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Der Mann mit dem Wohlfühl-Aroma

Der Mann mit dem Wohlfühl-Aroma

Fußball-Manager Reiner Calmund war 30 Jahre lang Motor und Aushängeschild des Fußball-Bundesligisten Bayer-Leverkusen – und machte dann nochmal Karriere als TV-Moderator und Kochjuror, Vortragsredner und Kolumnist. 2012 zog er überraschend nach Saarlouis – und will dort jetzt bleiben.

 Saarland-Power für das von Calmund organisierte deutsch-türkische „Jahrhundertspiel“: der aus Sulzbach stammende Rudi Assauer, Koch Klaus Erfort, Berater Klaus Hoffmann, Tatort-Kommissarin Elisabeth Brück und Köchin Lea Linster (v. links). Foto: tv-sports
Saarland-Power für das von Calmund organisierte deutsch-türkische „Jahrhundertspiel“: der aus Sulzbach stammende Rudi Assauer, Koch Klaus Erfort, Berater Klaus Hoffmann, Tatort-Kommissarin Elisabeth Brück und Köchin Lea Linster (v. links). Foto: tv-sports Foto: tv-sports

"Machen Sie eine charakteristische Handbewegung." Reiner Calmunds Finger drehen sich wie Uhren-Räder an beiden Schläfen. Das passiert mehrfach während des Treffens. Dabei wurde ihm die Einstiegs-Frage der legendären Fernseh-Show "Was bin ich?" gar nicht gestellt. Kombinieren, ordnen, kalkulieren, terminieren - der gesamte Denkapparat läuft auf Hochtouren wie auch die Sprechwerkzeuge. Neben Kompetenz und Leidenschaft seien ein "ordentlicher IQ" und Mathematik die Erfolgsfaktoren seines Berufslebens, sagt Calmund bei der Begegnung im Alten Pfarrhaus Beaumarais. Calmund wollte Schiffskoch werden. Doch die Mutter bestimmte: "Du wirst Ingenieur!" Dann rasselte der überdurchschnittlich begabte Junge aus dem rheinländischen Brühl-Heide durch die Elektrikerprüfung, weil er die Farben der Kabel nicht unterscheiden konnte, machte eine Außenhandelskaufmannslehre, studierte Betriebswirtschaft. Aber der eigentliche Aufstieg zum XXL-Fußball-Manager begann in den 70ern - als Fußballspieler und Trainer. Von 1989 an pushte Calmund Bayer Leverkusen dann in die Top-Liga, zuletzt als Geschäftsführer. Ein Leben auf der Überholspur. Aber bei "Was bin ich" hätte sich Calmund vielleicht auch ans Herz gegriffen. Denn das ist neben seiner Intelligenz das zweitwichtigstes Arbeitsorgan.

"Emotion, immer Emotion", dröhnt er dem RTL-Sportchef Manfred Loppe über Handy zu, während er den wirklich allerletzten Rest Pfeffercremesoße vom Messerrücken leckt. Immerzu wird er um Rat gefragt. Nicht der Ribéry oder der Lahm allein seien Millionen wert, erklärt er, es seien die Gefühle und Geschichten rund um die fetteste Massensportart Deutschlands, die 800 Millionen Euro Steuern in die Staatskassen spülten. Deshalb hält Calmund auch den Werbeslogan des 1. FC Saarbrücken "Liebe kennt keine Liga" für "Champions League"-würdig. Gleichwohl gilt, "dass alle im Saarland im Moment weit weg sind vom Profifußball". Weil dieses Thema aber nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, biegt Calmund schnell ab. Für ihn ist gute Stimmung Lebenselixier und Benzin für den Arbeitsmotor. Dann hat er "Pattex am Hintern", wie er sagt.

Jedenfalls liefert Calmunds Leidenschaft fürs Gesellige die Haupterklärung dafür, warum er sich dieser Tage entschlossen hat, das Wohnsitz-Testgebiet Saarland in echte Heimat umzuwandeln. Ein Fünfjahres-Mietvertrag wurde unterschrieben. Calmund meint, was Menschen ins Saarland brächte und hier halte, sei die Lebensqualität nach dem Motto: "Ich arbeite, um zu leben." Das sei auch sein Wahlspruch. Ganz am Anfang der Saarland-Sympathie stand freilich vor rund 12 Jahren eine Berufs-Bekanntschaft. Der Wallerfanger Sportmarketing-Profi Klaus Hoffmann ist mittlerweile Freund und Berater und "Schleuse". Denn Calmund sagt bekanntlich ungern Nein, insbesondere dann nicht, wenn es um Benefiz für Kinder geht - "Dankbarkeit ist für mich wie ein Ritterschlag" - oder aber, wenn er sich "am dicken Wams gepinselt fühlt". Selbstironie und Selbsterkenntnis sind, das belegt die Biografie "Fußballbekloppt", weitere Talente.

