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Der gefallene Star als reuiger Sünder Zumwinkel steuert auf Bewährungsstrafe zu

Der gefallene Star als reuiger Sünder Zumwinkel steuert auf Bewährungsstrafe zu

Seit Viertel vor sechs hat Briefträger Heinz-Otto Labudda an diesem kalten Donnerstagmorgen vor dem Bochumer Landgericht gestanden, um eine Zuhörerkarte für den Verhandlungssaal C 240 zu ergattern. Als knapp fünf Stunden später der Steuerprozess gegen seinen früheren Chef Klaus Zumwinkel aufgerufen wird, ist Labudda einer der Ersten im Zuschauerraum

Seit Viertel vor sechs hat Briefträger Heinz-Otto Labudda an diesem kalten Donnerstagmorgen vor dem Bochumer Landgericht gestanden, um eine Zuhörerkarte für den Verhandlungssaal C 240 zu ergattern. Als knapp fünf Stunden später der Steuerprozess gegen seinen früheren Chef Klaus Zumwinkel aufgerufen wird, ist Labudda einer der Ersten im Zuschauerraum. "Ich empfinde großen Ärger und Unverständnis", sagte der 56-Jährige, der seit mehr als 41 Jahren bei der Post arbeitet und sich für den Gerichtsbesuch Urlaub genommen hat. "Er verdient schon genug Geld. Warum will er noch mehr?" Der Briefzusteller aus dem nordrhein-westfälischen Gevelsberg ist nicht der einzige, der zum Auftakt des Prozesses gegen den frühereren Deutsche-Post-Chef Zumwinkel seinem Unmut Luft macht. Vor dem Landgerichtsgebäude haben mehrere Demonstranten große Transparente enthüllt. "Artikel drei Grundgesetz (Zumwinkelfassung): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Je reicher desto gleicher" steht darauf zu lesen. Und: "Wird der Rechtsstaat auch zur Leiche - Freiheit für besonders Gleiche."

Es ist die allgemein erwartete Bewährungsstrafe für Zumwinkel, die die Handvoll Demonstranten auf die Palme bringt, auch wenn das Urteil erst am Montag verkündet wird. "Die Kleinen hängt man, die Reichen lässt man laufen" - Sätze wie dieser sind an diesem Tag oft zu hören von den Besuchern des Bochumer Gerichts. Dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Mittrup ist offenbar nicht verborgen geblieben, dass viele Menschen ein mildes Urteil gegen Zumwinkel mit resigniertem Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen würden. So stellt der Richter gleich zu Prozessbeginn klar, dass es keineswegs eine Absprache unter den Prozessbeteiligten über das Strafmaß gibt - und auch keine Sonderbehandlung für Zumwinkel. "Dieses Verfahren wird genauso geführt wie jedes andere."

Dennoch ist der Prozess gegen einen der ehedem mächtigsten Wirtschaftsführer der Republik kein Prozess wie jeder anderer. Zwar tritt Zumwinkel vor seinen Richtern gewohnt souverän auf. Er schildert seinen Lebenslauf und macht Angaben zu seiner Familie. Allerdings dürfte es dem 65-Jährigen kaum recht gewesen sein, dass Richter Mittrup sehr ausführlich nach Zumwinkels finanziellen Verhältnissen fragt. Auf diese Weise erfährt der Zuhörer im Gerichtssaal, dass Zumwinkel den Wert seiner 800 Jahre alten Burg am italienischen Gardasee auf rund fünf Millionen Euro schätzt, hinzu kommen acht Millionen Euro Finanzanlagen. Außerdem nennt der frühere Post-Chef einen Audi sowie einen BMW-Geländewagen sein eigen.

Dann holt Zumwinkel an diesem ersten Verhandlungstag zu dem aus, was im Vorfeld eigentlich jeder von ihm erwartet hat: In einer kurzen Erklärung legt er ein umfassendes Geständnis ab, nennt die Hinterziehung von knapp einer Million Euro Steuern über seine liechtensteinische Stiftung den "größten Fehler meines Lebens" und kündigt an, die "volle Verantwortung" dafür zu übernehmen. Zugleich berichtet er von den "schmerzlichen" Folgen, die sein Fehlverhalten für seine Familie und ihn selbst gehabt habe. "Bitter gebüßt" hätten er, seine Frau und seinen beiden Kinder für die Steuerstraftat: Persönliche Bedrohungen, Brief- und Telefonterror, Belagerungen seiner Mietvilla in Köln - all dies habe die Familie ertragen müssen. Doch mehrfach fügt der frühere Top-Manager hinzu, dass er "nicht klagen" wolle. Vielmehr stehe er "zur Verantwortung für meinen Fehler".

Vor seinen Richtern und der Öffentlichkeit gibt sich Zumwinkel auf der Anklagebank ganz als reuiger Sünder. "Er hat die Flucht nach vorne angetreten", sagt Briefträger Labudda nach der Verhandlung zu dem Geständnis, um mit immer noch ärgerlichem Unterton hinzuzufügen: "Und für seine Tat wird er jetzt eine Strafe kriegen." Bonn. Neben einem Grundgehalt von 1,5 Millionen Euro (2007) hat Klaus Zumwinkel als Post-Chef in den vergangenen Jahren noch Bonuszahlungen und Aktienoptionen oder so genannte Aktien-Wertsteigerungsrechte erhalten. Im Jahr 2007 kam Zumwinkel damit auf insgesamt 4,3 Millionen Euro. Nach dem Vorwurf der Steuerhinterziehung und seinem Rücktritt als Vorstandschef im Februar 2008 verzichtete Zumwinkel nach Angaben der Post selbst auf weiteres Gehalt in Höhe von deutlich mehr als einer Million Euro, das ihm bei Erfüllung seines Vertrags (bis November 2008) zugestanden hätte. Eine Abfindung habe nicht zur Debatte gestanden.

Der rheinische Unternehmersohn war schon vermögend, als er 1989/90 zur Bundespost kam. Nach dem Tod seines Vaters hatte er zusammen mit seinem älteren Bruder Hartwig eine Handelskette geerbt, die er Anfang der 70er Jahre an die Rewe-Gruppe verkaufte. Die 1986 in einer Liechtensteiner Stiftung angelegten Millionen sollen aus diesem Erbe stammen. Auch sein Bruder soll auf diese Weise Steuern hinterzogen haben. Klaus Zumwinkels Stiftungsvermögen soll Ende 2006 mehr als 11,8 Millionen Euro betragen haben.

Im Prozess werden wegen Verjährungsfristen nur die Steuervergehen von 2002 bis 2007 verfolgt. Damit bleibt die Anklage auch unter der magischen Grenze von einer Million Euro hinterzogener Steuern - ab dieser Summe hält der Bundesgerichtshof im Normalfall eine Haftstrafe ohne Bewährung für angemessen. dpa

"Es war der größte Fehler meines Lebens."

Ex-Postchef

Klaus Zumwinkel