Der „fliegende Saarländer“

Im Saarland geboren zu sein, ist Zufall - weil ohne eigenes Dazutun. Später mit Preisen vom Saarland vereinnahmt zu werden, ist Schicksal - weil selbst verschuldet.

In Amerika fragte man mich mal: "Where do you come from?" ("Woher kommen Sie?"). Ich antwortete: "Germany!". "Good or bad germany?" ("Das gute oder schlechte Deutschland?"; noch zu Zeiten der deutschen Teilung). "From good germany". Nächste Frage: "Do you have an airport?" ("Haben Sie einen Flughafen?") Meine Antwort: "Ja, seit ich fliege".

1967 - nach diversen Wettbewerbserfolgen - machte ich erste Schritte auf der Bühne (in der Ägide Hermann Wedekind/Siegfried Köhler). Von Beginn an sang ich die großen Charakter- und Heldenbariton-Rollen, mit denen ich späterhin weltweit reüssierte. Ab 1970 (also noch in der Saarbrücker Zeit) lernte ich viele wichtige Dirigenten kennen. Der 1971 mit der Deutschen Oper am Rhein (Düsseldorf/Duisburg) geschlossene Vertrag wurde 1973 von mir beendet - seitdem wurde ich zum "fliegenden Saarländer" (München, Scala, Met, Covent Garden, Buenos Aires usw. unter Dirigenten wie Abbado, Barenboim, Giulini, Mehta, Muti, Sawallisch, Solti).

1966 Heirat meiner Lieblingsfrau - 1968/69 Geburt zweier Söhne, von denen der jüngere seinen Erzeuger hierzulande längst in den medialen Schatten gestellt hat. Der frühe Tod meines Vaters im Jahr 1976 wurde zu einem emotionalen Wendepunkt - hat mir diese Vaterfigur doch unendlich viel mitgegeben: Wagner-Vorname, Sänger-Gen, Notenlesen, Bücher- und Platten-Verrücktheit - und viele andere Suchtpotenziale.

Die Politik hat sich um mich so wenig gekümmert wie ich mich um sie. Aber meine Steuern hab' ich getreulich gezahlt - und nicht zu knapp.

Die anderen Länder, die fremden Städte erschienen mir eigentlich genauso "provinziell" wie das Saarland, kannte ich im Ausland doch auch nur meine unmittelbare Umgebung: Konzert- und Opernhäuser , Museen, Platten-Shops und Kioske mit deutschen Zeitungen.

Die deutsche Sprache war mein Zuhause - trotz ständigem Auslands-Gebabbel, das ich bald ausreichend beherrschte. Französisch, Latein und Griechisch lernte ich schon als Schüler, später kamen Englisch und Italienisch dazu. Schlussendlich hatte ich in 13 Sprachen gesungen und jede Menge Übersetzungen angefertigt. Ein Wort-Fex von jeher bis heute!

Ein zufälliger Saarländer wurde zum überzeugten Saarländer. Die kann man zwar wegen ihrer Herkunft "pflanzen", aber sie lassen sich nur schwer verpflanzen. Meine Wurzeln aber habe ich nie verleugnet. Ohne Wurzeln gibt es keine Baumkrone - vulgo nennt das "bodenständig". Das Saarland blieb also meine Heimat, hier war ich "dehemm", denn nur Saarländer "reiße Bääm aus, wo gar kenn sin".

Siegmund Nimsgern , Opern- und Konzertsänger an den bedeutendsten internationalen Bühnen

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