Der Brandstifter

Washington. An Todesdrohungen mangelt es Terry Jones, dem umstrittenen Pastor des "Dove World Outreach Centers" in Florida, nach eigenen Angaben nicht. Denn Friedenstauben sind es nicht gerade, die er in die Welt schickt. Als er am 20

Washington. An Todesdrohungen mangelt es Terry Jones, dem umstrittenen Pastor des "Dove World Outreach Centers" in Florida, nach eigenen Angaben nicht. Denn Friedenstauben sind es nicht gerade, die er in die Welt schickt. Als er am 20. März im kleinen Kreis - anwesend waren nur rund 20 Zuschauer - in der Stadt Gainesville dem Koran den "Prozess" machte, ihn des Aufrufs zum Terrorismus für schuldig erklärte und ein Exemplar dann von einem befreundeten Prediger mit Hilfe eines Grillanzünders an Ort und Stelle verbrennen ließ, schwiegen so gut wie alle US-Medien. Schließlich war den Berichterstattern noch die Warnung aus dem vergangenen Jahr im Ohr, als Jones ebenfalls - zum Jahrestag der 9/11-Anschläge - das heilige Buch der Moslems einäschern wollte, doch die Regierung vor massiven Folgen für die Sicherheit der US-Soldaten im Ausland gewarnt hatte. Als sich auch US-Präsident Barack Obama einschaltete, lenkte die Gemeinde doch noch ein.Aber ein halbes Jahr später machte Jones ernst - und die Nachricht von der Aktion fand trotz der Medien-Stille über Diplomaten den Weg zu Afghanistans Präsident Hamid Karsai, der diese mehrfach anprangerte und die Verhaftung des Predigers forderte. Die Folgen der Worte Karsais waren tödlich: Bereits am Freitag hatten aufgebrachte Muslime in Masar-i-Scharif, wo auch 30 Soldaten der Saarlandbrigade stationiert sind, das Regionalbüro der Vereinten Nationen gestürmt und sieben Ausländer getötet. Am Wochenende kamen bei schweren Zusammenstößen in Kandahar dann erneut zwölf Menschen ums Leben.

So blieb auch Obama keine andere Wahl, als die Racheakte in Afghanistan scharf zu verurteilen. Es gebe keinerlei Rechtfertigung dafür, Unschuldige anzugreifen, abzuschlachten und zu enthaupten, machte der Präsident klar. Im gleichen Atemzug nahm er sich aber auch demonstrativ den Prediger aus Florida zur Brust. "Die Schändung jedes heiligen Textes, einschließlich des Korans, ist ein Akt extremer Intoleranz und Bigotterie", sagte Obama.

Doch Grund zu Reue sieht der Anführer der Kirchengemeinde nicht. Vielmehr fordert Jones von den USA und den UN jetzt unverzüglich Maßnahmen gegen jene muslimischen Länder, in denen die Proteste hochkochen. "Die Zeit ist gekommen, den Islam zur Verantwortung zu ziehen", sagt Jones, der sich durch die Ereignisse in Afghanistan bestätigt sieht. "Der Islam ist keine Religion des Friedens." Die Gemeinde sei zwar "betrübt" über die Morde an den UN-Mitarbeitern, doch man habe nicht mehr getan als ein Buch verbrannt, das zu Gewalt aufrufe. "Wir haben nicht zu den Morden aufgerufen", verteidigt sich Jones, der mittlerweile eine Pistole am Gürtel trägt und dessen Verhalten dafür gesorgt hat, dass die Polizei verstärkt vor der Kirche Streife fährt und sich der Bürgermeister von Gainesville deutlich vom Prediger distanziert hat. Auch andere Kirchenmitglieder haben sich Berichten zufolge mittlerweile bewaffnet und fürchten - die aggressiven Reaktionen in der islamischen Welt angesichts der Mohammed-Karikaturen noch in Erinnerung - nun die Rache der Propheten-Anhänger. Die Verbrechen in Masar-i-Scharif gegen die UN-Mitarbeiter nähren die Ansicht des "Outreach Centers", dass der Islam zu Gewalt führe und deshalb Gegenmaßnahmen erfordere. Daher planen Jones und seine Anhänger bereits die nächste Provokation: Ende des Monats wollen sie zu Protesten nach Dearborn im US-Bundesstaat Michigan reisen, einem Zentrum muslimischer Einwanderer. Dort soll vor einer Moschee gegen den "Dschihad" (den Heiligen Krieg gegen Ungläubige) und die "Scharia" (das islamische Rechtssystem) demonstriert werden.

Das sind keine guten Nachrichten für Obama, der im Juli eigentlich mit dem Abzug aus Afghanistan beginnen wollte. Erst Mitte März hatte der US-Oberkommandeur, General David Petraeus, noch Optimismus verbreitet: Er sehe bedeutende Fortschritte. Das könnte sich nun wieder ändern. Der Waffengang am Hindukusch und das heikle Verhältnis zur islamischen Welt bleiben für die USA ein gefährliches Pulverfass.

Meinung

An vielen Händen klebt Blut

Von SZ-MitarbeiterFriedemann Diederichs

Wer trägt die Schuld für die Morde an UN-Mitarbeitern und die weiteren Toten in Afghanistan? Es gibt bei dieser Tragödie mehr als nur einen Brandstifter - obgleich an den Händen des Predigers Terry Jones besonders viel Blut klebt. Gleiches gilt aber auch für die islamischen Hassprediger am Hindukusch, die diese Steilvorlage für neue Attacken gegen den "großen Satan USA" nutzten. Doch Gleiches gilt auch für den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Denn er war es, der die Provokation erst im Land publik machte, dabei auf den Wut-Faktor setzte und so gegenüber dem Westen und der Nato eine kalkulierte Konfrontationspolitik fortsetzt.