Der irre König, Schmelings "deutscher Sieg" und das belagerte Berlin

Saarbrücken. "Der Spaziergang des Königs begann um 6 dreiviertel Uhr. Der König befand sich in Begleitung Dr. v. Guddens. Der König eilte dem Wasser zu; an einer Stelle, wo die Tiefe 1,5 Meter beträgt stürzte er sich hinein. Dr. v. Gudden muß ihm sofort nachgeeilt sein, scheint aber vom Könige untergetaucht worden zu sein. Dann ertränkte der König sich selbst

Saarbrücken. "Der Spaziergang des Königs begann um 6 dreiviertel Uhr. Der König befand sich in Begleitung Dr. v. Guddens. Der König eilte dem Wasser zu; an einer Stelle, wo die Tiefe 1,5 Meter beträgt stürzte er sich hinein. Dr. v. Gudden muß ihm sofort nachgeeilt sein, scheint aber vom Könige untergetaucht worden zu sein. Dann ertränkte der König sich selbst." Ein Skandal erschüttert 1886 Bayern und das Deutsche Reich und beschäftigt auch die Saarbrücker Zeitung über Wochen. "Am Montag (14. Juni) brachte der elektrische Draht die erschütternde Nachricht, daß ein edler Fürst, König Ludwig II. von Bayern, am ersten Pfingstfeiertage gegen Sonnenuntergang sein Leben in den Fluten des Starenberger Sees geendet habe", eröffnet die SZ am 16. Juni einen riesigen zweiseitigen Bericht. Der bis heute umstrittene Selbstmord des bayerischen Königs bestimmt auch in den folgenden Wochen die Titelseiten der SZ. Doch schon in den Tagen vor seinem Tod sorgte Ludwig II. für großen Wirbel. "Ludwig II. ist eines der hervorragendsten Beispiele für den altbekannten Uebergang zwischen Genie und Geisteskrankheit", schreibt unsere Zeitung am 13. Juni 1886. Bereits am 9. Juni wurde der bayerische Monarch von seinem eigenen Parlament wegen "unheilbarer Seelengestörtheit" - wie die SZ schreibt - entmündigt und kurz darauf im Schloss Berg am Starnberger See eingesperrt. Dort kam es dann zu dem am Ende tödlichen Spaziergang mit Bernard von Gudden, dem Arzt, der den König zuvor ohne Untersuchung für verrückt erklärt hatte. Noch heute kursieren hunderte Theorien um die Entmündigung und den Tod des Monarchen, den der Volksmund immer noch "Märchenkönig" nennt. Der exzentrische Herrscher hinterließ einen riesigen Schuldenberg und einige der schönsten Schlösser der Welt, wie zum Beispiel Neuschwanstein.50 Jahre später, 19. Juni 1936, Yankee Stadium New York City, 12. Runde: "Nur kurz beobachtet Max Schmeling seinen Gegner. Jetzt greift er erst mit voller Wucht an. Ein rechter Aufwärtshaken reißt den Neger von den Füßen, Schmeling drängt ihn gegen die Seile, schlägt ihm die Deckung auseinander. Der braune Bomber taumelt, kann sich nicht mehr verteidigen, der nächste Treffer schickt ihn zu Boden. Die Massen toben, der Schiedsrichter zählt - acht, neun - - aus!! Max Schmeling hat Joe Louis in der 12. Runde durch k.o. besiegt! Lächelnd steht der Deutsche im Ring, grüßt mit dem deutschen Gruß, wird umjubelt wie nie zuvor, während in Deutschland Millionen vor ihren Lautsprechern in Begeisterung geraten."

Im Detail schildert die Saarbrücker Zeitung den Kampf zwischen Max Schmeling und dem zuvor ungeschlagenen Joe Louis. Schmeling schickte den als "haushohen Favoriten" gehandelten Louis vor 85 000 begeisterten Zuschauern auf die Bretter und sicherte sich damit seinen Platz im Box-Olymp. Ein Sieg der in Nazi-Deutschland sofort propagandistisch ausgeschlachtet wird. In der SZ vom Tag nach dem Kampf findet sich folgendes Glückwunschschreiben: "Zu ihrem wunderbaren Sieg meine allerherzlichsten Glückwünsche. Ich weiß, das Sie für Deutschland gekämpft haben. Ihr Sieg ist ein deutscher Sieg. Wir sind stolz auf Sie. Mit Hitler-Heil und herzlichen Grüßen Ihr Dr. Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda."

17 Jahre später: "Schüsse peitschen durch die Straßen Berlins", titelt die SZ am 18. Juni 1953 und berichtet: "Der sowjetische Stadtkommandant hat am Mittwoch zur Niederschlagung einer Massendemonstration Ostberliner Arbeiter gegen das Sowjetzonen-Regime über Ostberlin den Ausnahmezustand verhängt. Gleichzeitig zerschlugen sowjetische Truppen mit Panzern, unterstützt von Infanterieverbänden der kasernierten Volkspolizei, die Hauptdemonstrationsgruppen vor dem Regierungsgebäude in der Leipziger Straße."

In der DDR war am 16. und 17. Juni ein Volksaufstand ausgebrochen. Am 16. legten an zwei Ostberliner Großbaustellen Bauarbeiter aus Protest gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen (mehr Arbeit, gleicher Lohn) die Arbeit nieder und zogen zum Regierungssitz. Am nächsten Tag schlossen sich "Zehntausende von Eisenbahnern, Textilarbeitern und Belegschaftsmitglieder anderer volkseigener Betriebe Ostberlin an" und forderten freie Wahlen im Ostsektor, berichtet die SZ. Das SED-Regime verlor die Kontrolle über die Proteste und rief die sowjetische Besatzungsmacht zur Hilfe. DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl bezeichnete die Unruhen als "Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte". In der SZ würdigte Bundeskanzler Konrad Adenauer die "Bekundung des Freiheitswillens in der Sowjetzone und Ostberlin", hielt sich aber sonst mit Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Armee in der "Zone" zurück. Der Aufstand wurde schließlich brutal zerschlagen.

Was sonst noch geschah in dieser Juni-Woche:

15. Juni 1888: Wilhelm II. wird Kaiser.

14. Juni 1940: Der erste Häftlingstransport trifft im KZ Auschwitz ein.

17. Juni 1972: Die Watergate-Affäre in den USA beginnt.

14. Juni 1985: Das Schengener Abkommen wird beschlossen.

17. Juni 1994: OJ Simpson wird wegen Mordes verhaftet.

saarbruecker-zeitung.de/

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