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Der 23. Februar 2008 hat alles verändert

Der 23. Februar 2008 hat alles verändert

Plötzlich, mitten im Gespräch, lächelt er dann doch. Der anfänglichen Skepsis scheint langsam Vertrauen zu folgen. Pfarrer Karl-Heinz Gorges (66), der seit zwölf Jahren rund 7500 Katholiken in der Gemeinde Saarwellingen betreut, ist mit öffentlichen Äußerungen sehr vorsichtig geworden. Seit jenem 23. Februar 2008, an dem das schwerste Grubenbeben in der Geschichte des Saarlandes um 16

Plötzlich, mitten im Gespräch, lächelt er dann doch. Der anfänglichen Skepsis scheint langsam Vertrauen zu folgen. Pfarrer Karl-Heinz Gorges (66), der seit zwölf Jahren rund 7500 Katholiken in der Gemeinde Saarwellingen betreut, ist mit öffentlichen Äußerungen sehr vorsichtig geworden. Seit jenem 23. Februar 2008, an dem das schwerste Grubenbeben in der Geschichte des Saarlandes um 16.31 Uhr in der Primsmulde Süd im Großraum Saarwellingen auch sein Leben verändert hat. Selbst heute nehmen ihm viele Gemeindemitglieder noch etwas übel: Pfarrer Gorges hat sich nach dem Beben nicht vereinnahmen lassen. Von keiner Seite. Weder von Fernsehteams und Fotografen aus ganz Deutschland, die versucht haben, ihn auf der Jagd nach noch wirkungsvolleren Bildern zwischen die Trümmer zu stellen, die vom Turm der St. Blasius Kirche auf die Treppe vor dem Hauptportal gefallen waren. Noch von den Bergleuten und Bergbau-Betroffenen, die jeweils versucht haben, ihn an die Spitze ihrer Demonstrationszüge zu stellen. Gorges hat sich stattdessen zurückgezogen. "Eine bewusste Entscheidung", betont er. "Ich freue mich über jeden, der zu mir in die Kirche kommt, mit mir reden will. Ich versuche gerne zu helfen, aber ich bin nicht jemand, der öffentlich vorausläuft. So bin ich einfach nicht gestrickt."Warum sollte auch ausgerechnet Pfarrer Gorges anders handeln als viele im ganzen Saarland, die sich mit beiden Seiten des Konflikts konfrontiert sehen: Viele kennen sowohl Bergleute als auch Bergbau-Betroffene: sei es als Geschäftspartner, Freunde, Kollegen oder eben auch als Christen. Partei zu ergreifen heißt, einen anderen auszuschließen. Keine einfache Situation, schon gar nicht für einen Pfarrer. Gorges hofft, dass jetzt wieder mehr Gemeindemitglieder den Weg zu ihm finden. Doch es gab auch gute Momente während des Konflikts: "Ich habe nach dem Unglück einen Aufschwung erlebt, eine Gemeinsamkeit in der Gemeinde bemerkt mit dem festen Willen, die Kirche wieder aufzubauen. Das schweißt zusammen." Die Renovierungsarbeiten machen große Fortschritte. 800 000 Euro sind veranschlagt, 350 000 Euro davon stammen aus Mitteln zur Beseitigung der Bergbauschäden. Wenn alles rund läuft, ist das Gerüst an der Kirche im Frühjahr weg. 98 Prozent der vom Bergbau verursachten Schäden sind derzeit bereits beseitigt.Am heutigen Rosenmontag bekommt die Pfarrkirche St. Blasius Besuch aus dem benachbarten Nalbach. Die Bergbau-Betroffenen haben sich angesagt, halten um 16.31 Uhr eine Mahnwache. An der Spitze wird wieder Peter Lehnert stehen, Friseur und Sprecher des Landesverbandes der Bergbau-Betroffenen. Als die Emotionen vor einem Jahr auf allen Seiten hochkochten, gab es Morddrohungen gegen ihn. Bergleute sahen in ihm den Hauptfeind. Nach dem Aus für die Primsmulde und dem beschlossenen Ende des Saar-Bergbaus für das Jahr 2012 hat sich die Lage inzwischen beruhigt. Gelegentlich eingehende Drohungen, man werde mit 20 Leuten mal im Friseursalon vorbeischauen, beantwortet Lehnert heute sogar mit etwas Humor: "Bitte erst einen Termin ausmachen." Lehnert warnt immer noch davor, die Gefahren des Bergbaus allzu schnell wieder zu vergessen. Kein Politiker habe sich bisher verlässlich darum gekümmert, welche Gefahren für Häuser und Menschen auch nach der Stillegung der Schächte 2012 bestehen. Was geschieht, wenn Stollen zusammenbrechen? Steigt das Grundwasser in den Stollen, wenn die Pumpen abgestellt sind? Und werden dadurch die Häuser angehoben? "Von diesen Entwicklungen kann das halbe Saarland betroffen sein. Niemand sagt was. Auch nicht, wer für mögliche Schäden aufkommen wird. Die Politik denkt nur in Wahlperioden", kritisiert Lehnert, der Milliardenschäden auf das Saarland zukommen sieht. Während der Bergbau für Nalbach bereits Geschichte ist, stellt sich die Lage in Reisbach völlig anders dar. Hier ist die Wut groß, "denn viele Bewohner sehen den Ort als Bauernopfer, das von der Landesregierung gebracht wird, um einen sozialverträglichen Auslaufbergbau zu ermöglichen", sagt Michael Schneider. Er koordiniert die Aktivitäten der Bergbau-Betroffenen in Reisbach. Unter Reisbach soll noch bis 2012 Kohleförderung betrieben werden. Gemeinsam mit dem Saarwellinger Gemeinderat wollen die Reisbacher Bürger das jedoch verhindern. Der Bürgermeister Michael Philippi (parteilos), gebürtiger Reisbacher, weiß sich der parteiübergreifenden Unterstützung des gesamten Gemeinderats, von SPD, CDU und Freien Wählern, sicher. So ist schon seit über fünf Monaten ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht in Saarlouis am Laufen. Das Ziel: den vom Bergamt Saarbrücken angeordneten Sofortvollzug des Kohleabbaus im Flöz Wahlschied 8.7 West zu stoppen. Wann das Gericht entscheidet, ist jedoch noch völlig offen. Der Bergbau unter Reisbach geht erst einmal weiter.