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Der Fall Quelle: Tragisches Aus auf Raten

Der Fall Quelle: Tragisches Aus auf Raten

Seit 19 Jahren vertreibt Erna Speicher aus Großrosseln Quelle-Produkte. Vom drohenden Aus des Versandhändlers jedoch erfuhr sie gestern Morgen aus dem Radio. "Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht", sagt die 65-Jährige. Ein "ungutes Gefühl" sei es, dass man so in "der Luft hängt"

Seit 19 Jahren vertreibt Erna Speicher aus Großrosseln Quelle-Produkte. Vom drohenden Aus des Versandhändlers jedoch erfuhr sie gestern Morgen aus dem Radio. "Ich weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht", sagt die 65-Jährige. Ein "ungutes Gefühl" sei es, dass man so in "der Luft hängt". Die Eröffnung des Insolvenzverfahrens von Quelle im Juni hat auch ihre Quelle-Umsätze schrumpfen lassen: Um rund 50 Prozent ist das Geschäft eingebrochen. "Wir haben sehr viele französische Kunden, die werden die günstigen Elektrogeräte vermissen."

Nun wird Quelle abgewickelt. Nach der geplatzten Finanzierung gibt es keine Hoffnung mehr auf einen Investor. Vielen der rund 10 500 Quelle-Beschäftigten droht der Jobverlust. Vor allem Frauen sind betroffen, die schon Jahrzehnte bei Quelle arbeiten und nur schwer einen neuen Arbeitsplatz finden werden. Mit großer Mühe war kürzlich eine Transfergesellschaft auf die Beine gestellt worden, in der die gekündigten Mitarbeiter weiterqualifiziert werden sollten.

Nun fällt die Finanzierung flach. Betriebsratschef Ernst Sindel, mit den Worten ringend, fasste es gestern so zusammen: "Ein Wahnsinn, was da abgelaufen ist."

Leute wie Erna Speicher oder Bernd Gondron aus Saarlouis sind da nicht mitgerechnet. Denn die zahlreichen Quelle-Shops, auch im Saarland werden selbstständig betrieben. Erna Speicher wird vier ihrer acht 400-Euro-Kräften kündigen müssen, wenn das Quelle-Geschäft wegbricht. In ihren beiden Läden in Großrosseln und Emmersweiler verkauft sie auch Schreibwaren, Geschenkartikel und Lottoscheine. Die Kinder sind erwachsen, die Rente stehe bevor: "Für mich ist es nicht ganz so tragisch", resümiert die 65-Jährige.

Shop-Betreiber Gondron knüpft bereits Kontakte zu anderen Lieferanten. Auch er hatte massive Einbußen. Auch lange Lieferzeiten hätten viele Kunden verärgert. "Wenn ich Familie hätte, hätte ich das gar nicht durchstehen können", sagt Gondron.

Indessen streiten Gewerkschafter und Politik darüber, wer für das Desaster verantwortlich ist. Von einem "tragischen Schlusspunkt einer Reihe politischer Fehlentscheidungen" sprach die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), betonte dagegen, der Freistaat habe "das Menschenmögliche" für Quelle getan. "Ich finde es schade, das hätte niemand gedacht," meint eine Shop-Betreiberin aus dem Kreis St. Wendel zum Aus. Sie hofft auf ein letztes Geschäft im Resteverkauf, wenn jetzt die Lager von Quelle geräumt. Dann wird ihr Laden geschlossen. Einen neuen Job hat sie schon. "Unsere französischen Kunden werden Quelle sehr vermissen."

Erna Speicher, Shopbetreiberin

Hintergrund

Der erste Katalog von Quelle erschien 1928. Jahrzehntelang war das Versandhaus Teil des Wirtschaftsbooms der jungen Bundesrepublik. In den 70ern belieferte Quelle seine Kunden auch mit Fertighäusern. Gefertigt wurden die Montageteile im St. Wendeler Stadtteil Bliesen.

Eine letzte Blütezeit erlebte das Unternehmen nach der Wiedervereinigung. Der Niedergang des Versandhändlers begann in den 90er Jahren, 1999 folgte der Zusammenschluss mit dem Kaufhauskonzern Karstadt. Quelle verlor die Unabhängigkeit; jede finanzielle Entscheidung musste von der Karstadt-Zentrale in Essen abgesegnet werden. Am 9. Juni 2009 stellt Arcandor Insolvenzantrag für die Arcandor AG sowie die Töchter Karstadt und Quelle. Quelle fehlen allein bis zu 25 Millionen Euro für den Druck des Katalogs. In der Folge scheitern Gespräche über mögliche neue Investoren für Quelle. Am 19.Oktober fällt der Beschluss, Quelle abzuwickeln. dpa/low