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Der "Architekt Südafrikas" muss gehen

Der "Architekt Südafrikas" muss gehen

Kapstadt. Es ist ein bitterer Sonntag für Thabo Mbeki. In seinem Amtssitz in Pretoria beginnt der von der eigenen Partei davongejagte südafrikanische Präsident damit, seinen Schreibtisch zu räumen. Für den Nachmittag hat er seine Minister zur letzten Kabinettssitzung zusammengerufen

Kapstadt. Es ist ein bitterer Sonntag für Thabo Mbeki. In seinem Amtssitz in Pretoria beginnt der von der eigenen Partei davongejagte südafrikanische Präsident damit, seinen Schreibtisch zu räumen. Für den Nachmittag hat er seine Minister zur letzten Kabinettssitzung zusammengerufen. Anschließend wendet er sich in einer Abschiedsrede an das südafrikanische Volk, das er fast zehn Jahre lang regiert hat.

"Ohne jede Gemütsregung, ohne ein Zeichen von Niedergeschlagenheit" hat er nach den Worten von ANC-Generalsekretär Gwede Mantashe am Vortag die Nachricht aufgenommen, dass die Regierungspartei seinen Rücktritt verlangt - wenn er sich nicht einem Misstrauensvotum im Parlament stellen wolle. Mantashe, der dem Präsidenten am Samstag gemeinsam mit Partei-Vize Kgalema Motlanthe die Rücktrittsforderung überbringt, sagt hinterher: "Würde ich sagen, er war erregt, müsste ich übertreiben." Mbeki wusste, was ihm bevorstand, seit Richter Chris Nicholson acht Tage zuvor in Pietermaritzburg den Korruptionsprozess gegen Mbekis erbittertsten Gegner Jacob Zuma wegen eines Verfahrensfehlers eingestellt und ihn als Opfer einer von Mbeki angezettelten politischen Verschwörung hingestellt hat. Schon morgen wird er voraussichtlich sein Amt niederlegen. Als Übergangspräsidentin wird dann wahrscheinlich erst einmal Parlamentspräsidentin Baleka Mbete das Land am Kap regieren. Zuma selbst kann, da er kein Parlamentsmandat hat, erst nach der für April geplanten Wahl das werden, was er immer werden und was Mbeki immer verhindern wollte: Präsident Südafrikas.

Die Geschichte des Aufstiegs Zumas und des Niedergangs Mbekis ist die Geschichte von Hass und Feindschaft zwischen zwei Politikern, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Einerseits Thabo Mbeki, der weltgewandte, gebildete Intellektuelle, der die großen Dichter und Denker der Welt gelesen hat, andererseits Jacob Zuma, der nie eine Schule abgeschlossen hat und seine Ausbildung auf der gefürchteten Gefängnisinsel Robben Island von Männern wie Nelson Mandela und Mbekis Vater Govan bekam. Zuma ist ein Selfmade-Man mit vier Frauen, der einen Nadelstreifen-Anzug ebenso selbstverständlich trägt wie ein Leopardenfell in seiner Heimat im Zululand. Wegen Bestechung, Geldwäsche, Betrug und Steuerhinterziehung droht ihm immer noch ein Verfahren.

Erdrutschsieg

Die schwelende Rivalität zwischen diesen beiden Männern wurde zur offenen Feindschaft, als Mbeki Zuma wegen Korruptionsverdachts 2005 als Vize-Präsident feuerte. Doch der charismatische ANC-Veteran schaffte das schier unmögliche: Bei der Neuwahl des ANC-Parteichefs besiegte er seinen Intimfeind Mbeki im Dezember 2007 in einem Erdrutschsieg. Mbeki, einst als "Architekt des neuen Südafrikas" gefeiert und geachtet, hatte den Rückhalt in seiner Partei verspielt und den Kontakt zur Realtiät verloren. Die Aids-Gefahr hatte er ebenso geleugnet wie die wachsende Kriminalität. Als Südafrika im Frühjahr bei fremdendfeindlichen Pogromen an den Rand des Bürgerkrieges zu geraten drohte, reiste er zum Staatsbesuch ins Ausland.

Sein Biograf Mark Gevisser beschreibt den Präsidenten als "vergraben in seinen Büchern, bis zum Morgengrauen im Internet surfend, mit einer Flasche Scotch als einzigem Freund". ANC-Veteranen und die Jugendorganisation der Partei verkündeten öffentlich, sie würden jeden wegfegen, der sich Zuma auf seinem Weg ins Präsidentenamt in den Weg stellen wolle, würden für ihr Idol kämpfen und notfalls auch sterben.

Der Urteilsspruch von Pietermaritzburg und der Sturz Mbekis haben auch die letzte Barriere beim Griff Zumas nach dem höchsten Staatsamt beiseite geräumt.

Machtkampf dauert an

Doch der Machtkampf zwischen Mbeki und Zuma ist nicht beendet. Der Mbeki-treue Teil des ANC droht bereits mit der Gründung einer neuen Konkurrenzpartei und Präsidentenbruder Moeletsi, eigentlich einer der schärfsten politischen Kritiker Thabo Mbekis, fürchtet, der ANC habe mit seinem brutalen Vorgehen "das Rezept für einen Bürgerkrieg" geliefert. "Vergraben in seinen Büchern, bis zum Morgengrauen im Internet surfend, mit einer

Flasche Scotch als einzigem Freund."

Mark Gevisser, Biograph

von Thabo Mbeki

Hintergrund

Ratlos: Südafrikas Präsident Thabo Mbeki wurde von seiner eigenen Partei zum Rücktritt gezwungen. Foto: dpa

Nach der Rückantrittsankündigung des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki hat die EU ihn als "herausragenden Staatsmann" gewürdigt. EU-Chefdiplomat Javier Solana hob in einer am Samstag in Brüssel verbreiteteten Erklärung insbesondere Mbekis Engagement in Hinblick auf andere afrikanische Länder wie Kongo, Burundi und Simbabwe hervor. "Südafrikas Demokratie hat erneut bewiesen, dass sie einen hohen Grad der Reife erlangt hat", erklärte Solana. dpa