Der Diktator will nicht weichen

Tripolis/Madrid. Afrikanische Söldner sind Gaddafis letzte Hoffnung. Auf sandfarbenen offenen Jeeps kurven sie durch die Hauptstadt Tripolis. Olivgrüne Kampfanzüge, Schnellfeuergewehre im Anschlag. Immer fünf oder sechs Bewaffnete auf der Ladefläche eines Wagens. Vor allem sie patrouillieren auf den Straßen. Schießen, sobald sich Protest regt

Tripolis/Madrid. Afrikanische Söldner sind Gaddafis letzte Hoffnung. Auf sandfarbenen offenen Jeeps kurven sie durch die Hauptstadt Tripolis. Olivgrüne Kampfanzüge, Schnellfeuergewehre im Anschlag. Immer fünf oder sechs Bewaffnete auf der Ladefläche eines Wagens. Vor allem sie patrouillieren auf den Straßen. Schießen, sobald sich Protest regt. Für viel Geld sollen sie nun offenbar wenigstens die libysche Hauptstadt halten, nachdem weite Teil der libyschen Polizei und Armee zur Opposition übergelaufen sind. Und Gaddafi im großen Rest des Landes die Kontrolle verloren hat.Vor allem diese ausländischen Söldner sollen für Massaker in Tripolis und Bengasi verantwortlich sein. Sie werden angeblich in den südlich von Libyen gelegenen schwarzafrikanischen Ländern angeworben. Sie stehen offenbar unter dem Kommando des Gaddafi-Sohnes Khamis, dem Befehlshaber der gefürchteten "Khamis-Brigade", die als Elitetruppe des Diktators Muammar al-Gaddafi (68) gilt. Und die schon immer den Ruf hatte, die härteste und bestausgerüstete Einheit Libyens zu sein.

"In Guinea und Nigeria kursieren Angebote, in denen bis zu 2000 Dollar pro Tag für potentielle Söldner offeriert werden", berichtet der TV-Sender Al Dschasira. An Kleingeld mangelt es dem Öl-Milliardär Gaddafi ja bekanntlich nicht. Auch in Tripolis agiere nun eine dieser skrupellosen Killertruppen, warnen Oppositionelle. "Diese Khamis-Sondereinheit hat nur einen Auftrag: Die Menschen auf den Straßen zu erschießen."

Wie viele Menschen schon in Tripolis umkamen, kann nur geschätzt werden. Es gebe wohl hunderte Opfer, sagen Regimegegner und Ärzte. Die Angaben über die Toten im ganzen Land schwanken zwischen 500 und mehr als 1000. "Was wir hier erleben, ist unvorstellbar", berichteten Bewohner. "Sie feuern auf alles, was sich bewegt."

Sogar Kampfjets sollen Tripolis angegriffen haben. Nach Angaben des Nachrichtensenders Al Dschasira bombardierten sie militärische Ziele: "Die Bombardierung konzentrierte sich auf Munitionsdepots und Befehlszentralen rund um Tripolis", nachdem sich die dort stationierten Militäreinheiten der Opposition angeschlossen hätten. Bewohner berichteten, dass von Flugzeugen aber auch auf Demonstranten gefeuert worden sei.

Der seit Tagen von der Bildfläche verschwundene Diktator Gaddafi trat unterdessen gestern gleich zwei Mal im Staatsfernsehen auf. Einmal morgens um zwei Uhr, um der Welt knapp mitzuteilen: "Ich möchte klarstellen, dass ich nicht in Venezuela bin, sondern in Tripolis. Glaubt nicht diesen Fernsehkanälen - das sind streunende Hunde. Auf Wiedersehen."

Und dann am Abend noch einmal in einer zornigen Rede, in der bekräftigte: "Ich werde bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen." Er habe nichts zu verlieren, werde sich nicht ergeben und lieber als Märtyrer sterben, als zurückzutreten und sein Land zu verlassen. Die demonstrierende Opposition, die mit ihrem Aufstand inzwischen in vielen Städten die Kontrolle übernehmen konnte, bestehe aus "Feiglingen und Verrätern".

Als Kulisse für beide Auftritte wählte er übrigens die Ruine jener früheren Residenz in Tripolis, die 1986 von den USA zerbombt worden war.Tripoli. Seit Gaddafi an der Spitze einer Gruppe freier Offiziere 1969 die pro-westliche Monarchie in Libyen stürzte, verkündete er dem Land zwar eine soziale Revolution. Tatsächlich hielt er sich jedoch mit hemmungsloser Brutalität an der Macht. Oppositionsbewegungen im Inland wurden systematisch zerschlagen, deren Angehörige inhaftiert und häufig exekutiert, während der Diktator seine Gegner im Ausland viele Jahre lang blutig verfolgte.

