„Der Euro ist ein Kadaver“

Der rechtspopulistische Front National (FN), der bei der Europawahl stärkste Partei Frankreichs wurde, hält am Wochenende in Lyon seinen Parteitag ab. SZ-Korrespondentin Christine Longin sprach im Vorfeld mit Parteichefin Marine Le Pen (46) über die Rolle Deutschlands, den Euro, Russland, die Einwanderung und eine Namensänderung des FN.

Madame Le Pen, Deutschland verlangt von Frankreich einen Sparkurs. Wird Deutschland damit zum Feindbild?

Marine Le Pen : Ich werde Deutschland nicht dafür verurteilen, dass es seine Interessen vertritt. Es hat das Recht dazu, aber wir haben auch das Recht, uns dieser Politik zu widersetzen. Die Politik, die Frankreich auferlegt wird, ist gleichzeitig dumm und unwirksam. Sie hat bereits zum Bankrott Griechenlands geführt, zu einer furchtbaren Situation in Spanien, Italien und Portugal und bald auch in Frankreich . Sie ist wirkungslos, weil sie die Defizite nicht verringert und die Schulden auch nicht. Warum will uns in Frankreich nicht gelingen, wieder Wirtschaftswachstum zu schaffen?

Warum denn?

Le Pen: Weil unsere Währung zu stark ist. Weil die internationale Konkurrenz unlauter ist. Ändern wir die Politik, dann werden wir den Weg zu mehr Beschäftigung wiederfinden. Denn nur mit Beschäftigung wird man das Problem des Defizits und der Schulden lösen. Nicht, indem man diejenigen weiter auspresst, aus denen nichts mehr rauszuholen ist.

Wenn Sie bei der französischen Präsidentschaftswahl 2017 gewählt werden sollten, wird der Ausstieg aus dem Euro dann Ihre erste Entscheidung sein?

Le Pen: Ich werde alle Energie darauf verwenden, die anderen europäischen Länder davon zu überzeugen, dass man nicht so weitermachen kann. Dass der Euro ein Kadaver ist, den man versucht, mit Milliarden künstlich am Leben zu halten. Deshalb ist es in unserem Interesse, den Ausstieg aus dem Euro zu organisieren und im Rahmen einer internationalen Absprache zu den nationalen Währungen zurückzukehren. Für alle Länder ist der Euro ein Fehlschlag. Deutschland zieht daraus zwar auch Nutzen, aber wie viel kostet die Rettung des Euro ? Wie lange wird Deutschland noch akzeptieren, für die Gemeinschaftswährung zu zahlen? Diese Fragen dürfen nicht tabu sein.

Warum sind Sie so besessen vom Thema Einwanderung ?

Le Pen: Weil sie ein großes Problem ist in einem Land wie Frankreich , das sechs Millionen Arbeitslose und neun Millionen Arme hat. Es ist doch offensichtlich, dass wir nicht weiter Menschen aufnehmen können, denen wir nichts zu geben haben. Wir haben nicht die Mittel, sie zu unterhalten, wir haben ihnen keine Arbeit zu bieten, wir haben keine Wohnungen zu vergeben. Der Pragmatismus und der gesunde Menschenverstand verlangen, dass wir "Stopp" sagen.

Glauben Sie nicht, dass die Probleme Frankreichs hausgemacht sind? Zum Beispiel in Sachen Wettbewerbsfähigkeit?

Le Pen: Deutschen fällt es leicht, so etwas zu sagen. Wenn wir die nationalen Währungen wieder einführen würden, wäre die Mark deutlich stärker als der Franc, und das wäre natürlich für unseren Export äußerst hilfreich. Heute müssen wir mit einer Währung leben, die 20 bis 30 Prozent zu teuer ist für unsere Wirtschaft, da liegt das Problem. Wenn Sie in Deutschland dann noch billige Arbeitskräfte aus Osteuropa beschäftigen, dann ist es eben kein Wunder, dass deutsche Unternehmen wettbewerbsfähiger sind als französische.

Im Ukraine-Konflikt haben sie eine Haltung, die der des Kremls nahesteht. Ihre Partei hat sogar gerade einen Kredit bei einer russisch-tschechischen Bank aufgenommen . . .

Le Pen: Wenn Sie eine deutsche Bank haben, die uns einen Kredit gibt, nehmen wir den gerne. Aber niemand will uns Geld leihen. Wir haben im FN immer dieselbe Haltung zu diesem kalten Krieg gehabt, der seit Jahren gegen Russland geführt wird und auch zur Schwäche der europäischen Diplomatie, die es nicht schafft, sich dem amerikanischen Diktat zu widersetzen. Ich denke, dass es ein völliger Irrtum ist, sich gegen Russland zu stellen, denn das treibt Moskau in die Arme Chinas, und das werden wir sehr teuer bezahlen.

Sie haben die Leitung des FN vor mehr als drei Jahren übernommen mit dem Ziel, die Partei zu "entdämonisieren". Sogar eine Namensänderung ist nicht mehr tabu. Sind Sie bereit, einen Konflikt mit ihrem Vater und FN-Gründer Jean-Marie Le Pen zu riskieren?

Le Pen: Diese Namensänderung soll nicht nur Kosmetik oder ein Werbegag sein. Wenn es dazu kommt, dann um eine politische Realität zu besiegeln: Die Schaffung einer großen patriotischen Allianz mit anderen politischen Bewegungen der Rechten wie der Linken, die auf derselben Seite stehen wie wir, auf der Seite der Verteidiger der Nation.

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HintergrundMarine Le Pen hat einen Bericht zurückgewiesen, wonach der FN bei einer russischen Bank 40 Millionen Euro leihen wollte: "Das ist frei erfunden. Wir haben neun Millionen beantragt, und wir haben neun Millionen bekommen." Das Magazin "Mediapart" zitierte am Mittwoch dagegen ein Mitglied der Parteiführung mit der Aussage, bei den neun Millionen Euro habe es sich nur um den ersten Teil eines 40-Millionen-Kredites gehandelt. afp