Der Kampf um Saddams Heimat

Iraks Armee mobilisiert große Kräfte, um Tikrit von den Isis-Milizen zurückzuerobern. Sollten die Extremisten die Stadt halten, könnten sie von hier aus sehr schnell sehr nah an Bagdad heranrücken.

Die Sunniten-Miliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) setzt auf die Religion: Nach ihren militärischen Erfolgen in Syrien und im Irak hat Isis in beiden Ländern ein islamisches Kalifat ausgerufen. Alle Muslime müssten dem Kalif des neuen Gottesstaats, Isis-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi, Gefolgschaft schwören, sagte ein Isis-Sprecher.

Die irakische Regierung nutzt dagegen das Staatsfernsehen, um den Kampf der Armee zu unterstützen. Seit Tagen zeigt der TV-Kanal Al-Irakija Bilder von Soldaten, die in die Schlacht ziehen. Von "Helden" ist die Rede, die die Stadt Tikrit von "terroristischen Banden säubern" sollen. Bilder zeigen Männer in Uniformen, Maschinengewehre in den Armen, Panzerfäuste auf den Schultern. Ein Reporter berichtet aus der irakischen Wüste detailliert über den Start einer Luftlandeoperation. Er zieht von Soldat zu Soldat: "Hast Du Angst?", fragt er immer wieder. Jedes Mal lautet die Antwort: "Ich habe keine Angst."

Die irakische Staatspropaganda ist ein Beleg dafür, wie wichtig der Regierung in Bagdad die Einnahme Tikrits ist. Sie will alle Kräfte mobilisieren, um die Stadt 170 Kilometer nordwestlich von Bagdad zurückzuerobern. Im Kampf Isis und deren lokalen Verbündeten kommt Tikrit entscheidende Bedeutung zu - symbolisch und strategisch. Aus Tikrit stammt der frühere Diktator Saddam Hussein , der in dem Vorort Al-Awja auf die Welt kam. Dort wurde er nach seiner Hinrichtung Ende 2006 begraben. Da war es kein Wunder, dass das irakische Militär am Samstag nach Beginn der Offensive schnell die angebliche Eroberung Al-Awjas vermeldete. Aber auch strategisch spielt Tikrit eine wichtige Rolle. Die Stadt liegt an einer Hauptverbindungslinie zwischen Mossul, Iraks zweitgrößter Stadt, weit im Norden des Landes und der Hauptstadt Bagdad . Den Abschnitt zwischen Mossul und Tikrit kontrollieren Isis und die lokalen Verbündeten bereits seit mehr als zwei Wochen. Sollten die Aufständischen Tikrit halten, könnten sie von hier möglicherweise sehr schnell an Bagdad heranrücken.

Um Bagdad selbst hat die irakische Armee mehrere Verteidigungsgürtel gezogen. Vier Divisionen zu je 15 000 Mann seien im Einsatz, sagte der Leiter des irakischen Krisenstabes, General Ali al-Saidi, der "Welt am Sonntag ": "Das sind Elitetruppen." Bagdad , da ist sich der General sicher, werden die Isis-Kämpfer nicht erobern.

Auch eine Studie des amerikanischen "Institute for the Study of War" (ISW) geht davon aus, dass der Zeitpunkt für eine Isis-Offensive auf die Hauptstadt noch nicht gekommen ist. Die sunnitischen Extremisten haben aber sehr wohl die Fähigkeit, Bagdad durch Terroranschläge zu erschüttern. Erst vor wenigen Tagen riss im schiitischen Stadtteil Kasimija ein Attentäter mit einer Bombe mindestens 23 Menschen in den Tod. Außerdem besitzen die Isis-Milizen Artillerie, mit der sie auch auf vermeintlich geschützte Teile von Bagdad feuern könnten. "Es gibt in Bagdad keinen sicheren Ort vor der Bedrohung durch Isis", folgert die ISW.

Umso wichtiger wäre es für die irakische Regierung, Tikrit schnell zurückzuerobern. Am Wochenende sah es jedoch so aus, als stocke die Offensive. Militärsprecher Kassim Ata verkündete gestern, die Armee kontrolliere die Universität von Tikrit - die Einnahme der Universität war aber auch schon am Freitag vermeldet worden. Und auch der Reporter von Al-Irakija konnte nur zeigen, wie die Soldaten ein einsames Haus in der Wüste einnehmen. Von Isis-Kämpfern war auf den Fernsehbildern nichts zu sehen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung