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"Das Saarvolk zerschlägt die Weltlüge"

"Das Saarvolk zerschlägt die Weltlüge"

Saarbrücken. Schwere Kost in jeder Hinsicht ist der Rückblick auf die zweite Januarwoche. Denn in dieser Woche trat am 10. Januar 1920 das Statut des Völkerbunds über das Saarbecken in Kraft. Und in dieser Woche wurde auch 15 Jahre später, genau am 13

Saarbrücken. Schwere Kost in jeder Hinsicht ist der Rückblick auf die zweite Januarwoche. Denn in dieser Woche trat am 10. Januar 1920 das Statut des Völkerbunds über das Saarbecken in Kraft. Und in dieser Woche wurde auch 15 Jahre später, genau am 13. Januar 1935, die Abstimmung darüber durchgeführt, wohin die Menschen des Saargebiets künftig gehören sollten - zu Frankreich oder zu Deutschland - oder ob die Verwaltung des Völkerbunds fortbestehen sollte.

Kind des Völkerbunds

Im Saarland war nie jemand stolz darauf gewesen, dass diese Region sozusagen das erste "Blauhelm-Gebiet" der Welt war. Denn der Völkerbund, der sich später in Vereinte Nationen umbenannte, übernahm im Januar 1920 die Regierungsverantwortung für diese Region, die weiterhin deutsch dachte und deutsch empfand, aber tatsächlich als Reparationsregion den Franzosen zur Ausbeutung der Kohle überantwortet worden war. Dazu hieß es im Versailler Vertrag von 1919, der von den meisten Deutschen als Schmach und Knebelung verstanden wurde: "Als Ersatz für die Zerstörung der Kohlengruben in Nordfrankreich und in Anrechnung auf den Betrag der Wiedergutmachung von Kriegsschäden, die Deutschland schuldet, tritt letzteres an Frankreich das vollständige und unbeschränkte Eigentum an den Kohlengruben im Saarbecken ab. Das Eigentum geht frei von allen Schulden und Lasten sowie mit dem ausschließenden Ausbeutungsrecht über."

Die Inkraftsetzung des Versailler Vertrages zum 10. Januar 1920 wurde in der SZ am folgenden Tag mit einem Leitartikel unter der Überschrift "Friede!" gewürdigt. Ein Absatz darin bringt Zuversicht zum Ausdruck: "So ist das Saargebiet heute ein Kind des Völkerbundes geworden. Und wir geben der Hoffnung Ausdruck, dass es durch seine Intelligenz und Arbeitskraft unter einer einsichtsvollen Regierung bald die Leiden des Krieges überwinden möge. Diese Hoffnung auf eine wohlwollende Regierung schöpfen wir aus dem Friedensvertrag, in dem in Aussicht gestellt wird, die Rechte und das Wohl der Bevölkerung zu sichern."

Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht, wie sich in den Jahren bis 1935 herausstellte. Dafür verantwortlich waren sowohl die rigorose Politik der Franzosen als auch die von der Bevölkerung überhaupt nicht akzeptierte Kommission des Völkerbunds.

Damit war der Ausgang der Volksabstimmung vom 13. Januar im Grunde programmiert. Dass dieser Urnengang an der Saar frei und unabhängig gewesen sein könnte, glaubt kein Mensch, der die Saarbrücker Zeitung vom 12. Januar 1935, dem Samstag vor der Abstimmung, je in Augenschein genommen hat. Denn da ist auf der Titelseite des inzwischen gleichgeschalteten Blattes nur das Bild eines rechts-gescheitelten Mannes zu sehen, dessen Schnauzbart in Höhe der Nasenflügel gestutzt ist, mit Hemd und Krawatte unter einer Uniformjacke: Reichskanzler Adolf Hitler blickt mit ernster Miene nach rechts aus dem Bild. Darunter steht in großen Buchstaben, so groß wie sonst nur in der Überschrift: "Weder kann das Reich Verzicht leisten auf Euch, noch könnt Ihr Verzicht leisten auf Deutschland."

Wen diese Breitseite des Appells an die nationale Verantwortung noch nicht erreicht hat, der kann sich jedoch der überbordenden Deutschtümelei, die ihn in der gesamten SZ-Ausgabe anspringt, kaum entziehen. Denn auf Seite 2 wird unter der Überschrift "Das Erbe der Väter mahnt" aus den "Reden an die deutsche Nation" von Johann Gottlieb Fichte zitiert. Daneben eine ganzseitige Anzeige der Reichsbank, in der ihr Präsident Hjalmar Schacht sich handschriftlich an die Saar-Bevölkerung wendet: "Deutsch ist die Saar, und ich kann mir keinen Deutschen in der Saar vorstellen, der sein Deutschtum am 13. Januar verleugnet." Danach folgt eine Seite mit der Überschrift "Wir wollen keine fremde Regierung mehr", auf der die sechs Kabinette des Völkerbunds im Saargebiet abgebildet sind. Und dann, noch dicker: "Die weltgeschichtliche Bedeutung des 13. Januar".

"Heim ins Reich"

Kein Wunder, dass am Mittwoch, 16. Januar, berichtet wurde: "Deutschland über alles". Denn von 528 000 abgegebenen Stimmen waren 477 000 auf die Rückkehr heim ins Reich entfallen. In der Unterzeile kam die Revanche für Versailles voll zum Ausdruck: "Das Saarvolk zerschlägt die Weltlüge". Darunter war die Dankesrede Hitlers abgedruckt, in der der Reichskanzler die Bedeutung der Abstimmung würdigt: "Um so größer ist unser Stolz, dass nach fünfzehnjähriger Vergewaltigung die Stimme des Blutes am 13. Januar ihr machtvolles Bekenntnis aussprach."

Was sonst noch geschah in der zweiten Januarwoche:

Am 10. Januar 1929 wurden erstmals die Comicfiguren Tim und Struppi des belgischen Zeichners Hergé vorgestellt.

Am 16. Januar 1970 rollt im Werk von Saarlouis der erste Ford vom Band.

Ausländische Truppen, die die Volksabstimmung 1935 überwachen sollen, marschieren durch Saarbrücken. Foto: Landesarchiv

Am 15. Januar 2009 hat sich auf dem Hudson River in New York ein kleines Wunder ereignet. Alle 155 Passagiere eines Flugzeugs, das kurz nach dem Start wegen eines Vogelschlags auf dem Fluss notlanden musste, können von geborgen werden.