Der Mann fürs Undogmatische

Saarbrücken. Charlie Bick hat eine schlaflose Nacht verbracht. Er zögert, bevor er einem Pressetermin zustimmt. An mangelndem Selbstbewusstsein kann's nicht liegen. Bick wirkt immer sehr souverän. Und er kann auch Stolz zeigen. Etwa darauf, dass die Sommerszene das letzte überlebende "freie" Festival aus den 80er Jahren ist

Saarbrücken. Charlie Bick hat eine schlaflose Nacht verbracht. Er zögert, bevor er einem Pressetermin zustimmt. An mangelndem Selbstbewusstsein kann's nicht liegen. Bick wirkt immer sehr souverän. Und er kann auch Stolz zeigen. Etwa darauf, dass die Sommerszene das letzte überlebende "freie" Festival aus den 80er Jahren ist. Oder dass er die Saarbrücker Ford-Garage als Spielort entdeckte. Also Koketterie? Er leidet wohl eher an prinzipieller Nachdenklichkeit: "Will ich wirklich zu den Anfängen zurückkehren?" Dann lädt er doch an den Brunnen in der Saarbrücker Evangelisch-Kirch-Straße ein, wo er 1984 - damals Chef der freien Gruppe "Asphaltcompagnie" - mit einem eintägigen "Festival der Asphaltkultur" begann. An einen Platz direkt am St. Johanner-Markt, aber ohne Rummel. "Straßentheater heißt nicht, die Menschen zu überfallen. Ein paar Schritte müssen sie sich schon bewegen." So ähnlich hat er das vor 25 Jahren gesagt. Und hat den Widerstand gegen lärmige Fast-Food-Volksbelustigung durchgehalten.

Der Programm-Macher Bick hatte immer das volle Spektrum der Asphalt-Kunst im Auge: von der Blasmusiker-Parade bis zur Platz-Inszenierung, von der Blödel-Comedy-Nummer bis zum zirzensischen Gesamtkunstwerk. Der Erfolg der Sommerszene gründet ohne Zweifel in diesem zuverlässig durchgehaltenen Profil, auch in der Kontinuität der Festival-Leitung. Seit 1991 managt die Zweier-AG Marion Künster (Organisation) und Bick (Konzept) das Festival. Zwischen 1982 und 1998 waren sie auch privat ein Paar. So dezent, dass die Überführung in eine Berufs-Gemeinschaft nicht auffiel. Mittlereile sind beide Profis im Tournee- und Festival-Organisations-Geschäft. Rastatt, Heilbronn, Ludwigshafen heißen die Auftraggeber für Straßentheater-Festivals oder Kabarett-Reihen. Bick hält zusätzlich Vorträge, betreut wöchentlich in Saarbrücken für die VHS ein Amateur-Theater-Projekt ("Vitamin 3-T") sowie "Comedy-im-Frühling". Davon kann man "anspruchslos" leben. Dickes Geld verdiente er nur kurzzeitig: in einer RTL-Drehbuch-Werkstatt, nachdem er einen SR-"Tatort" geschrieben hatte. "Künstlerisch passierte da gar nichts" - also nix wie weg.

Doch wie fing das Ganze überhaupt an? Wie im Märchen. Zu einer Zeit, als Saarbrücker Kulturamtsleiter statt Löcher zu stopfen plötzlich 20 000 Mark im Etat "übrig" hatten. Die steckten sie einem jungen Straßen-Gaukler in die Tasche, der sich als Metzer Austausch-Student für Deutsch auf quirligen Plätzen in Italien und Frankreich mit dem Straßentheater-Virus infiziert hatte. "Mach mal", hieß es. Und Bick machte. Ein Vierteljahrhundert.

