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Der ganz entspannte Marathon-Mann

Der ganz entspannte Marathon-Mann

Mit 50 Jahren 50 Marathons gelaufen haben – ein rundes Ziel hatte sich Bankkaufmann Joachim Kreuter aus Lebach zum Neujahrstag 2016 gesetzt. Da war der leidenschaftliche Ausdauersportler 49 und hatte 27 dieser Läufe bewältigt. Fehlten also noch 23. An diesem Sonntag wird er in Köln am Ziel sein. Die Geschichte einer erfüllenden Tour, die ohne Metropolen auskam. Und ohne Philosophie.

. Einmal im Leben einen Marathon in New York, London oder Berlin laufen. Davon träumen die meisten Menschen, die sich an die Königsdisziplin der olympischen Leichtathletik wagen. Die 42,195 Kilometer kann man aber auch mit ebensolcher Freude in Eberbach, Waxweiler und Hückelhoven bewältigen. Es sind Marathon-Orte von Joachim Kreuter aus Lebach . Genau gesagt sind es drei von bislang 22 in diesem Jahr. Er war unter anderem auch in Kevelaer und Bockenheim, in Simmern und Pulheim. Statt 40 000 Menschen, wie in den Marathon-Metropolen, fanden sich manchmal nur 40 Mitläufer an der Startlinie ein. Viel gesehen hat Joachim Kreuter von den Zielorten nicht, er war ja auch immer nur dort, um den jeweiligen Marathon einzusammeln. Also hin, einen Kaffee trinken, laufen, genau gesagt möglichst gut und entspannt laufen, Medaille und Urkunde in Empfang nehmen, ein Getränk - und wieder heim; am Abend gab es dann meist ein Pizza-Essen mit der Familie, die das Hobby wohlwollend unterstützt.

Der Ausdauersportler, der das Trikot der Langlauf-Gemeinschaft Wustweiler trägt und der bei einer Genossenschaftsbank in Lebach als Berater arbeitet, hatte sich zu Silvester vorgenommen, im Jahr seines 50. Geburtstages 50 Marathonläufe beendet zu haben, also 23 in diesem Jahr.

Warum diese große Prüfung? Weil er sich das Werk nach siebenjähriger genussvoller Erfahrung auf langen und ultra-langen Strecken (über 114 Kilometer in zwölf Stunden) zutraute, körperlich und mental. Weil er erfahren wollte, ob dieses ständige Marathonlaufen über Monate ein Dauer-Zufriedenheitsgefühl erzeugt. Und um sich stets an der Aussicht erfreuen zu können, schon bald etwas Unvergessliches vollbracht zu haben - zusammengenommen vielleicht so groß wie New York, London oder Berlin.

Die Aufgabe bedurfte einer akribischen Vorbereitung: Um das pure Laufen in den Vordergrund zu stellen, also den Aufwand drumherum so gering wie möglich zu halten, verzichtete Joachim Kreuter auf Anreisen am Vortag und auf Übernachtungen in Hotels. Er suchte sich aus den etwa 200 deutschen sowie grenznahen Veranstaltungen solche in Heimatnähe, die mit einem Aufstehen am Wettkampftag um vier Uhr und einer entspannten Fahrt mit dem eigenen Auto erreichbar sein würden. Der nächstgelegene Wettbewerb fand im saarländischen St. Wendel statt, der entfernteste im fränkischen Ramsthal, etwa 350 Kilometer weg. Insgesamt kamen 10 000 Reisekilometer zusammen, einschließlich des Mönchengladbach-Marathons, der wegen einer Unwetterwarnung kurz vor dem Start abgesagt wurde. Ausgerechnet bei diesem Lauf wurde mit über 70 Euro das höchste Startgeld genommen - und wegen "höherer Gewalt" nicht erstattet. Diese weite Reise war also umsonst, und Joachim Kreuter zollte ihr ironisch Tribut, indem er auf dem obligatorischen Handyfoto seiner Startnummer keinen Kaffeebecher platzierte, sondern gleich die Belohnung - das Bier.

Um bei den - wenigen - Enttäuschungen zu verweilen: Einen einzigen Lauf brach der Marathonsammler ab. Es war einer der letzten, und das Erlebnis zeigt schön, "dass die Belastung in den Beinen und im Kopf jetzt doch hoch war": Beim Pfälzerwald-Marathon verpasste der Athlet eine Markierung und lief vier Kilometer in die falsche Richtung. Dieser Fehler, den er zu Jahresbeginn leicht weggesteckt hätte, nahm ihn in dieser fortgeschrittenen Situation so mit, dass er den Wettkampf abbrach. Pirmasens musste also durch einen anderen Lauf eine Woche drauf ersetzt werden, in die Kreutersche 50er-Wertung kamen natürlich nur ordnungsgemäß beendete, also "gefinishte" Wettbewerbe.

Joachim Kreuter, dessen Marathon-Bestzeit bei 3:27:47 Stunden liegt (aufgestellt in Berlin 2012), lief in diesem Jahr meist in einem Tempo leicht über 10 km/h, die meisten Wettbewerbe also in etwa vier Stunden. Der schnellste Marathon 2016 gelang ihm in Mannheim mit 3:48 Stunden, in Metzingen benötigte er wegen der tropischen Spätsommerhitze 4:36 Stunden. Der kurioseste Wettkampf war der Hallenmarathon von Geisingen auf einer 200-Meter-Bahn, der unangenehmste der Karlsruher Nachtlauf, der (unvorhergesehen) durch unbeleuchteten Wald führte. Ein herausragend schönes Erlebnis war die Zielankunft in Mendig am Geburtstag 1. Mai, wo ihn die eigens aus Wustweiler angereisten Vereinskameraden Roland Raber und Bernhard Müller hochleben ließen.

An diesem Sonntag, 2. Oktober, in Köln wird die Freude vielleicht noch größer sein, dann wird Joachim Kreuter seinen 50. Marathon auf der Domplatte ins Ziel bringen. Und dann im Herbst vielleicht noch zwei dranhängen, dann wären es 25 in einem Jahr - "klingt runder", schmunzelt er.

Eine Auswahl seiner Startnummern – zusammen mit der flüssigen Belohnung. Foto: Kreuter Foto: Kreuter

"Ich habe es anständig zu Ende gebracht, bin aber auch ganz froh, dass es vorbei ist", lautet das Fazit des Sportlers, der kein Aufhebens um seine Rennen macht. In Zeiten, wo schon Marathon-Neulinge ihre Erlebnisse in "Grenzerfahrungs"-Büchern schildern und Internet-Foren mit Laufratschlägen füllen, ist solche Zurückhaltung schon ikonenhaft. "Ich bin kein Lauf-Philosoph und will keine Lehren erteilen", beschreibt er seine Einstellung. Joachim Kreuter läuft halt "einfach so", ist mit seinem Pensum glücklich, möchte es aber keinem anderen empfehlen. Er bezeichnet sich als Spaß-Läufer, der Tempo-Stress aus dem Weg geht, um den Körper zu schonen. Er verzichtet auf die einschlägigen Trainingspläne, ja sogar auf strukturiertes Training, er hat keine spezielle Wettkampfnahrung, nimmt keine Nahrungsergänzungsmittel und Gels zu sich, ist auf keine Kleidermarke festgelegt und trinkt an den Verpflegungsstellen Leitungswasser und Cola. Aber es solle jeder das tun, was er für richtig hält, sagt er. Und, ganz wichtig: "Respekt verdient auch der, der nur einen einzigen Marathon läuft."