Der Aufbruch in den Untergang

München. Der Angelpunkt der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich ziemlich präzise bestimmen. Es war Montag, der 30. Januar 1933, etwa 11.20 Uhr, als Reichspräsident Paul von Hindenburg im Reichspräsidentenpalais in der Wilhelmstraße 73 in Berlin den neuen Kanzler des Deutschen Reiches vereidigte

München. Der Angelpunkt der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich ziemlich präzise bestimmen. Es war Montag, der 30. Januar 1933, etwa 11.20 Uhr, als Reichspräsident Paul von Hindenburg im Reichspräsidentenpalais in der Wilhelmstraße 73 in Berlin den neuen Kanzler des Deutschen Reiches vereidigte. Sein Name: Adolf Hitler, ebenjener "böhmische Gefreite", den Hindenburg kurz zuvor "nicht einmal zum Postminister" hatte machen wollen.Das Ereignis wurde zum Ausgangspunkt einer fatalen Entwicklung, an deren Ende der vollkommene politische, moralische und militärische Bankrott Deutschlands stand. Jahrzehntelang sprach man gerne von der "Machtergreifung", was dem Geschehen eine spontan-revolutionäre Aura verlieh. Davon aber kann keine Rede sein: Hitlers Weg in die Reichskanzlei war zwar von Verrat und Intrigen gesäumt, verlief aber auf dem Boden der Weimarer Verfassung. Mit dem Versuch, sich an die Spitze des Staates zu putschen, war Hitler 1923 grandios gescheitert. Nun wurde ihm die Macht vom höchsten Repräsentanten der Republik angetragen.

Welche Rolle Hindenburg in den letzten Januartagen des Jahres 1933 spielte, ist umstritten. In einer neueren Hindenburg-Biografie hat der Historiker Wolfram Pyta die Eigenverantwortlichkeit des Reichspräsidenten betont: Schließlich habe sich der greise Feldmarschall im Ruhestand mit Hitlers Plänen der Aushebelung der Verfassung und derVision von einer deutschen "Volksgemeinschaft" durchaus anfreunden können. Die Weichen zu Hitlers Kanzlerschaft wurden am 4. Januar in Köln gestellt. Im Haus des Bankiers Kurt von Schroeder sondierten der vormaligen Reichskanzler Franz von Papen und Hitler die Möglichkeiten einer Regierungsbildung von konservativen und nationalsozialistischen Kräften - die heimliche Geburtsstunde des "Dritten Reiches".

Weil der amtierende Reichskanzler Kurt von Schleicher von den Schachzügen seiner Gegner nichts erfahren durfte, wählte man für die Annäherung an den Reichspräsidenten geradezu grotesk anmutende Maßnahmen der Geheimhaltung: Bei einem Treffen in einer Berliner Privatwohnung betraten Hitler und sein Gefolge das Haus bei Dunkelheit von der Gartenseite, während Hindenburgs Sohn Oskar und Staatssekretär Otto Meißner sich kurz nach der Pause heimlich aus einer Opernvorstellung schlichen und nachkamen. In einem zweistündigen Vier-Augen-Gespräch gelang es Hitler, Oskar von Hindenburg für sich zu gewinnen. Dem Kabinett Hitler, das sich nun abzeichnete, sollten neben Hitler nur zwei weitere Nationalsozialisten angehören, denen acht konservative Minister gegenüberstanden: "Wir rahmen also Hitler ein", versprach der künftige Vizekanzler Papen. Mehr noch, gegenüber einem Vertrauten äußerte er: "In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrängt, dass er quietscht." Selten irrte sich ein Politiker in Deutschland derart.

Im letzten Moment war das neue Bündnis noch einmal gefährdet, als nämlich der mächtige DNVP-Politiker Alfred Hugenberg, der als Wirtschaftsminister vorgesehen war, im Vorzimmer Hindenburgs von Hitlers Absicht erfuhr, sofortige Neuwahlen herbeizuführen und dies vehement ablehnte. Als jedoch Staatssekretär Meißner eintrat und zur Einigung mahnte, da nebenan der Reichspräsident bereits seit 15 Minuten warte, knickte Hugenberg ein.

Die Nationalsozialisten feierten die Amtsübergabe mit einem Fackelzug, bei dem über sechs Stunden lang tausende Uniformierte durch das Brandenburger Tor marschierten. Zur gleichen Zeit schwadronierte der Reichskanzler vor Vertrauten vom bevorstehenden Endkampf um die Weltherrschaft.

Auf einen Blick

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet heute im Gebäude der Berliner Topographie des Terrors eine Ausstellung zum 80. Jahrestag von Hitlers Machtantritt. Die Dokumentation beleuchtet schlaglichtartig Schlüsselstationen bei der Etablierung der NS-Herrschaft in den ersten Monaten des "Dritten Reichs". So illustrieren etwa Fotos die Ereignisse zwischen der Machtübernahme und der Bücherverbrennung im Mai des selben Jahres. epd

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