Der einsame Präsident

Zunächst fragten sich alle: "Horst, wer?" Nach den ersten Amtsjahren galt Horst Köhler dann als "die Stimme des Volkes". Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit war der frühere Banker und Finanzmanager ein "Staatsoberhaupt ohne Worte". Eine in Deutschland beispiellose Staatskarriere hat jetzt mit dem Blitzrücktritt des Bundespräsidenten abrupt ihr Ende gefunden

Zunächst fragten sich alle: "Horst, wer?" Nach den ersten Amtsjahren galt Horst Köhler dann als "die Stimme des Volkes". Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit war der frühere Banker und Finanzmanager ein "Staatsoberhaupt ohne Worte". Eine in Deutschland beispiellose Staatskarriere hat jetzt mit dem Blitzrücktritt des Bundespräsidenten abrupt ihr Ende gefunden.Große Überraschung Die Überraschung war groß, als die CDU-Vorsitzende Angela Merkel 2004 zusammen mit FDP-Chef Guido Westerwelle den damaligen Präsidenten des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Kandidaten für das höchste Staatsamt präsentierte. Keiner hatte mit dem Sohn von Flüchtlingen aus Bessarabien (heute Moldawien) gerechnet, der in Baden-Württemberg aufwuchs, Volkswirtschaft studierte und später in Bonn die Beamtenkarriere einschlug. In der Bundesversammlung wurde der bis dahin der breiten Masse unbekannte Horst Köhler im Mai 2004 als Vorbote eines schwarz-gelben Bündnisses gewählt, das bei der Bundestagswahl ein Jahr später die Mehrheit aber verfehlte. 2005 löste Köhler den Bundestag auf. Das Katastrophen-Szenario, das er damals zur Begründung entwarf, wurde ihm von Rot-Grün so übelgenommen, dass er nie mehr einen dauerhaften Draht zu diesen Parteien fand. Statt einer Regierung von Union und FDP kam die große Koalition. Köhler änderte deshalb aber nicht seinen Stil. Uneitel und direkt ging er auf die Menschen zu, ließ jeden erkennen, dass er mit dem politischen Betrieb in der Hauptstadt einfach nicht vertraut war und es auch nicht sein wollte. Er war ein ungeübter Redner, musste oft nach passenden Worten suchen und ließ auch seinen Emotionen mitunter freien Lauf. Das machte ihn sympathisch. Seine Beliebtheit im Volk stieg. "Ich möchte Bundespräsident aller Deutschen sein, und ein Präsident für alle Menschen, die hier leben", war sein Leitspruch. Er wolle aber notfalls auch "ein unbequemer Präsident" sein, fügte er damals hinzu. Das zeigte das CDU-Mitglied mit Distanz zum Parteibetrieb mehrfach. 2004 vereitelte er den Plan des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), den Tag der Deutschen Einheit vom 3. Oktober immer auf einen Sonntag zu verlegen. 2006 verweigerte er aus verfassungsrechtlichen Gründen zwei Gesetzen der großen Koalition seine Zustimmung und löste bei Schwarz-Rot erheblichen Unmut aus.Kritik an den Monstern Auch seine Kenntnis der finanzpolitischen Zusammenhänge setzte er ein. Früh beklagte er das Treiben unkontrollierter Finanzakteure als "Monster", die gezügelt werden müssten. Köhlers starke Worte verhallten aber auch damals schon oft folgenlos. 2009 wurde Köhler von Union, FDP und bayerischen Freien Wählern in der Bundesversammlung für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Für seine Auftritte im Ausland erntete das Staatsoberhaupt ausnahmslos Anerkennung. Im Februar 2005 meisterte er einen heiklen Staatsbesuch in Israel mit viel Fingerspitzengefühl, indem er seine auf deutsch gehaltene Rede vor der Knesset mit einigen hebräischen Worten einleitete. Viel Anerkennung im Ausland Die zweite Amtszeit stand unter keinem guten Stern. Schon unmittelbar nach seiner Wiederwahl verlangte Köhler die Direktwahl des Bundespräsidenten. Dies verärgerte die Parteien. Danach kam die große Finanzkrise mit den Gefahren für den Euro. Viele erwarteten gerade jetzt Wegweisungen aus dem Schloss Bellevue von jemandem, der wie kaum andere an der Staatsspitze Erfahrung damit hatte. Köhler hielt sich aber bedeckt. Nach dem Amtsantritt der schwarz-gelben Regierung, die eigentlich seine Wunschkoalition sein sollte, fehlte die Stimme des Staatsoberhaupts über lange Zeit. Wenn er etwas sagte, blieb es oft ohne Echo bei den Berliner Akteuren. Er habe keine Botschaft für seine zweite Amtszeit, sagten Kritiker. Köhler bereitete sich in diesen Tagen auf eine große europapolitische Rede vor. Zuvor aber wollte er in der kommenden Woche noch nach Afrika zur Fußball-WM-Eröffnung reisen und zu einer Tagung seines Projekts "Partnerschaft mit Afrika" in Burkina Faso. Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Genauso wie Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern ob der aktuellen Entwicklung ihren geplanten Besuch im Trainingslager der deutschen Fußballnationalmannschaft in Südtirol absagte. Dass Köhler mit seinem Rücktritt Merkel kalt erwischte und ihr in schweren Zeiten neues Ungemach bescherte, dürfte er mit einkalkuliert haben. Nur zwei Stunden hatte Merkel gestern Zeit, die Nachricht zu verdauen: Um zwölf Uhr erhielt sie den Anruf Köhlers, um 14 Uhr trat er als Präsident zurück.

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