Da könnte man die "Es-war-einmal-Platte" auflegen. "Nur keine Romantisierungen!", warnt er. Allerdings legen sein Punk-Zöpfchen und der Knitter-Look den Hang zu Nostalgie nahe. Fehlt nur noch der Anti-AKW-Button: Der Mann wirkt, als käme er geradewegs von einem Grünen-Parteitag der 80er Jahre. Ein Konsum-Verweigerer? Alternativ-Dogmatiker? Ideologisch zugebaute Denkhorizonte sind ihm suspekt. Agitation auch. Freies Theater mit freiem Zugang und freiem Eintritt! Schichtenübergreifende Kultur als sozialer Katalysator! Sozialprävention durch Stadtteil-Arbeit! Und er selbst ein Robin-Hood der kulturell Entkoppelten? Der gute Onkel aller in den Ferien zwangsdaheimgebliebenen Hartz-IV-Empfänger? So enggleisig tickt Bick nicht. Der Germanist und Romanist kann außerdem theoretisch ganz schön aufdrehen: Volkstheater in der Tradition der Commedia dell Arte, das ist seine Programm-Richtschnur. "Ich bin kein Gutmensch", sagt er. Seine Motivation speist sich nun mal nicht aus dem Hilmar-Hoffmannschen Gesellschaftsverbesserungs-Eifer der 80er, sondern ist biografisch fundiert. Bick stammt aus einem Dorf bei Würzburg. Er schätzt Gemeinschafts-Erleben, spontanen, kernigen, unmittelbaren Kontakt, die Abstimmung mit den Füßen, wenn was nicht gefällt. "Immer noch frage ich mich, wenn ich Gruppen einlade: Wie würde meine Mutter darauf reagieren?" Emotion, öffentlicher Raum und Zuschauer als Teil des Geschehens: "Theater muss wie Fußball sein", zitiert er den Titel eines Buches und erzählt, dass er gerne mal in den Stehblock beim FC geht.

Wie steht's überhaupt um den Privatmann Bick? Jugendstil-Eigentums-Wohnung am Rande des Nauwieser Viertels, in der er alleine lebt, keine Kinder ("Die Unstetheit ließ Familie irgendwie nicht zu"), eine langjährige Beziehung, große Wanderlust. "Die Natur besiegt das Großhirn", lautet die wohltuende Erfahrung eines Permanent-Analytikers. Die Philosophie, einst Studien-Nebenfach, bereitet ihm nun mal auch ganz lebenspraktisch Vergnügen.

Leitspruch eines Großen

Jedes Jahr stellt er unter einen Leitspruch, den er von Großen borgt, etwa vom Dalai Lama: "Bedenke, nicht zu bekommen, was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall". Das galt 2007. Dieses Jahr trainiert er nach Konrad Wolfs Vorgabe, "rationeller zu werden in der Auswahl meiner Ärgernisse". Tatsächlich strahlt Bick eine geradezu buddhistische Gelassenheit aus. Weder Klagen noch Appelle gehören zum Umgangston. "Ich bin auf der Suche nach positiven Energien." Im Saarland spürt er sie. So hält er denn auch den "Saarvoir vivre"-Image-Werbespruch der Lafontaine-Ära keineswegs für überholt. Das "Leben und leben lassen" der Saarländer beeindruckt ihn und hat ihn zum Bleiben bewegt. Und "nach dreißig Jahren kann ich sogar beim Ich-kenne-einen-der-einen-kennt-Spiel mitmachen". Wobei sein Freundeskreis jenseits der Polit- und Meinungsführer-Szene liegt. Zwar gehört das, was Bick geschaffen hat, zur kulturellen Grundausstattung des Landes, zum etablierten Angebot. Er selbst jedoch nicht zum Establishment. "Ich mag das Gefühl nicht, dass ich mich irgendwo zeigen muss." Das passt. Wirkt die Sommerszene nicht immer wie von Zauberhand gesteuert?

Die Sommerszene läuft bis 26. Juli in Saarbrücken, Völklingen und Dillingen. www. sommerszene.de