Erfurt und Etzelsbach sowie in Freiburg 17 Reden halten; nur bei der Heilig-Land-Reise 2009 seien es mehr gewesen, nämlich 29. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie weitere Mitglieder der Bundesregierung werden Papst Benedikt XVI. zum Auftakt seines Deutschlandbesuchs am Berliner Flughafen Tegel empfangen. "Die Bundesregierung freut sich sehr auf diesen Besuch", betonte Regierungssprecher Steffen Seibert gestern in Berlin.Keine Auskunft gab der Sprecher auf die Frage, ob es während der Deutschland-Reise zu einer Begegnung mit Missbrauchsopfern kommen werde. Wie bei ähnlichen Treffen in der Vergangenheit würde er auch in Deutschland - falls eine solche Begegnung zustande komme - anschließend in einem Kommuniqué darüber informieren, so Lombardi. kna

Berlin. Ob der Papst je erfährt von dieser Demonstration? Während Benedikt XVI. am Donnerstag im Bundestag redet, gehen mehrere tausend Menschen gegen die katholische Sexualmoral auf die Straße. "Wir demonstrieren gegen die menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes, gegen Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen, gegen die Ungleichbehandlung von Frauen, gegen die Kondompolitik", sagt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg.

Wenn der Papst nächste Woche nach Deutschland kommt, muss er sich auf Protest einstellen. "Der Papst steht für eine menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik", lautet die zentrale Botschaft seiner Gegner, die in den zu bereisenden Bistümern Berlin, Erfurt und Freiburg vielfältige Proteste gegen ihn organisieren. Bereits seit Wochen diskutieren sie in Veranstaltungen über "Benedikts Kreuzzug", in dem er "die Moderne bekämpft", oder den "heiligen Schein", hinter dem sich der Vatikan in der Debatte um den Umgang mit Homosexuellen verstecke. Kritisiert wird zudem die katholische Haltung zur Gleichstellung von Frauen und zur "Kondompolitik".

"Unser Bündnis protestiert nicht gegen den Glauben, sondern fordert auch Katholiken zum Protest gegen die Haltung der Kirche auf", stellt Pascal Ferro, Koordinator des Berliner Protestbündnisses "Der Papst kommt", klar. Teilnehmen könnten sie zum Beispiel am "bunten, lauten und ausgelassenen Protest" während der Bundestagsrede des Papsts, den die Berliner Justiz inzwischen vom Brandenburger Tor an dem Potsdamer Platz verbannte. Zu der Kundgebung, die bewusst zeitgleich zur Papstrede im Parlament stattfindet, erwartet das Bündnis nach eigenen Angaben bis zu 20 000 Menschen. "Uns ist völlig unverständlich, warum der Papst im Bundestag reden darf", sagt Ferro. Der Vatikan habe "eigene menschenfeindliche Gesetze" und sei "doch noch nicht einmal eine Demokratie".

In Erfurt, wo der Papst am Freitagvormittag eintreffen soll, plant das linksgerichtete Bündnis "Heidenspaß statt Höllenangst" für den frühen Abend eine Demonstration am Hauptbahnhof. Parallel zur großen Papstmesse am Samstagmorgen auf dem Domplatz wollten die Kritiker zudem eine sogenannte religionsfreie Zone im Stadtzentrum einrichten. "Wir haben das Gefühl, dass viele Leute zu dem Gottesdienst gehen, ohne überhaupt zu wissen, welche Haltungen der Vatikan vertritt", sagt Böhm. Der Papstbesuch sei insgesamt ein "Wohlfühlereignis, das davon abhält, sich um drängende gesellschaftliche Probleme zu kümmern".

Die Kritiker im badischen Freiburg erwarten Benedikt XVI. mit einer klaren Ansage. "Freiburg ohne Papst" heißt das Gegnerbündnis. Auf dessen Internetseite prangt das Freiburger Münster mit einem rosafarbenen Kondom über seinem Turm. Eine Demonstration während der Anwesenheit des Papsts werde es nicht geben, sagt Mathias Falk, einer der Organisatoren des Protests. Das Bündnis habe jedoch mehr als 3500 Unterschriften gegen den geplanten Eintrag des Papsts in das Goldene Buch der Stadt gesammelt. Der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon lehnt die Entgegennahme der Unterschriften jedoch ab: Der richtige Adressat der Kritik sei nicht die Kommune, sondern die Kirche. Falk stört am Besuchsprogramm des Papsts vor allem, "dass unsere politischen Repräsentanten auf allen Ebenen so unkritisch sind". Dies gelte für die Rede im Bundestag ebenso wie für den Termin im Freiburger Rathaus. "Die katholische Kirche verurteilt alles, was von ihrer Norm abweicht, und hat dabei weltweit einen allumfassenden Anspruch", kritisiert Falk. Dem Papst müsse daher ebenso wie Repräsentanten totalitärer Staaten klar widersprochen werden, wenn er sich etwa gegen Homosexuellen- oder Frauenrechte positioniere: "So jemanden muss man doch in die Schranken weisen."Saarbrücken. Die Saarbrücker Abgeordnete Elke Ferner (Foto: dpa) will der Papst-Rede im Bundestag aus Protest gegen die konservative Haltung der Amtskirche in der Gesellschaftspolitik fernbleiben. Die Position zu Themen wie Gleichberechtigung der Frau, Homo-Ehe oder Schwangerschaftsabbruch gehörten ins 18. Jahrhundert, sagte die Vize-Fraktionschefin der SZ. "Da die Positionen hinlänglich bekannt sind, muss ich mir das nicht noch einmal anhören." Ob sie an Protesten teilnehmen werde, habe sie noch nicht entschieden.

Aus den Oppositionsfraktionen von SPD, Grünen und Linken wollen etwa 100 Abgeordnete die Papst-Rede boykottieren. Unter den Saar-Abgeordneten ist Ferner allerdings die einzige. Ihr Fraktionskollege Ottmar Schreiner hält es für "ein Gebot der Höflichkeit", dem Papst zuzuhören. Er erwarte, dass Benedikt als moralische Autorität auch Anregungen geben werde, etwa für die schwierige Situation der EU. Die Linken-Abgeordnete Yvonne Ploetz sagte: "Für mich lebt Politik auch vom Zuhören und dem Auseinandersetzen mit anderen Positionen." Ihr Fraktionskollege Thomas Lutze erklärte, der Bundestag habe den Papst eingeladen - daher sei es für ihn als Abgeordneten eine "Selbstverständlichkeit", sich die Rede anzuhören. Ob er Benedikt jedoch applaudieren werde, könne er noch nicht sagen. Markus Tressel (Grüne) hält die Rede trotz Meinungsverschiedenheiten für "unproblematisch". kir/tho

"Unser Bündnis protestiert nicht gegen den Glauben."

Pascal Ferro, Gegner des Papst-Besuchs