Der fliegende Flame

Erst sprang Gregory Holvoet nur ein, als der Weihnachtsmann ausfiel. Dann trat der Belgier dessen Nachfolge an. Jetzt fliegt er Abend für Abend über Saarbrücken. Aber wer ist überhaupt der Mann hinter dem Rauschebart?

Die Scheinwerfer der Manege sind auf ihn gerichtet: Gregory Holvoet beschleunigt sein Motorrad und rast auf eine Rampe zu, die mitten im Zelt des Zirkus Flic Flac steht. 1,50 Meter über dem Boden schwebt ein Hubschrauber. Der junge Mann wird schneller. Das ohrenbetäubende Geräusch der messerscharfen Rotoren kommt näher. Dann ist es soweit. Der Belgier erreicht die Spitze der Schanze - und schießt über sie hinaus. Holvoet schwebt mit seiner Maschine über den Heli hinweg. Hunderte Menschen legen die Köpfe in den Nacken, halten den Atem an. Es kommt ihnen wie Zeitlupe vor. Doch landet der Artist schon nach wenigen Sekunden weich auf einer Rampe. Tosender Applaus bricht aus.

Heute, sieben Jahre später, sitzt Greg - wie der junge Belgier lieber genannt werden will - allein in einem kleinen Baucontainer in der Nähe des St. Johanner Marktes. Er zieht sich einen roten Mantel an, eine rote Mütze und einen üppigen weißen Rauschebart. Der darf natürlich nicht fehlen. Denn Holvoet ist niemand anderes als der "fliegende Weihnachtsmann". Und gleich beginnt seine Show. Dann wird er das 35 Meter hohe Baugerüst hochklettern, auf ein im Schlitten verbautes Motorrad steigen und mitsamt Rentieren und Christkind über ein Drahtseil fahren. Über den Dächern von Saarbrücken wird Holvoet wieder für einen kurzen Moment zum Star - wie einst im Zirkus. Doch diese Zeit ist lange vorbei.

"Ich hatte einen schweren Unfall", sagt der 31-Jährige. Der Surfertyp mit Dreitagebart wirkt für kurze Zeit abwesend. Vielleicht tauchen die Bilder wieder auf, von damals, 2009. Holvoet wollte eine eigene Motorrad-Show auf die Beine stellen. In Stockholm. Doch bei der letzten Probe, wenige Stunden vor der Premiere, passierte es: Holvoet fuhr auf eine Rampe zu, wie er es zuvor schon x-mal in seinem Leben gemacht hatte. "Nur dieses Mal stimmte irgendetwas mit der Maschine nicht. Ich fuhr viel zu schnell."

Sein Motorrad schießt viel höher in die Luft als berechnet und fliegt weit über die Zielrampe hinaus. Holvoet knallt nach einem über 40 Meter weiten Sprung ungebremst auf den Boden. Seine Füße werden unter der Wucht des Aufpralls zertrümmert. "Die Ärzte mussten sie komplett rekonstruieren. Nichts war mehr ganz."

Ein halbes Jahr lang saß der Flame im Rollstuhl. Hilflos, ständig begleitet von Ängsten und Zweifeln. "Ich bekam sie nicht mehr aus dem Kopf", sagt er. Und die Motocross-Karriere ist vorbei. "Von einem auf den anderen Tag wird dir das genommen, was du liebst. Dein Leben quasi. Das war brutal." Dabei machte er nichts anderes, seit er zwölf Jahre alt war. Damals hatte ihm sein Vater die erste Maschine geschenkt. "Motocrossfahren liegt mir im Blut", sagt Holvoet. Sein Vater war ein Profi. Sein älterer Bruder sogar Weltmeister. Mit Kumpels übte er waghalsige Tricks — und stürzte immer wieder. Ein Unfall mit 17 hatte schlimme Folgen. Ein Metallteil bohrte sich in sein rechtes Auge. "Seitdem bin ich auf dem Auge blind. Aber das ist okay, stört mich nicht wirklich."

Das meint der Belgier ernst. Er sei kein Typ, der aufgibt. "Ich schaue immer nach vorn." Und so machte Holvoet trotz Handicap eine Motocross-Karriere. Als Profi-Fahrer reiste er jahrelang in die Metropolen der Welt. "Das war der Wahnsinn. Wir machten unsere Bike-Show, feierten Partys und natürlich gab es auch Frauen-Geschichten. Das war ein Rockstar-Leben." Für den Flamen ging es nur steil nach oben - abgesehen von Dutzenden Knochenbrüchen.

Doch dann kam die erzwungene Wende in seinem Leben, die ihn nach Saarbrücken führte. 2008, kurz vor dem Horror-Unfall, sprang Holvoet schon einmal für den damaligen "fliegenden Weihnachtsmann" - Sven Rauhe - ein. Rauhe suchte sein Glück mit Rollschuhakrobatik in der RTL-Sendung "Das Supertalent". Monate später riefen die Saarbrücker erneut beim Belgier an und fragten ihn, ob er die Show ganz machen wolle. "Ja", sagte er. Seitdem ist er jeden Dezember in der Landeshauptstadt, wohnt in einem kleinen Appartement in Bübingen. Mehrmals am Tag schlüpft er in die Rolle des Weihnachtsmanns, meist um 17 und 19 Uhr.

Den Rest des Jahres arbeitet er als Koch. Für einen Caterer in seiner Heimatstadt Gent, der Film-Produktionen beliefert. Er verdiente seinen Lebensunterhalt aber auch schon auf einer Bio-Farm in Ostflandern. All das macht er so lange, bis er genug Geld zusammen hat und reisen kann. "Ich mag fremde Länder, Kulturen und Menschen und will so viel davon kennenlernen, wie ich kann." Aber wo soll es mal in seinem Leben hingehen? "Mal sehen. Ich mache immer das, worauf ich Lust habe."

Und das sei jetzt, im Dezember 2014, wieder der Weihnachtsmann. "Ich mache super vielen Menschen eine Freude damit. Das ist doch toll!" Sein altes Leben vermisse er nicht. "Ich bin dankbar, dass ich das alles erleben durfte", sagt Holvoet. Dann ist wieder die Zeit für den Drahtseilakt gekommen. Holvoet klettert in seinen Schlitten, die Weihnachtsmusik ertönt und der Belgier schwebt mit Funkenschweif durch den Saarbrücker Nachthimmel - vor den Augen von hunderten Menschen, die ihre Köpfe in den Nacken legen und ihm bewundernd hinterherschauen.

Er ist der Mann hinter dem Rauschebart: Der Flame Gregory Holvoet macht sich gerade für die nächste Show bereit.

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HintergrundDie Aufgabe von Gregory Holvoet besteht beim "fliegenden Weihnachtsmann" darin, ein Motorrad im Schlitten des Weihnachtsmanns zu bedienen. Unter ihm hängt das Christkind in einer Art Sesselliftgondel. Diese Konstruktion garantiert das Gleichgewicht. Wenn die Weihnachtsgeschichte ertönt, fahren beide gut gesichert über das Drahtseil. Dabei winken sie den Zuschauern zu und Holvoet lässt die Funken des Schlittens sprühen und die Nase von Rentier Rudolph blinken. Holvoet entscheidet vor jeder Show, ob sie stattfindet. Bei extremem Wetter wie Stürmen wird sie abgeblasen. Aber das ist in all den Jahren erst ein paar Mal vorgekommen. pbe/dpa