Der Mann, der Eichmann entführte Vor 50 Jahren begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann

Saarbrücken/Tel Aviv. Für gewöhnlich empfängt Rafi Eitan Journalisten in seinem Büro in Tel Aviv. Nur ausnahmsweise gewährt er diesmal einen Einblick in sein privates Refugium. Ein Glücksfall, wie sich herausstellt - sofern man ein Faible für Kunst mitbringt

 Der Angeklagte Adolf Eichmann während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag in Jerusalem, hier ein Archivfoto vom 11. April 1961. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem hat vor 50 Jahren die Sichtweise auf den Holocaust dramatisch verändert.Foto: dpa/Ephraim Lapid

Der Angeklagte Adolf Eichmann während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag in Jerusalem, hier ein Archivfoto vom 11. April 1961. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem hat vor 50 Jahren die Sichtweise auf den Holocaust dramatisch verändert.Foto: dpa/Ephraim Lapid

Saarbrücken/Tel Aviv. Für gewöhnlich empfängt Rafi Eitan Journalisten in seinem Büro in Tel Aviv. Nur ausnahmsweise gewährt er diesmal einen Einblick in sein privates Refugium. Ein Glücksfall, wie sich herausstellt - sofern man ein Faible für Kunst mitbringt. Haus und Garten in einem noblen Vorort der israelischen Küstenstadt sind reichlich bestückt mit Skulpturen: fein modellierte Hände, bizarr gestaltete Gesichter und Masken aus Eisen oder Bronze. Der Künstler ist Rafi Eitan selbst, ehemaliger führender Mitarbeiter des Mossad. Er leitete die Operation der Entführung Eichmanns aus Argentinien vor 50 Jahren. Den hartgesottenen Top-Agenten mag man dem rundlichen, gütig dreinblickenden Mann mit der großen Brille auf den ersten Blick nicht abnehmen.

Agent und Minister

Doch täuscht der äußere Eindruck: Ehrgeizig und ruhelos ist Eitan mit seinen 84 Jahren immer noch - "very busy", wie er auf Englisch sagt. 2006 gründete er die Rentner-Partei und wurde Minister. Nach einer Wahlniederlage leitete er im vergangenen Jahr eine Neuauflage seiner Partei ein, die heute unter dem Namen Dor (Generation) ein breites Wählerspektrum ansprechen soll.

Beim Mossad war Eitan auch nach der Eichmann-Festnahme für heikle Operationen zuständig: Maßgeblich beteiligt war er unter anderem an den Planungen zur Zerstörung des irakischen Kernreaktors Osirak im Jahr 1981, den Saddam Hussein offenbar zum Bau der Atombombe nutzen wollte.

Die Entführung Eichmanns, der Millionen Juden in den Tod geschickt hatte, gilt jedoch bis heute als Meisterstück in der Geschichte der Geheimdienste. War sich Eitan dessen bewusst, als der erste israelische Ministerpräsident Ben Gurion 1958 anordnete, einen der führenden Nazi-Verbrecher in Israel vor Gericht zu bringen? Dass es eine historisch bedeutsame Operation würde, sei ihm damals durchaus klar gewesen, sagt Eitan. Nicht aber die Vehemenz der Reaktionen, die die Festnahme und der anschließende Prozess zur Folge hatten. "Es hat die Holocaust-Überlebenden von ihrer Sprachlosigkeit, ihrer Verschlossenheit befreit, es hat ihre Zunge gelöst, sie haben angefangen, ihre Geschichte zu erzählen", berichtet Eitan - und scheint dabei immer noch ergriffen.

Es war der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der dem Mossad Ende der 50er Jahren detaillierte Anhaltspunkte zur Identifizierung Eichmanns und Angaben über seinen Aufenthaltsort bei Buenos Aires lieferte. Bauer selbst wiederum hatte seine Informationen von dem in Argentinien lebenden Holocaust-Überlebenden Lothar Hermann erhalten, dessen Tochter - wie es der Zufall wollte - mit Eichmanns Sohn Klaus befreundet war. Mehrere Mossad-Mitarbeiter reisten nacheinander nach Argentinien, um die Angaben vor Ort zu prüfen. Die zügige Festnahme scheiterte zunächst an den Zweifeln der Agenten, dass ein ehemals hoher Nazi wie Eichmann in solch ärmlichen Verhältnissen leben sollte.

