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"Der Handlungsdruck verschärft sich dramatisch"

"Der Handlungsdruck verschärft sich dramatisch"

Die Krankenhauslandschaft im Saarland steht vor einschneidenden Veränderungen. Die Kassen drängen darauf, Überkapazitäten abzubauen. Dazu wird es aber frühestens nach der Landtagswahl kommen.

Saarbrücken. Die unbequeme Wahrheit steht auf Seite 40, erster Abschnitt, letzter Satz: "Das Saarland ist sowohl bei den Allgemein- als auch bei den Fachärzten extrem überversorgt." Unbequem ist diese Aussage des Gutachtens "Effizienzreserven im Gesundheitswesen" allemal. Doch ob es auch wahr ist, was das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung und die Uni Duisburg-Essen herausgefunden haben im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, daran hat Gunter Hauptmann erhebliche Zweifel. "Vehement" bestreitet der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland, dass es diese Überversorgung gibt. "Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen", sagt Hauptmann. Die Situation im Saarland sei vergleichbar mit einer Großstadt, mit den Stadtstaaten Bremen und Hamburg, aber nicht mit einem Flächenland.

So aber nimmt das Saarland in vielen Kategorien der gestern veröffentlichten Studie Spitzenplätze ein - was aber nichts Gutes bedeutet. Zum Beispiel würden deutlich mehr ärztliche Leistungen abgefragt als im Bundesschnitt. Das klinge, als würden die Mediziner hierzulande die Leute von der Straße ins Behandlungszimmer zerren, findet Hauptmann: "Das ist Unsinn, das ist zu kurz gesprungen." Es gäbe nunmal regionale Besonderheiten, dass etwa die Lebenserwartung im Saarland vergleichsweise gering ist, sei doch keine neue Erkenntnis.

Weshalb er ein Grundproblem mit solchen Vergleichen von Ökonomen hat, die alles auf Zahlen reduzieren: "Weniger Ärzte, weniger Krankenhausbetten, und schon ist die Bevölkerung gesund - so einfach ist es nicht."

Und doch wird es speziell bei der Zahl der Klinikbetten im Saarland einschneidende Veränderungen geben müssen - sagt die Studie, und das sagen auch die Krankenkassen. Etwa Axel Mittelbach vom Verband der Ersatzkassen, der im Saarland rund 340 000 Versicherte vertritt. Leistungen müssten konzentriert, Kooperationen forciert werden, sagt Mittelbach mit Blick auf das neue Gutachten, das sich im Kern mit ihm bekannten Erkenntnissen deckt. 2935 Euro für eine durchschnittliche Krankenhausleistung (nur Rheinland-Pfalz ist noch teurer), dazu die meisten stationären Behandlungen aller Bundesländer und die höchsten erwarteten Überkapazitäten an Betten im Jahr 2020 - "um von unnötigen Kosten runterzukommen, dürfen keine Möglichkeiten ausgeschlossen werden", sagt Mittelbach. Wenn nach der Landtagswahl ein neuer Krankenhausplan in Angriff genommen wird, werde es "strukturelle Veränderungen" geben, davon ist Mittelbach überzeugt. Das Saarland habe sehr viele Krankenhäuser mit einem großen Leistungsspektrum und auf dem Saarbrücker Winterberg und an der Uni-Klinik Homburg sehr viele Betten der Maximalversorgung. "Es macht aber keinen Sinn, alles doppelt zu haben", sagt Mittelbach: "Überkapazitäten sind sehr teuer."

Auch die AOK leidet unter den "überdurchschnittlich intensiven Versorgungsstrukturen in allen Bereichen", wie es Saarland-Chef Bruno Krüger (Foto: SZ) ausdrückt. Daher müsse zügig eine "intensive Bedarfsdiskussion" geführt werden: "Der Handlungsdruck verschärft sich durch den Gesundheitsfonds dramatisch. Die deutlich teureren Strukturen sind nicht mehr finanzierbar."


Experten sehen große Sparmöglichkeiten im Gesundheitswesen


Die Rekordbelastung für die gesetzliche Krankenversicherung könnte den Beitragszahlern nach Ansicht von Forschern durch wirksame Reformen erspart bleiben. Bis zu 5,6 Milliarden Euro könnten demnach jährlich gespart werden.

Von SZ-Korrespondent  Stefan Vetter

Berlin.  Durch die Erschließung von Wirtschaftlichkeitsreserven könnten im Gesundheitswesen jährlich mindestens 5,6 Milliarden Euro eingespart werden. Damit wäre die jüngste Anhebung des Durchschnittsbeitrags der gesetzlichen Krankenkassen um 0,6 Prozentpunkte auf einheitlich 15,5 Prozent theoretisch überflüssig. Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Gesundheitsökonomen im Auftrag der arbeitgeberfinanzierten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", die gestern in Berlin vorgestellt wurde.

In der Untersuchung wird die Versorgung durch Krankenhäuser, ambulante Ärzte und Apotheken in den einzelnen Bundesländern unter die Lupe genommen. Dabei traten erhebliche Unterschiede in der Vergütung und Anzahl medizinischer Leistungen zu Tage. So erstatten die gesetzlichen Krankenkassen in Rheinland-Pfalz den Kliniken für eine durchschnittliche Behandlung 2960 Euro. In Schleswig-Holstein sind es dagegen nur 2685 Euro. Konkret wird dort zum Beispiel die Heilung einer Blinddarmentzündung mit zehn Prozent weniger vergütet als in Rheinland-Pfalz. Gleichzeitig gibt es Bundesländer, die überdurchschnittlich viele Einweisungen in Krankenhäuser verzeichnen. Spitzenreiter ist hier das Saarland mit einer um 13,2 Prozent höheren Fallzahl. Baden-Württemberg liegt indes mit minus 12,8 Prozent am deutlichsten unter dem Bundesdurchschnitt. Dabei seien die unterschiedlichen Krankheitsrisiken wie Alter und Geschlecht in den einzelnen Ländern bei den Effizienzreserven berücksichtigt, versichern die Autoren.

Auch im ambulanten Bereich ergibt sich ein stark differenziertes Bild.  So falle das Honorar für eine Praxisleistung in Hamburg um 42 Prozent höher aus als in Niedersachsen, heißt es in der Studie. Darüber hinaus würden in Ostdeutschland bei Arzneimitteln bis zu 60 Prozent mehr ausgegeben als im Bundesdurchschnitt. Fazit von Studienautor Stefan Felder von der Universität Duisburg-Essen: Würde man das Preis- und Mengenniveau der teuren Bundesländer auf das Niveau der günstigeren reduzieren, ließe sich der Beitragssatz um mindestens 0,6 Prozentpunkte absenken. Im "optimistischen Szenario" sogar um einen Prozentpunkt, was einer Einsparsumme von 9,8 Milliarden Euro entspricht.

Tatsächlich verfügen die gesetzlichen Krankenkassen 2009 über elf Milliarden Euro mehr als noch im Vorjahr. Neben der staatlich verordneten Beitragsanhebung im Wert von sechs Milliarden Euro erhalten sie 1,5 Milliarden Euro zusätzlich aus dem Steuertopf. Die restlichen rund 3,5 Milliarden Euro gehen auf Beitragsmehreinnahmen durch Lohn- und Rentensteigerungen zurück.