Der Mann, der Oskars Zwilling ist

Saarbrücken. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr waren die Zwillinge Hans und Oskar immer gleich angezogen. Das war früher üblich so, auch in Dillingen-Pachten. Dann kamen die beiden Buben der Kriegerwitwe Katharina Lafontaine in ein katholisches Konvikt in der Eifel - und kleideten sich fortan verschieden

Eine gewisse Ähnlichkeit ist da: Die Zwillinge Hans und Oskar Lafontaine. Fotos: Iris Maurer/dpa

Eine gewisse Ähnlichkeit ist da: Die Zwillinge Hans und Oskar Lafontaine. Fotos: Iris Maurer/dpa

Saarbrücken. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr waren die Zwillinge Hans und Oskar immer gleich angezogen. Das war früher üblich so, auch in Dillingen-Pachten. Dann kamen die beiden Buben der Kriegerwitwe Katharina Lafontaine in ein katholisches Konvikt in der Eifel - und kleideten sich fortan verschieden. Später, nach dem Abitur, gingen sie gänzlich getrennte Wege: Oskar studierte Physik in Bonn, Hans Jura in Saarbrücken. Oskar ging in die Politik, Hans nach Bayern. Und so kam es, dass selbst im kleinen Saarland kaum jemand so richtig registrierte, dass der berühmte Oskar Lafontaine einen Zwillingsbruder hat. Hans Lafontaine, 65 Jahre alt, dreifacher Vater, Rechtsanwalt und Linkspolitiker. Ungestört kann er durchs Nauwieser Viertel von Saarbrücken spazieren, außer Freunden und Klienten erkennt ihn keiner. Tatsächlich hält sich die Ähnlichkeit mit Blutsbruder Oskar in Grenzen, sie sind zweieiig. Dennoch hat es auch Hans, der fünf Minuten früher auf die Welt kam, zu einer gewissen Bekanntheit gebracht, aber nicht in Saarbrücken, sondern in Augsburg. "Ich kenne den Medienrummel. Aber ich brauche ihn nicht", sagt er in einer zurückhaltenden Art, die typisch für ihn ist. Das perfekte Kontrastprogramm zu Oskar, dem Draufgänger. Dabei war es Hans, der politisch vorneweg stürmte und bereits mit 17 Jahren in die SPD eintrat. Wegen Willy Brandt, dem seinerzeitigen Kanzlerkandidaten, der Anfang der 60er Jahre von bigotten Christdemokraten als "Exilant Herbert Frahm" verächtlich gemacht wurde. Da loderte die Glut der Empörung in dem jungen Primaner Hans Lafontaine, und mit einem Schuss Trotz und ein paar Gesinnungsgenossen gründetete er im konservativen Eifelstädtchen Prüm einen SPD-Ortsverein. Oskar, sagt Hans, interessierte sich damals noch nicht für Politik. Das sollte sich ändern, aber in den frühen Jahren war offenbar Hans der politische Hansdampf, gerade in Augsburg, wo ein Mädchen namens Gudrun den Juristen betörte. Es war denn auch die Liebe, die ihn nach Bayern verschlug, aber Lafontaine ließ auch politisch sein Herz sprechen: Er wurde Juso-Chef in der Fuggerstadt, lernte angehende Kaliber wie Theo Waigel, Peter Glotz oder Hildegard Hamm-Brücher kennen, gründete das Kulturzentrum Kresslesmühle, initiierte die "Rote-Punkt-Aktion" und agitierte gegen Berufsverbote. Als er davon in seinem rustikalen Büro in der Saarbrücker Försterstraße erzählt, glänzen seine Augen: "Wir haben den Geist der 68er in die Partei getragen". Oskars Aufstieg im Saarland verfolgte Hans aus der Ferne. "Ich wusste, dass aus ihm was wird", sagt er, denn "Oskar war sehr zielstrebig und hatte vor nix Angst". Auch Hans war zielstrebig und mit 26 Jahren schon einer der jüngsten Anwälte Deutschlands. Im vergangenen Jahr hat die "Augsburger Allgemeine" einen Artikel über ihn veröffentlicht und die damalige Zeit Revue passieren lassen. Auszug: "1968, als es in der Republik nach Revolte roch, lebte Hans Lafontaine in Ausgburg. Mancher wird sich an ihn erinnern: an einen liebenswert-verstrubelten jungen Mann, der so schön schüchtern lächeln konnte und damit manches Frauenherz entzückte". Privat war Hans Lafontaine jedenfalls stets bürgerlich: 1970 wird Sohn Philippe geboren (heute Rechtsanwalt in Lissabon), ein paar Jahre später Tochter Fleur (sie arbeitet bei IBM in Marseille). Adoptivsohn Martin, der in der Altenhilfe tätig ist, folgte dem Vater ins Saarland, wohin Hans im Jahr 1984 zurück kehrte. Politisch wurde es zu jener Zeit etwas kompliziert, denn mit der SPD-Politik, sagt Hans Lafontaine, "war ich nicht immer einverstanden" - sie war ihm schlicht nicht links genug. Sanfte Kritik am eigenen Bruder. Aus der Partei austreten wollte er indes nicht, "das konnte ich Oskar nicht antun". Also blieb Hans passiver Genosse, konzentrierte sich auf die Verteidigung seiner Klienten und restaurierte im elsässischen Waldhambach ein altes Bauernhaus. Die Lage änderte sich erst, als Oskar mit der SPD brach und mit der WASG liebäugelte. Da verließ auch Hans die Genossen, "ich konnte doch nicht in einer Partei bleiben, die meinen Bruder zur Unperson erklärt" - und wurde aktiv. Im Jahr 2005 trat er in die saarländische PDS ein, ein Schritt, den er heute so erklärt: "Nie liebte ich meinen Bruder so sehr wie damals - als er das Projekt einer neuen linken Partei machte". Zwei Jahre wirkte er als Mitarbeiter des Links-Abgeordneten Hans-Kurt Hill, machte Bürger-Sprechstunden und Hartz-IV-Beratung. Diese Tätigkeit gab er 2007 wieder auf, weil er "Ausforschung und Bespitzelung" wahrnahm. Stasi-Methoden im Büro eines linken Bundestagsabgeordneten? Seitdem ist Hans Lafontaine von dem Gedanken beseelt, "diese Sache aufzuklären und publik zu machen". Dabei wähnt er sich kurz vor dem Ziel. "Wir haben den Geist der 68er in die Partei getragen."Hans Lafontaine