Dem nächtlichen Beben folgt das Grauen

Dem nächtlichen Beben folgt das Grauen

L'Aquila/Rom. Mehrstöckige Palazzi stürzen wie Kartenhäuser ein. Kirchtürme knicken um. Im Straßenbelag tun sich tiefe Risse auf. Das verheerende Erdbeben sucht die mittelitalienische Region Abruzzen nachts heim. Dutzende Menschen sterben in den Trümmern. Hunderttausende werden um 3.32 Uhr aus dem Schlaf gerissen, Zehntausende werden obdachlos

L'Aquila/Rom. Mehrstöckige Palazzi stürzen wie Kartenhäuser ein. Kirchtürme knicken um. Im Straßenbelag tun sich tiefe Risse auf. Das verheerende Erdbeben sucht die mittelitalienische Region Abruzzen nachts heim. Dutzende Menschen sterben in den Trümmern. Hunderttausende werden um 3.32 Uhr aus dem Schlaf gerissen, Zehntausende werden obdachlos. Als der Morgen graut, irren noch viele im Schlafanzug, bestenfalls mit einer Decke durch die Trümmerberge von L'Aquila. Aus Angst vor Nachbeben suchen sie einen offenen Platz.

Wettlauf gegen die Zeit

Im Schutt der Häuser wissen Feuerwehrleute nicht, wo sie im Wettlauf gegen die Zeit nun zuerst nach den Opfern graben sollen. Verzweifelt nehmen manche ihre bloßen Hände, denn sonst haben sie nichts, um zu Verschütteten vorzudringen. Und die Zahl der Toten steigt und steigt.

"Ich habe nicht in meiner Wohnung geschlafen, und das hat mich gerettet", erzählt der Student Valerio. Entgeistert steht er vor dem Haus, in dem er zusammen mit fünf Kommilitonen gelebt hat. Ein Bagger ist dabei, die bizarren Trümmer wegzuräumen, damit nach Überlebenden gegraben werden kann. Ein paar Häuser entfernt bringen Helfer Überlebende auf Tragen aus den Schuttmassen. Doch auch in den Krankenhäusern herrscht Chaos. Privatautos und Rettungswagen stauen sich vor den Eingängen der Notaufnahmen. Und dann fällt dort das Trinkwasser auch noch aus. Zeitweise kann nur noch ein Operationssaal im Hospital von L'Aquila arbeiten, Schwerverletzte müssen per Helikopter ausgeflogen werden.

Nach dem folgenschwersten Erdbeben in Italien seit knapp drei Jahrzehnten wird das Ausmaß der Katastrophe von Stunde zu Stunde deutlicher. Immer mehr Tote, immer mehr zerstörte Häuser und immer mehr verzweifelte, obdachlose Menschen. Leichen liegen herum, die eben erst aus den Trümmern ihrer Häuser gezogen wurden. Es herrscht trotz des schönen Frühlingstages eine gespenstische Atmosphäre. Nachbeben erschüttern die Stadt 100 Kilometer nordöstlich von Rom und lassen noch mehr Trümmerteile von den zerstörten Häusern herabfallen. Bilder des Grauens wie sonst nur in Kriegszeiten. "Hört mich jemand?" So ruft eine verzweifelte Stimme aus einem Schuttberg.

Der Bürgermeister von L'Aquila, Massimo Cialente, will noch mehr Leid vermeiden: "Ich rufe alle Bürger auf, das historische Zentrum zu verlassen." Denn auch wenn ein Haus nicht eingestürzt ist, so kann es doch stark beschädigt sein - oder das nächste Nachbeben legt es flach. Auf dem Fußballplatz oder in den Parks sollen sich die Menschen jetzt versammeln, während die Hilfsorganisationen aus allen Richtungen ins Katastrophengebiet eilen, mit Notbetten, Decken, Blutkonserven sowie Essen. Der vom Regierungschef Silvio Berlusconi ausgerufene Notstand wird noch lange dauern, Normalität nicht über Nacht herstellbar sein.

"Wir sind praktisch aus dem Bett gefallen und haben wirklich Angst gehabt um unser Leben", berichtet Ursula Aichholzer, Österreicherin, die als Übersetzerin für L'Aquilas deutsche Partnerstadt Rottweil arbeitet. Sie wohnt am Rand der Stadt, in der es vielerorts aussieht wie dem Erdboden gleichgemacht. Und Aichholzer hat Glück gehabt: "Mein Haus steht, hat keine Risse, keine Sprünge." Sie will den Opfern helfen.

Verantwortung und Schuldzuweisungen, wie es sie oft nach Katastrophen gibt: "Die Retter waren schon eine Viertelstunde nach dem Beben auf dem Weg", sagt Innenminister Roberto Maroni und will Kritik abwehren. Der Zivilschutz verweist auf die Fachleute, die erklären, der Zeitpunkt eines solchen Bebens sei nicht vorhersehbar.

Und der Chef des nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie, Enzo Boschi, sieht sein Land als nicht lernfähig an: "Es ist nicht Teil unserer Kultur, so zu bauen, dass es auch der Erdbebengefahr gerecht wird." Wenn sich daran nichts ändert, könnten weitere Beben katastrophale Folgen haben.

Hintergrund

Italien wurde schon oft von heftigen Erdstößen erschüttert. Beim folgenschwersten Beben in Europa starben 1908 in Messina (Sizilien) und Süd-Kalabrien mehr als 100 000 Menschen. Einige schwere Beben: 31. Oktober 2002: Unter Erdstößen der Stärke 5,4 bricht das Gebäude der Grundschule in der Kleinstadt San Guiliano di Puglia zusammen. Unter den 30 Toten sind 27 Erstklässler und eine Lehrerin. 26. September 1997: Ein Beben der Stärke 5,7 in den Apenninen-Regionen Umbrien und Marken beschädigt in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Betroffen ist auch die Basilika von Assisi. Zwölf Menschen sterben. 13. Dezember 1990: Erdstöße der Stärke 5,9 reißen 19 Einwohner in Ost-Sizilien in den Tod und machen 500 obdachlos. 23. November 1980: Mindestens 3000 Menschen sterben, als in Neapel und 100 Orten Kampaniens die Erde bebt. Die Erdstöße erreichen die Stärke 6,5. dpa

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