Debatte über eine Grenzfrage des LebensGentests an Embryonen meist in engen Grenzen

Berlin. Man kann die Redner nicht nach Parteien sortieren. Drei grüne Abgeordnete, drei Meinungen. Bei der CDU, der SPD, der FDP und den Linken das gleiche Bild. Nach Religion? Protestanten und Katholiken finden sich auf allen Seiten, ebenso Abtreibungsbefürworter und Abtreibungsgegner

Berlin. Man kann die Redner nicht nach Parteien sortieren. Drei grüne Abgeordnete, drei Meinungen. Bei der CDU, der SPD, der FDP und den Linken das gleiche Bild. Nach Religion? Protestanten und Katholiken finden sich auf allen Seiten, ebenso Abtreibungsbefürworter und Abtreibungsgegner. Und Behinderung? Ilja Seifert, querschnittsgelähmt seit einem Badeunfall und Linken-Abgeordneter, will die Untersuchung befruchteter Eizellen auf Defekte strikt verbieten. Man darf, sagt er, nicht zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben unterscheiden. Wolfgang Schäuble (CDU), querschnittsgelähmt seit einem Attentat, unterstützt die begrenzte Zulassung."Präimplantationsdiagnostik" (PID) nennt man es, wenn im Rahmen einer künstlichen Befruchtung der Embryo noch im Reagenzglas auf seine "Gesundheit" untersucht und bei einem negativen Ergebnis vernichtet wird. Bisher war das in Deutschland verboten, doch hat der Bundesgerichtshof dieses Verbot im letzten Jahr gekippt. Nun herrscht ein rechtloser Zustand, der beendet werden soll. 443 der 622 Abgeordneten haben sich schon für eine Position entschieden, doch wird an diesem Donnerstag noch nicht über die drei vorliegenden Varianten abgestimmt. Es geht darum, die 179 Unentschiedenen zu überzeugen. Keiner macht es sich leicht, höchstens die, die lieber nicht reden.

Eine große Gruppe von Abgeordneten will das strikte Verbot erneuern. 195 haben diesen Antrag unterschrieben. Viele aktive Katholiken sind darunter, wie Johannes Singhammer (CSU) oder Wolfgang Thierse (SPD), aber auch die Protestantinnen Angela Merkel (CDU) und Katrin-Göring Eckart (Grüne). Die Redner dieser Seite berufen sich oft auf die Behinderten, bei denen die Angst umgehe, "eigentlich nicht leben zu sollen". Immer wieder wird betont, dass der Embryo in der Petrischale menschliches Leben sei. "In dubio pro vita", im Zweifel für das Leben, sagt der CDU-Abgeordnete Günter Krings. Viele befürchten, dass es einen Dammbruch gibt, hin zum Designer-Baby, wenn die "Büchse der Pandora" erst geöffnet ist. Ilja Seifert sagt: "Es gibt kein Recht auf ein Kind, erst recht nicht auf ein makelloses Kind."

Eine etwas größere Gruppe, 215 Abgeordnete, betont, dass sie PID im Grundsatz zwar ebenfalls verbieten, aber Ausnahmen zulassen will. Viele dramatische Schicksale werden von dieser Seite geschildert, etwa das einer Frau, die wusste, dass sie die genetische Disposition für eine schwere Erbkrankheit in sich trägt, an der sie ihren Bruder als Kind qualvoll sterben sah. Sie wollte ihre eigenen Kinder davor bewahren und ließ daher die Embryonen vor der Einpflanzung in Belgien untersuchen, wo PID erlaubt ist. Heute hat sie vier Kinder. Oder von Frauen, die schon mehrere Fehl- und Totgeburten hatten. Für diese beiden Fallgruppen wollen die "Befürworter" PID erlauben.

Sie argumentieren aus der Sicht von "Menschen in verzweifelter Lage", wie SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagt. Es gehe, sagt er, um eine der letzten Grenzfragen des Lebens; er habe lange mit sich gerungen. Familienministerin Kristina Schröder verfolgt die Debatte hochschwanger von der Kabinettsbank. Sie und ihr Mann Ole Schröder sind auch für die begrenzte Zulassung. Eine kleinere Gruppe, bisher 36 Abgeordnete stark, will PID ausschließlich im Fall einer erwartbaren Totgeburt erlauben. Abgestimmt wird erst nach Ostern, dem Fest der Fruchtbarkeit.Belgien: In Belgien ist PID in engen Grenzen erlaubt. Das Gesetz von 2003 regelt die Beschränkungen. So darf eine Selektion nur hinsichtlich "pathologischer genetischer Merkmale" erfolgen.

Dänemark: Die gesetzliche Regelung zu PID wurde 2004 geändert, dabei wurden die Anwendungsbereiche ausgeweitet. Seitdem ist es zulässig, künstlich gewonnene Embryonen in einer Weise zu selektieren, um "geeignete Spendergeschwister" für bereits todkrank geborene Kinder zu erzeugen. Außerdem ist PID bei unfruchtbaren Frauen vor der Einpflanzung eines Embryos zulässig, um "schwerwiegende Anomalien aufzudecken". Frankreich: Durch ein Gesetz aus dem Jahr 2004 ist PID in Ausnahmefällen zugelassen. Die Durchführung erfolgt in Zentren der Pränataldiagnostik und nach Expertise durch eine spezielle Kommission. PID ist auch zur Erzeugung eines geeigneten Geschwisterkindes bei todkrankem bereits geborenem Kind zulässig. Griechenland: PID ist hier nach einem Gesetz aus dem Jahr 2005 zulässig. Die Einrichtungen, die PID durchführen, brauchen dafür eine Genehmigung. Großbritannien: Im Vereinigten Königreich herrscht eine weitgehend liberale Haltung zu PID. Die Embryonenselektion ist bis 14 Tage nach der Befruchtung zulässig. Sie soll dazu dienen, schwere Krankheiten und Chromosomendefekte aufzuspüren. Über die PID wacht eine eigene Behörde, der eine freizügige Haltung nachgesagt wird. Italien: Durch Gesetz zur "assistierten Reproduktion" von 2004 ist die Präimplantationsdiagnostik verboten. Niederlande: Per Gesetz (2002) wurde die Geschlechterbestimmung bei der Gendiagnostik verboten. Eine gesetzliche Regelung fehlt. Norwegen: PID ist zulässig bei bestimmten unheilbaren Erbkrankheiten. Die Geschlechterbestimmung ist in Ausnahmefällen gestattet. Für die Geschwisterkind-Wahl ist eine Ausnahmegenehmigung erforderlich Österreich: PID ist per Gesetz verboten. Das Fortpflanzungsmedizingesetz regelt den Umfang der Untersuchungen von entwicklungsfähigen Zellen. Diese sind nur gestattet, wenn sie zur Herbeiführung einer Schwangerschaft erforderlich sind. Schweden: Durch eine Richtlinie ist in Schweden die Präimplantationsdiagnostik zulässig und geregelt. Polen: In Polen wird PID praktiziert. Derzeit gibt es politischen Streit um eine gesetzliche Regelung. Schweiz: Durch eine gesetzliche Regelung aus dem Jahr 1998 ist Präimplantationsidagnostik generell verboten. Spanien: Die Embryonenselektion nach Präimplantationsdiagnostik ist weitgehend zulässig. USA: In den USA wird die PID bereits seit Anfang der 90er praktiziert. Eine nationale Regelung fehlt. Auch die Nutzung der PID für individuelle Wünsche wie die Wahl des Geschlechts wird weitgehend als legitim anerkannt. kna

"Im Zweifel für das Leben."

Günter Krings, CDU-Abgeordneter

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