Das Roma-Projekt

Roma-Kindern und ihren Eltern sagt man hierzulande schnell eine gewisse „Ausbildungsunwilligkeit“ nach. Doch so einfach ist die Sache nicht. Das zeigt ein vom Bund gefördertes Projekt an vier Saarbrücker Grundschulen.

„Ich schimpfe mit jedem, küsse aber auch jeden“: Rodica Wollscheid (36) bringt Roma-Kindern in Saarbrücken Deutsch bei.

"To-ma-te!" Romeo liebt das Wort. "To-ma-te!", nennt er alles, was rot ist und essbar: Radieschen, Erdbeeren, Kirschen. Dabei kennt er selbstverständlich die Unterschiede. Romeo, 9, besucht die Weyersbergschule in Saarbrücken-Burbach. Die Ganztagsgrundschule ist die größte Grundschule des Saarlandes. 400 Schülerinnen und Schüler werden hier von 33 Lehrerinnen und Lehrern einschließlich der Förderlehrkräfte und Referendare unterrichtet.

Manche auch von Rodica Wollscheid, 36. Als Beruf gibt sie "Märchenerzählerin" an, aber das Märchenerzählen hat vor allem in der Weihnachtszeit Konjunktur. So übt sie mit Romeo, Rahella, Moise, Matei, Iva, Suna und anderen Roma-Kindern Deutsch.

"Frau Rodica", wie manche sie nennen, ist gebürtige Rumänin, kann sich also mit den Kindern, die mit ihren Familien aus dem südosteuropäischen Land eingewandert sind, bestens verständigen. Aber auch mit den Brüdern Aaron, 10, und Abel, 7, deren Muttersprache Spanisch ist, kommt sie zurecht.

"Förderunterricht Roma", steht an der Tür zum Klassenraum im ersten Stock, in dem sie von 12.45 bis 14 Uhr unterrichtet. Die Kinder sind hungrig, wenn sie aus dem Vormittagsunterricht kommen. Deshalb wird zuerst gegessen: Rodica Wollscheid bietet Obst und Rohkost an, manche Kinder haben Brote dabei. Dann beginnt der Unterricht. Es wird gelernt, gespielt, gelacht. Rodica Wollscheids Konzept besteht aus Verständnis und Menschlichkeit: "Ich schimpfe mit jedem, küsse aber auch jeden."

"Schule: d/eine Chance", heißt das Projekt, aber kaum einer nutzt den offiziellen Titel. Man nennt Rodica Wollscheid und die Kinder "das Roma-Projekt". Die Weyersbergschule war die erste Saarbrücker Schule mit einem solchen Förderunterricht für Roma-Kinder, hinzu kamen später drei weitere Grundschulen: die Wallenbaumschule in Malstatt, die Schule am Ludwigspark und die Montessori-Grundschule Rußhütte. Das Geld dafür kommt aus dem Bundesprogramm "Toleranz fördern - Kompetenz stärken" und reicht bis Ende des Jahres. 20 000 Euro bekommen die Saarbrücker Schulen insgesamt aus dem Bundestopf. Regionalverband und Stadt Saarbrücken steuern zudem kleinere Beträge bei.

Julia Beer leitet die Weyersbergschule seit 2009. Schulrätin hätte sie werden können, sagt sie. Doch sie wählte die größere Herausforderung. In der Weyersbergschule steht die zierliche Frau mit dem Kurzhaarschnitt mitten im Leben. Etwa morgens auf dem Flur zusammen mit einer Mutter, deren Tochter immer wieder zu spät zum Unterricht erscheint. Der Lebensgefährte sei schuld, sagt die Mutter. Julia Beer lässt jedoch Ausreden nicht zu. Sie greift durch. Manches Mal führt der Weg vor das Amtsgericht, wenn Eltern nicht für den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder sorgen. Das wirkt meist nachhaltig.

Julia Beer hilft - und lässt sich helfen. Als sie festgestellt hatte, dass es in Roma-Familien nicht nur an Sprachkenntnissen fehlte, sondern auch an Wissen über das deutsche Schulsystem und vor allem die Schulpflicht in Deutschland, hat sie das Büro für Zuwanderung und Integration der Landeshauptstadt um Unterstützung gebeten.

Die Fördermaßnahmen sind finanziell vorerst gesichert, stoßen aber nicht überall auf Verständnis. Immer wieder mal werfen Deutsche der Schulleiterin vor, es würden nur die Ausländer gefördert. Oder Ausländer beklagen sich, sie würden benachteiligt, weil sie keine Deutschen sind.

Rodica Wollscheid muss sich in ihrem kleinen Klassensaal mit dem Schild "Roma-Projekt" an der Tür und dem großen Kaufladen, in dem Romeo seine "To-ma-te!" anbietet, in eine sehr heterogene Gruppe einfühlen. Allein schon vom Alter her gibt es große Unterschiede. Die Jüngsten sind sechs Jahre alt, der Älteste schon elf. Manche wollen unbedingt lernen, wie der siebenjährige David, der stets darauf besteht, unverzüglich seine Hausaufgaben zu erledigen. Andere sind einfach froh, dabei sein zu dürfen. Wiederum andere bleiben nach kurzer Zeit weg.

Roma-Kindern und ihren Eltern sagt man gerne "Ausbildungsunwilligkeit" nach. Ein Befund, der ins Klischee passt. Doch stimmt er?

Bei einer Saarbrücker Fachveranstaltung mit dem Titel "Teilhabe auch für Roma? spricht Kasm Cesmedi. Der junge Mann stammt aus einer Roma-Familie. Mit ihr aus Serbien geflüchtet, hat er in Deutschland Abitur gemacht und studiert jetzt auf Lehramt für die Sekundarstufe. Cesmedi ist der beste Beweis dafür, dass es keine allgemeine Ausbildungsunwilligkeit bei den Roma gibt. Man müsse sich die Hintergründe anschauen, fordert er. Viele Roma-Kinder hätten mit ihren Familien flüchten müssen, ganze Familien seien traumatisiert. In anderen Familien wiederum könnten nur die Kinder Deutsch und müssten oft Übersetzungshilfe für die Eltern leisten. Und kämen deshalb nicht zur Schule. Cesmedi spricht bei der Saarbrücker Tagung auch von der "Kapitulation der Lehrer". Das will Schulleiterin Julia Beer, die unter den Zuhörern ist, nicht gelten lassen. Sie geht ans Mikrofon und erklärt, dass keines der Kinder, die ihre Schule besuchten, in einem Lager lebe. Alle Familien hätten Wohnungen.

Cesmedi spricht in seinem unaufgeregten Vortrag von zwei Extremen im Umgang mit Roma. Auf der einen Seite sieht er Rassismus, auf der anderen "hypersensible Fürsorge", die einer Entmündigung gleichkomme.

Professor Dieter Filsinger, Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, formuliert zwar anders, sagt allerdings Ähnliches. Er sei sich nicht sicher, ob die Schulprobleme der Roma andere seien als die von anderen Schülern. Pädagogen, fährt der Wissenschaftler fort, seien nicht davor gefeit, sich in Ethnisierungsprozesse zu verstricken. "Wir erfinden zunächst Problemgruppen und wollen die Probleme dann lösen."

Romeo und seine Mitschüler wissen von all den Debatten um ihre Herkunft und ihre Zukunft nichts. Sie freuen sich über Zuwendung, und wenn mal jemand ein Eis für alle spendiert, ist der Schultag ein besonderer. Wahrscheinlich wäre das bei jedem anderen Grundschulkind auch so - gleich welcher Nationalität, egal welcher Herkunft.