Der Mannschafts-Spieler

Saarbrücken. Wenn sich Geschichte wiederholt, was bei dieser WM schon mehrfach vorgekommen ist (Ein Wembley-Tor der Engländer! Sieg gegen Argentinien im Viertelfinale!!), dann wird Philipp Lahm heute der Held des deutschen Fußballs. Wieder ist es ein Halbfinale. Wieder an einem Mittwochabend. Wie vor zwei Jahren bei der EM

 Kapitän Philipp Lahm gibt in der deutschen Nationalmannschaft die Richtung vor. Das macht er ganz anders als die meisten seiner dominanten Vorgänger. Fotos: dpa

Kapitän Philipp Lahm gibt in der deutschen Nationalmannschaft die Richtung vor. Das macht er ganz anders als die meisten seiner dominanten Vorgänger. Fotos: dpa

Saarbrücken. Wenn sich Geschichte wiederholt, was bei dieser WM schon mehrfach vorgekommen ist (Ein Wembley-Tor der Engländer! Sieg gegen Argentinien im Viertelfinale!!), dann wird Philipp Lahm heute der Held des deutschen Fußballs. Wieder ist es ein Halbfinale. Wieder an einem Mittwochabend. Wie vor zwei Jahren bei der EM. "Es läuft die letzte Minute", ruft Béla Réthy ins ZDF-Mikro, kurz zuvor ist den Türken der Ausgleich gelungen. Dann bekommt Lahm den Ball, lässt einen Türken aussteigen, spielt quer zu Hitzlsperger, Doppelpass, Schuss mit rechts ins kurze Eck - der Rest ist Jubel, Freude pur. 3:2! Deutschland im Finale!

Wer sich die Bilder von damals anschaut, dem laufen Freudenschauer über den Rücken. Solche Glücksgefühle wollen Millionen Fans heute wieder erleben, viel wird dabei erneut von Philipp Lahm abhängen. Lahm ist mit seinen 26 Jahren der jüngste Kapitän in der Geschichte des DFB und er ist zugleich der erste moderne Spielführer. Der 1,70 Meter kleine Außenverteidiger mit Schuhgröße 38,5 ist ein passender Außenminister für diese Mannschaft, die das Bild der deutschen Nationalelf so grundlegend verändert hat während dieser berauschenden WM.

Deutschland steht, egal wie das Halbfinale gegen Spanien endet, in der Fußballwelt nicht länger für ewig angestrengte Kampfmaschinen, die mit deutschen Tugenden hässliche Siege erzwingen. Die Argentinier wurden ebenso wie zuvor die Engländer ausgespielt, nicht niedergekämpft. Weil in diesem Team eine Reihe von Spielern glänzen, die nicht eben typisch deutsch aussehen - und spielen.

"Deutschland hat das Militärregime beendet", staunte der brasilianische Weltmeister Cafu dieser Tage. Dazu passt der elegant spielende Kapitän Lahm, der so anders ist als die allermeisten seiner Vorgänger. Der nicht den Feldherrn markiert wie Ballack, Kahn oder Matthäus, sondern sich als Erster unter Gleichen betrachtet, der auch nach außen bescheiden auftritt und für Teamgeist steht. "Es ist nicht mehr so wie früher", sagt Lahm, "dass ein einziger Spieler führen muss, dass der den Chef macht und die anderen hinterherrennen." Lahm setzt auf "flache Hierarchien". Und er ist überzeugt, dass eine Gruppe in erster Linie über eine positive Ansprache funktioniert: "Man darf ruhig auch mal sagen, was gut läuft." Wie kurz vor der WM, als Lahm davon sprach, dass man es hier mit "der besten Nationalmannschaft, in der ich je gespielt habe" zu tun hätte. Dafür wurde er von vielen belächelt, heute wissen wir: Lahm hatte Recht.

Engagierte Eltern

Dass aus Philipp Lahm das werden konnte, was er heute ist, hat viel mit seiner Kindheit im Münchner Stadtteil Gern zu tun. Gern scheint ein Ort zu sein, in dem sich die Menschen gern aufhalten. Zumindest die Lahms scheinen das zu tun, die Eltern Daniela und Roland, Tochter Melanie und Sohn Philipp. Die Familie war und ist stark engagiert im Vereinsleben, Mutter Daniela wurde dafür sogar mit dem Bayerischen Ehrenamtspreis ausgezeichnet. "Wenn man solches Engagement mitbekommt, prägt das", sagt Lahm.

