Das Nichtraucher-Paradies

Wer raucht, fliegt raus. Das soll in einer Wohnanlage in Halle Usus werden. Nach Angaben der Bauherren sind es die ersten rauchfreien Mietshäuser in Deutschland. Der Mieterbund bewertet das Konzept skeptisch.

Eine Maschine bohrt ein tiefes Loch in die Erde. Es dröhnt laut. Schaulustige beäugen im Vorbeigehen die Baustelle. In einigen Monaten soll auf dem Grundstück in Halle in Sachsen-Anhalt ein neues Mietshaus stehen. Es soll zur ersten Anlage mit ausschließlich rauchfreien Wohnungen gehören, sagt die Prokuristin der Wohnungsgenossenschaft Halle-Süd, Susanne Rackwitz . Deutschlandweit sei so ein Projekt einmalig. Weder am Küchentisch, noch auf dem Balkon oder im Vorgarten darf in der Siedlung eine Zigarette angezündet werden. Selbst Gäste müssten sich an die strengen Regeln halten. Der Deutsche Mieterbund steht dem Projekt eher skeptisch gegenüber.

Bis Ende kommenden Jahres sollen 33 rauchfreie Mietshäuser im Schwalbenweg fertig sein, sagt Rackwitz . Familien, Senioren oder Singles könnten künftig auf 42 bis 115 Quadratmeter ohne nervigen Zigarettenqualm leben. Ein Passus im Mietvertrag regle das Rauchverbot. Wer mehrmals verstößt, fliegt. An dem ungewöhnlichen Konzept feilt man in Halle seit fünf Jahren gemeinsam mit dem Nichtraucher-Verband "Pro Rauchfrei".

"Die Mieter werden ausreichend im Vorfeld über die Idee informiert", sagt der Geschäftsführer des Verbandes, Siegfried Ermer. Wer Zweifel habe, könne nicht einziehen. Jeder Mieter müsse in die Vereinbarung schriftlich einwilligen. Ermer biete selbst als privater Vermieter rauchfreie Wohnungen an. "Das Konzept funktioniert nur, wenn man mit den Mietern in Kontakt bleibt", erklärt der Nichtraucher .

"Ich habe die größten Bedenken, dass das zulässig ist", sagt der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz. Es könne zwar mit Mietern abgesprochen werden, dass in einer Wohnung nicht geraucht werden soll. "Aber ob es im Zweifelsfall vor Gericht durchgeht, ist fraglich", sagt Ropertz. So sieht es auch Michael Weiskopf vom Vermieterverband "Haus & Grund Saarland": "Das ist ein zu großer Eingriff in die persönliche Freiheit." Prinzipiell sei Rauchen in der Wohnung erlaubt, so lange es nicht die Nachbarn störe, erklärt Ropertz. Einige Urteile aus jüngster Zeit belegen jedoch, dass sich Raucher nicht immer in Sicherheit wiegen können.

Im November 2013 urteilten die Richter am Amtsgericht Frankfurt, dass Wohnungseigentümer kein uneingeschränktes Recht auf Rauchen auf ihrem Balkon haben. Ein Wohnungsbesitzer qualmte von einem seiner zwei Balkone aus in das darüber liegende Schlafzimmer - und musste damit aufhören. Ende Juni musste am Landgericht Düsseldorf Raucher Friedhelm Adolfs eine Niederlage hinnehmen. Nach 40 Jahren muss er seine Mietwohnung räumen. Er habe nichts dagegen unternommen, seinen Qualm nicht in den Hausflur ziehen zu lassen, hieß es in der Begründung des Urteils, das noch nicht rechtskräftig ist.

"Immer mehr Menschen möchten ohne störenden Qualm ihres Nachbarn leben", sagt Rackwitz . Eine von "Pro Rauchfrei" initiierte Studie belege das. Das Interesse an den neuen rauchfreien Mietshäusern sei riesig. Fünf Mal so viele Bewerber wie es freie Häuser gebe, hätten sich bereits gemeldet.

Im Saarland sind ähnliche Vorhaben bislang nicht bekannt. Vielleicht eine Geschäftsidee für mutige Investoren? Kai Werner vom Landesverband des Deutschen Mieterbundes berichtet jedenfalls, dass auch hierzulande "rauchende Mieter ein Thema" sind. Erst kürzlich habe er drei Mietparteien beraten, die sich über einen stark rauchenden Mitmieter beklagt hätten.