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Das Waisenkind kehrt als Vizekanzler zurück

Das Waisenkind kehrt als Vizekanzler zurück

Berlin. Es ist eine Reise zu den Wurzeln. Eine Heimkehr ist es nicht, wenn Philipp Rösler am Sonntagabend nach Vietnam aufbricht. Zu seinem zweiten Besuch in das Land, in dem er vor 39 Jahren geboren wurde. 2006 war Rösler privat da, diesmal kommt er als Wirtschaftsminister der größten Volkswirtschaft Europas

Berlin. Es ist eine Reise zu den Wurzeln. Eine Heimkehr ist es nicht, wenn Philipp Rösler am Sonntagabend nach Vietnam aufbricht. Zu seinem zweiten Besuch in das Land, in dem er vor 39 Jahren geboren wurde. 2006 war Rösler privat da, diesmal kommt er als Wirtschaftsminister der größten Volkswirtschaft Europas. Ein besonderer Moment?

"Die wirtschaftlichen Interessen stehen natürlich eindeutig im Vordergrund", betont Rösler. "Aber Neugierde und ein gewisses Maß an Emotionalität sind selbstverständlich auch mit dabei. Klar ist: Meine Heimat ist Deutschland, Vietnam aber ein Teil meiner Lebensgeschichte."

Rösler wurde 1973 während des Vietnamkrieges geboren und als namenloses Findelkind in einem Waisenhaus in der Nähe von Saigon abgegeben. Noch als Baby kam er nach Bückeburg, wo er von seinem deutschen Vater allein großgezogen wurde.

Vertrautheit hat Rösler nicht empfunden, als er 2006 an der Seite seiner Frau in das Land seiner Vorfahren zurückkehrte. "Schließlich bin ich ja bereits mit neun Monaten adoptiert worden. Demzufolge habe ich auch keine Erinnerung an Vietnam." Das Land ist ihm fremd, Bindungen hat er nicht. "Ich habe mich damals genau so wie jeder gefühlt, der in Bückeburg und Hannover aufgewachsen ist, dort Familie und Freunde hat und zum ersten Mal nach Vietnam fährt."

Trotzdem sorgt der Besuch für Aufsehen. In Deutschland mag Rösler in der Kritik stehen - im sozialistischen Vietnam wird sein Lebensweg mit Stolz verfolgt. Als er noch Gesundheitsminister war, hielten immer wieder Reisebusse mit vietnamesischen Touristen vor dem Ministerium. Jetzt kehrt der einstige Waisenjunge als deutscher Vizekanzler zurück - diese Geschichte stößt in beiden Ländern auf Interesse.

Rösler reist mit einer großen Wirtschaftsdelegation, erst nach Hanoi, dann nach Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, wo er die Internationale Deutsche Schule eröffnet. Nicht weit von hier stand das Waisenhaus der katholischen Nonnen, in dem Rösler die ersten Monate seines Lebens verbrachte. Er hat das Haus vor sechs Jahren nicht besucht, als er als Tourist da war, und er wird es auch diesmal nicht besuchen. Warum?

Früher habe er gelegentlich auf der Landkarte nach dem Ort gesucht, sagt Rösler. "Ich habe vor Jahren durch Recherchen des 'Spiegel' erfahren, wie das Waisenhaus aussah und dass dort während des Krieges über 3000 Kinder zur Adoption freigegeben wurden. Die Kinder haben dort einen Namen bekommen und die Geburtstage wurden festgelegt, bevor sie adoptiert wurden." Auch sein eigenes Geburtsdatum ist eine Schätzung.

Auch diesmal verzichtet Rösler darauf, den Standort des Waisenhauses zu besuchen. "In Vietnam vertrete ich die Interessen der deutschen Wirtschaft", betont der Minister. Den Wunsch, Näheres über seine Herkunft zu erfahren, habe er nie gehabt. "Wer etwas sucht, dem fehlt in der Regel auch etwas. Ich bin in Deutschland groß geworden, im Kreise meiner Familie und Freunde. Ich habe nie gesucht, weil mir nichts fehlte."

Rösler ist gläubiger Katholik, tief verbunden fühlt er sich der Kirche, die im sozialistischen Vietnam viel erdulden muss. Gemeinsam mit der deutschen Botschaft in Hanoi hat er für Montag Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu einem Empfang geladen. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin sind auch Würdenträger der katholischen Kirche in Vietnam mit dabei. Als Rösler 2009 Bundesgesundheitsminister wurde, nahm eine deutsche Zeitung Kontakt zu einer der beiden katholischen Nonnen auf, die Rösler damals im Waisenhaus versorgt hatten. "Sie hat sich mit einem Bild von mir fotografieren lassen und mir später sogar eine E-Mail geschickt", sagt Rösler. "Zugegeben: Das hat mich sehr berührt."