Er sei in einer behüteten Umgebung aufgewachsen, gute Voraussetzungen, um im Leben etwas zu erreichen. Weil er sehr viel Glück hatte, sieht er es als Verpflichtung an, davon etwas abzugeben. Nicht gerade eine Selbstverständlichkeit im Fußballgeschäft, wo viele ihr Glück nicht zu würdigen wissen, ihren Ruhm besudeln mit Protzerei, Dummheit oder Arroganz. Lahm ist anders. "Es ist mir wichtig, dass ich nicht nur als Fußballer gesehen werde, sondern als Mensch, der mit offenen Augen durchs Leben geht, der Sachen unterstützt, die ihm wichtig sind, der sich seiner Vorbildfunktion bewusst ist", sagte er einmal der "Süddeutschen Zeitung". Weil Kinder zu ihm aufschauen, möchte er "privat und öffentlich ein anständiger Kerl" sein. Stinkefinger und stinkende Worte scheinen undenkbar. Doch da ist noch mehr.

DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht in Lahm einen Nationalspieler neuer Prägung. Er stehe beispielhaft für jene Fußballprofis, "die ihren Sport gesellschaftlich orientiert begreifen und die nicht den Bezug zum Leben verloren haben". Wenige Monate vor diesem außergewöhnlichen Lob hatte Lahm eine Stiftung gegründet, die sich um benachteiligte Kinder in Deutschland und Afrika kümmert. Die Idee zu diesem in der Fußballwelt ungewöhnlichen Schritt - noch dazu in solch jungen Jahren - kam ihm 2007 bei einem Besuch in Südafrika. Als er das Elend sah, die Armut der vielen Kinder, die meist durch Aids ihre Eltern verloren hatten, als er ein 13-jähriges Mädchen traf, das seine Geschwister allein großziehen musste, war er "sehr ergriffen". Und wusste: "Ich muss etwas machen."

150 000 Euro hat er als Stammkapital der Stiftung aus eigener Tasche bezahlt, seither sind viele Zehntausende Euro dazugekommen, die Lahm meist abseits der großen Öffentlichkeit bei verschiedensten Veranstaltungen eingesammelt hat. Mit dem Geld finanziert er in Deutschland beispielsweise Ferienlager für Kinder, die sich einen Urlaub niemals leisten könnten, die dort in Sachen Bildung, Bewegung und Ernährung gefördert werden. "Ich möchte Kindern helfen, an sich zu glauben und zu arbeiten, damit sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können", sagt Lahm. In Afrika wiederum verteilt er Laufschuhe, baut Sportplätze in Armenvierteln und unterstützt Jugendmannschaften.

Parallel zu seiner Stiftung engagiert sich Lahm als Botschafter der SOS-Kinderdörfer und des Welt-Aids-Tages, unterstützt ein Bündnis, das Kinder vor Gewalt schützt, oder stellt, während andere Fußballer mit ihren PS-starken Gefährten durch die Gegend jagen, seine Prominenz für eine Kampagne gegen Raserei auf Autobahnen zur Verfügung. Dass er sich mit seinem vielfältigen Engagement nicht immer nur Freunde macht und Neider auf den Plan ruft, die ihn als berechnenden Gutmenschen schmähen, davon lässt sich Lahm nicht blenden. "Ist es schlecht, wenn ich helfen will?", fragt er und gibt die Antwort in einem "Zeit"-Interview selbst: "Wenn es jeder tun würde, dem es gut geht im Leben, dann würde es vielen Menschen besser gehen." Starke Worte des deutschen WM-Kapitäns, der nicht nur auf dem Rasen Stärke zeigt. Und doch wünschen wir uns heute genau das: einen starken Lahm auf der Außenbahn und sein Siegtor in der Schlussminute.

Hintergrund

2010 wird erstmals der Bürgerpreis der deutschen Zeitungen vergeben. Ausgezeichnet wird herausragendes bürgerschaftliches Engagement von Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen. Die Entscheidung trifft am 20. September 2010 beim Zeitungskongress in Essen eine Jury, die aus den Chefredakteuren aller Zeitungen besteht, die zum Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gehören. Der Preis wird nicht ausgeschrieben. Eine Bewerbung um diesen Preis ist nicht möglich. Vorschlagsberechtigt sind die Chefredaktionen der BDZV-Mitgliedsverlage. Die Chefredaktion der Saarbrücker Zeitung nominiert in diesem Jahr Philipp Lahm für sein herausragendes bürgerschaftliches und soziales Engagement für den Bürgerpreis der deutschen Zeitungen. Seine vielfältigen Aktivitäten vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche sind nach Auffassung der SZ-Chefredaktion vorbildlich und beispielgebend. red

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