Der Mann, der "Derrick" war

Saarbrücken. Ein Vierteljahrhundert führte er uns durch eine Welt aus Mord und Totschlag, Erpressung und Betrug. Mal in Münchner Kneipen und Hinterhöfen, mal (und zuletzt immer öfter) in Vorortvillen

Saarbrücken. Ein Vierteljahrhundert führte er uns durch eine Welt aus Mord und Totschlag, Erpressung und Betrug. Mal in Münchner Kneipen und Hinterhöfen, mal (und zuletzt immer öfter) in Vorortvillen. Und immer war Oberinspektor Stephan Derrick dabei ein massiver Fels in der Brandung des Bösen, ein strenger Moralist, dessen Augen mit ihren prominenten Tränensäcken schon alles gesehen zu haben schienen.

Der Begriff "Rolle seines Lebens" ist ein überstrapaziertes Klischee; im Falle von Derrick und Horst Tappert stimmt es. Tappert war Derrick - und umgekehrt. Mit 50 Jahren hat er die Rolle des Beamten angenommen und sich danach an einer Darstellerkarriere in Beamten-Manier erfreut. Zuvor habe er so viel reisen müssen und an so vielen Bühnen gespielt, sagte Tappert einmal in einem späten Interview, dass ihm diese Rolle sehr recht gewesen sei: mit geregelten Zeiten und wenig Anfahrt zum Arbeitsplatz. Was nicht heißt, dass Tappert diese Rolle als mimische Frührente ansah - er ging in ihr auf und durfte zu seinem Erstaunen beobachten, wie aus einer Krimi-Reihe nicht nur der erfolgreichste deutsche TV-Export wurde - über 100 Länder haben die Serie eingekauft -, sondern ein kulturelles Phänomen. Nicht nur, weil ein Satz wie "Harry, hol schon mal den Wagen" zum geflügelten Wort wurde. "Derrick" transportierte ein neues, erfreulicheres Bild von Deutschland und dem Deutschen in viele Winkel der Welt, wo noch ein ganz anderes, finstereres Bild herrschte. In China sollen 500 Millionen Menschen eingeschaltet haben, besonders groß war (und ist) der Erfolg in Skandinavien - laut Tappert habe man ihm in Norwegen ein Stück Land geschenkt, auf das er ein Haus hat bauen lassen.

So sind Derrick und sein ewiger Wasserträger Harry Klein (Fritz Wepper) zu Botschaftern des Landes geworden, 1998 erhielt Tappert das Bundesverdienstkreuz - auch wenn man sich vielleicht kein Deutschland wünschen mag, in dem oft in steifen Sentenzen von Dauer-Drehbuchautor Herbert Reinecker über Schuld und Sühne moralisiert wird. Das war ohnehin das einzige Bedauern Tapperts - ein bisschen Humor hätte er seinem Alter Ego gewünscht. So blieb Derrick eher der große Spröde, ohne die väterliche Wärme des "Kommissars" (Erik Ode) oder den knarrenden Sarkasmus von "Der Alte" (Siegfried Lowitz).

So gerne Tappert den Derrick auch spielte: Was er sonst noch konnte, zum Beispiel komisch sein, durfte er in der Serie nicht zeigen. Er sah das pragmatisch und verwies in Gesprächen gerne darauf, dass er das alles in seiner Karriere vor "Derrick" habe zeigen können: Tappert, der zum Buchhalter ausgebildete Beamtensohn aus Wuppertal, fing an einem sächsischen Theater als Bühnenarbeiter an, nahm ab 1946 Schauspielunterricht und arbeitete an vielen Bühnen und in vielen Rollen: Er spielte in "Warten auf Godot", "Die Ratten", "Die Dreigroschenoper", "Kabale und Liebe", in Göttingen, Kassel, Bonn und bis 1967 an den Münchener Kammerspielen. Zu dieser Zeit war er auch schon ein bekanntes Fernsehgesicht - dank des exzellenten Postraub-Krimidreiteilers "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (1966). Rollen in Edgar-Wallace-Vehiklen schlossen sich an, neben Heinz Rühmann war er 1971 in "Der Kapitän" zu sehen. Drei Jahre später nahm er die "Derrick"-Rolle an, spielte sie bis 1998 und kehrte 2004 noch einmal zu ihr zurück: Er lieh seine Stimme einem parodistischen "Derrick"-Trickfilm, der nicht gut ankam: Vielleicht hatte das Publikum diesen spröden, ernsten, aufrechten Kriminalisten zu lieb gewonnen, um ihn veralbert sehen zu wollen.

Am Samstag ist Horst Tappert mit 85 Jahren gestorben.

TV-Termin: Am Samstag ändert das ZDF sein Programm und zeigt ab 23 Uhr fünf "Derrick"-Folgen hintereinander.

"Ich habe wahnsinnig viel gearbeitet und freue mich darauf, endlich einmal ausspannen zu können."

Horst Tappert nach dem "Derrick"-Abschied

"Vielleicht stelle ich mich merkwürdig an, aber ich schätze die Ruhe mit meiner Frau. Kontakt mit alten Kollegen pflege ich nicht mehr, die meisten sind ohnehin schon tot. Ich will noch einige Zeit da sein."

Horst Tappert vor einem halben Jahr

"Derrick ist ein Idealist, der an der Wirklichkeit scheitert."

Horst Tappert

"Er hat zur Ansehenssteigerung des Berufsbildes eines Kriminalisten beigetragen."

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter

"Keine andere ZDF-Serie hat es zu einem vergleichbaren weltweiten Kultstatus gebracht. Wir verdanken Horst Tappert viel, und er wird uns sehr fehlen."

ZDF-Intendant Markus Schächter

 Derrick mit gezogener Dienstwaffe - ein seltener Anblick, setzte die Serie doch weniger auf Action denn auf penible Ermittlungen und ausführliche Dialoge über das Verbrechen an sich. Foto: dpa
Derrick mit gezogener Dienstwaffe - ein seltener Anblick, setzte die Serie doch weniger auf Action denn auf penible Ermittlungen und ausführliche Dialoge über das Verbrechen an sich. Foto: dpa
 Derrick und sein Kollege Harry Klein (Fritz Wepper). Foto: Davids
Derrick und sein Kollege Harry Klein (Fritz Wepper). Foto: Davids