Mit einiger Verzögerung schnappte die Falle für Eichmann, der sich in Argentinien Ricardo Klement nannte, schließlich am 11. Mai 1960 zu. Außer Rafi Eitan waren sechs weitere israelische Agenten an der Operation beteiligt. "Wir observierten zunächst das kleine Haus in der Garibaldi-Straße von San Fernando", erzählt Eitan. "Solange, bis wir sicher sein konnten, dass es Eichmann war, der dort ein- und ausging." An einem Abend, erinnert sich der ehemalige Mossad-Agent, "es war bereits dunkel, als Eichmann mit dem Bus von der Arbeit kam, überwältigten wir ihn zu Dritt vor seinem Haus. Eichmann jaulte laut auf, wir schleppten ihn schnell ins Auto und zogen ihm eine Decke über", berichtet Eitan weiter. Und räumt zugleich ein:

"Als wir Eichmann zu Zweit auf dem Rücksitz des Autos festhielten und ich ihn anhand von Narben identifizierte - da waren wir wirklich sehr aufgeregt." Eichmann selbst soll später geäußert haben, er habe in diesem Moment gewusst, "dass mein Tag gekommen war".

Eitan und seine Leute brachten Eichmann in einer halsbrecherischen Aktion durch argentinische Polizeikontrollen hindurch in ein so genanntes sicheres Haus. Elf Tage später schmuggelten sie ihn in betäubtem Zustand in der Uniform eines Stewarts an Bord eines Flugzeugs außer Landes. "Eine Zitterpartie", wie einer der beteiligten Mossad-Agenten später zugab. Für Rafi Eitan selbst aber sollte es nicht das letzte Engagement im Dienst der Holocaust-Opfer und -Überlebenden gewesen sein. Mit seinen 84 Jahren reist er heute noch regelmäßig nach Osteuropa - nach Ungarn, Polen, Litauen und in die Slowakei - um mit den Regierungen über Entschädigungsleistungen zu verhandeln. "Very busy" ist er eben.Bonn. Er sei nur "ein kleines Rädchen" in Hitlers Vernichtungsmaschine gewesen, behauptete er. Dabei war Adolf Eichmann wohl eher ein Schwungrad für den Holocaust. Nicht, dass er sich die Hände schmutzig gemacht hätte: Im Eichmann-Prozess, der heute vor 50 Jahren vor dem Jerusalemer Bezirksgericht begann, wurde ihm attestiert, dass er persönlich keinen Menschen getötet habe.

Doch der Leiter des "Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt war ein gnadenloser Schreibtischtäter: Er organisierte die Transporte in die Vernichtungslager, ließ die Fahrpläne ausarbeiten und sorgte für die ausreichende Nutzung der Gaskammern. Persönlich besuchte der SS-Obersturmbannführer Auschwitz und Maidanek, um sich ein Bild vom technischen Prozess des Tötens zu machen.

Eichmann wurde 1906 in Solingen als Sohn eines Buchhalters geboren. 1932 schloss er sich den österreichischen Nazis an und trat später auch in die SS ein. 1934 kam er eher zufällig zur Zentralstelle des Sicherheitsdienstes der SS und wurde 1935 zu dem neuen, speziell für Juden zuständigen Referat versetzt. Nach dem Krieg tauchte er unter und floh mit Hilfe eines vatikanischen Passes nach Argentinien. Von dort entführte ihn der israelische Geheimdienst Mossad im Mai 1960.

Er habe "einen Nazi erwartet, wie man ihn aus Filmen kannte: groß, blond, mit stechenden blauen Augen, ein brutales Gesicht", so schilderte Eichmanns israelischer Vernehmungsoffizier Avner W. Less sein erstes Zusammentreffen. Um dann ein wenig enttäuscht festzustellen, dass ihm kein Monster gegenübersaß, "kein Frankenstein und kein Teufel mit Klumpfuß". Sondern ein penibler, humorloser und auf seine Zuverlässigkeit stolzer Bürokrat, der die Hacken zusammenschlug, wenn die Vernehmung begann. 275 Stunden Verhöre und mehr als 3500 Seiten Protokoll.

Am 11. Dezember 1961 verkündete das Gericht das Todesurteil. Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt. kna

"Es hat die Überlebenden des Holocausts von ihrer Sprachlosigkeit befreit."

Rafi Eitan zum Prozess gegen Eichmann