"Jetzt musste mal beidrehen!", hat der Rudi Völler zu ihm gesagt, erzählt Calmund. Denn vor zwei Jahren musste er mit seiner 22 Jahre jüngeren Frau Sylvia - er nennt sie "Liebchen" -, die wohl anstrengendste Phase seines Lebens durchstehen: die Adoption der aus Thailand stammenden Nicha; sie ist heute drei Jahre alt. Hätten die Richter im Januar 2013 abgelehnt - "wir wären nicht mehr aus Thailand weg, wir hätten sie nie dort allein gelassen." Fünf Kinder hat Calmund bereits aus zwei Ehen, die älteste Tochter ist 45, der jüngste Sohn 22. Und alle kommen sie am heutigen Samstag zur Feier ins Alte Pfarrhaus Beaumarais. Kleinster Kreis. Vielleicht schaut noch Lea Linster vorbei. Die Luxemburger Sterneköchin ist mehr als eine Event-Begleiterin, man ahnt die Wonneproppen-Seelenverwandtschaft. Jedenfalls wird das heutige Fest "schöner als Weihnachten und Ostern zusammen und drei deutsche Meisterschaften, die wir nicht gewonnen haben", so Calmund. Weil Nicha dabei ist und alle Kinder sie als Geschwisterchen akzeptierten. Die Jüngste ist die Erste, die Calmund zur Entschleunigung bringt: "Ich will mehr Pausen einlegen, nicht nur an Autobahnraststätten." In Saarlouis sei dies eher möglich als in Köln oder Berlin. Also tauscht die dreiköpfige Familie im Februar die gemütliche 120-Quadratmeter-Altstadtwohnung mit einer doppelt so großen Penthouse-Wohnung in Beaumarais. Das Haus in Köln-Odenthal wird vermietet. Fühlt Calmund sich schon integriert im Saarland? Er erzählt von einem Kochevent mit Annegret Kramp-Karrenbauer ("keck und kess, mit Trend nach oben") und dem SR-Intendanten Thomas Kleist, dem er verklickert hat, wie verkehrt man den "Tatort" verkaufen soll: "Da muss Frankreich und mehr Augenzwinkern rein, ein bisschen was von Louis de Funès". Und der Werbeslogan fürs Saarland? "Modern, herzlich, lecker, lebensfroh." Anschließend rattert Calmund die Termine der nächsten Woche herunter, zwischen München, Jena und Wer-weiß-nicht-wo, von Saarsportler-Wahl des Jahres über Sky-Sendung mit Franz Beckenbauer bis hin zur Kölner Charity-Sports-Night. Calmunds Kommunikationsstil hat was von einer Druckwelle. Taktik? Nimm dein Gegenüber in den Arm, dann bestimmst du allein, wo's lang geht. Calmunds Wünsche dulden weder Aufschub noch Widerspruch: Wenn er "Schluss. Aus. Nikolaus" ruft, bestellt jeder doch noch ein Dessert. Und was man erfahren will, erfährt man auf keinen Fall in dem Moment, in dem man fragt. Manches gar nicht. Etwa, was er von den mafiösen Strukturen im Sport hält und ob er bei Bayer Leverkusen nicht zu viel und zu intransparent Geld ausgab? Ist er geldgeil, weil er sich als Werbefläche für nahezu jeden mieten lässt? Schließlich fließt ja auch Rente aus der Bayer-Leverkusen-Zeit. Stattdessen hört man, dass Calmund samstags Stammkunde bei der Crêperie am Großen Markt ist, und dass er vorher bei Piper grobe Bratwurst und Fleischsalat kauft, den mit Mayo für seine Frau, den mit Essig für sich selbst. Lebensgefährlich?! Calmund wird bestens ärztlich überwacht. Die Werte stimmen, trotz der 155 Kilo. Im Dezember geht's wieder zum Genuss-Abspecken ins Thai Garden Resort zu einem Freund nach Pattaya, vier Wochen täglich morgens Aquagym und Obst aus dem Paradies. Zum Abschluss fliegt er nach Chiang Mai, ins Mandarin Oriental. Man gönnt sich ja sonst nichts? So ein Standardspruch käme Calmund nie über Lippen, Bonmots sind sein Markenzeichen - ein geldwerter Begabungsvorteil. Man kann nicht anders, als sich zu amüsieren. Neben einem Mann mit Wohlfühl-Aroma.