Schon bald nach seiner Machtübernahme geriet Gaddafi, der seine eigene "grüne" Version des Islams predigt, in schweren Konflikt mit den traditionellen islamischen Institutionen des Landes, die er schließlich alle lahmlegte. Zu seinen Erzfeinden erkor er neben den gemäßigteren Moslembrüdern vor allem radikalere islamistische Strömungen, gegen die er er mit besonderer Härte vorging. Erst in den vergangenen Jahren begann sein Sohn Saif al Islam einen Dialog mit islamischen Extremistengruppen. De facto gibt es heute in Libyen keine organisierte Opposition. Im Exil formierten Gaddafis Gegner zwar diverse politische Gruppierungen, sind jedoch stark zersplittert und ebenfalls politisch bedeutungslos. Sieben Oppositionsparteien, darunter die "Nationale Front zur Rettung Libyens" (NFRL), die größte unter ihnen, schlossen sich 2005 in London zur "Nationalen Konferenz für die libysche Opposition" zusammen. Jahrelang hatten sie kaum Zugang zur libyschen Bevölkerung, gewannen nun aber dank Internet und sozialer Netzwerke vor allem unter der jungen Bevölkerung ein wenig Einfluss durch ihr entschiedenes Engagment für den "Tag des Zornes", der am 17. Februar den Auftakt zur Rebellion setzte. Doch ein künftiger Führer lässt sich in diesen Kreisen nicht erkennen.

Demgegenüber spielen im sozialen Gefüge des Landes die Stämme immer noch eine zentrale Rolle. Die Entscheidung des mächtigen Warfala-Stammes, zu dem sich etwa eine Million Libyer zählen, sich den Gegnern Gaddafis anzuschließen, wird in der Bevölkerung zweifellos als entscheidende Schwächung und Autoritätsverlust des Diktators gewertet. Diese Entwicklung wurde noch verstärkt, als es Warfala-Führern gelang, Angehörige der südlichen Tuareg Stämme, die etwa 500 000 Mitglieder umfassen, dem Widerstand anzuschließen. cer

Tripolis/Berlin. Tausende von Ausländern fliehen angesichts der zunehmenden Gewalt mit Unterstützung ihrer jeweiligen Regierungen aus Libyen. Passagierflugzeuge, Militärmaschinen und Schiffe nahmen gestern aus allen Richtungen Kurs auf Libyen, um möglichst viele Ausländer vor der Gewalt in Sicherheit zu bringen.

In der libyschen Hauptstadt Tripolis landeten gestern gleich drei Sondermaschinen, um Deutsche nach Hause zu bringen. Es wurde erwartet, dass der Großteil der etwa 400 Bundesbürger, die sich noch in Libyen aufhielten, ausreisen wollte. Die Lufthansa richtete am Flughafen einen Sonderschalter ein, um die Aktion zu koordinieren.

Frankreich schickte gestern drei Militärmaschinen nach Tripolis, um von dort die rund 550 Franzosen in Sicherheit zu bringen. Schon in der Nacht hatte das österreichische Militär 62 EU-Bürger aus verschiedenen Ländern aus Tripolis ausgeflogen.

Auf Schiffe setzte die türkische Regierung, nachdem am Vortag ein Sonderflug hatte abgebrochen werden müssen. In Libyen halten sich insgesamt etwa 25 000 Türken auf, viele als Mitarbeiter türkischer Baufirmen. Ein griechischer Frachter lief gestern in den kleinen libyschen Hafen von Ras Lanuf ein, um von dort griechische Bürger abzuholen. Chinas Regierung äußerte sich vorerst "sehr besorgt" über die Entwicklung in Libyen, hat aber keine öffentlich bekanntgewordenen Schritte zum Schutz ihrer Landsleute vor Ort unternommen. Zur Unterstützung der 1,5 Millionen Ägypter, die vor Beginn der Unruhen in Libyen lebten, schickte Kairo gestern mehrere Sonderflugzeuge. dpa

"Ich werde bis zum letzten Tropfen Blut kämpfen."

Muammar al-Gaddafi in einer TV-Ansprache

Am Rande

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat Libyen mit Konsequenzen gedroht. "Sollte Libyen weiter mit Gewalt gegen das eigene Volk vorgehen, werden Sanktionen unvermeidlich sein", sagte er gestern. Er forderte die libyschen Machthaber auf, "sofort die Gewalt gegen die Bürger ihres eigenen Landes zu stoppen". Er fügte hinzu: "Eine Herrscherfamilie, die das eigene Volk mit Bürgerkrieg bedroht, die ist am Ende." dapd