Das Mysterium Pegida

Die Pegida-Demonstrationen geben Rätsel auf. Fremdenfeindliche Ressentiments und Islam-Kritik sind nicht die einzige Triebfeder. Da sind sich Experten einig. Doch was dann?

Wer sich den stetig wachsenden Pegida-Protestmärschen in Dresden anschließt, kann unbehelligt in der Menge mitschwimmen. Das ist in Köln , München oder Berlin, wo zur gleichen Zeit Tausende für ein multikulturelles Deutschland demonstrieren, ganz anders. Wohl deshalb ist der Anteil der Extremisten und Rechtsradikalen an den Kundgebungen von "Kögida", "Mügida" und "Bärgida" höher als in Sachsen . Doch wer sind die Menschen, die Woche für Woche zahlreicher auf die Straßen strömen? Und warum ist gerade in Dresden der Zulauf so groß?

Vordergründig geht es allen Demonstranten um die Bewahrung der Kultur des "Abendlandes". In der Praxis hapert es allerdings manchmal schon an der deutschen Rechtschreibung. Dass das "D" in dem Satz "Sachsen bleibt Deutsch" eigentlich klein sein müsste - Schwamm drüber. Auffällig ist auch, dass bei den Demons in Dresden , Köln und München diesmal neben der Deutschlandfahne auch vereinzelt die von Rechtsextremen entworfene Fahne des "Vierten Reichs" zu sehen war.

Neben "deutsch" taucht bei Pegida und ihren Ablegern das Wort "Volk" am häufigsten auf. Das "deutsche Volk" ist der kleinste gemeinsame Nenner. In Städten wie Köln , wo man italienischen Migranten auch freundlich begegnet, wenn sie wie 2012 den Sieg über Deutschland im Halbfinale der Fußball-EM feiern, kann man mit solchen Slogans allerdings keine Massen um sich scharen. In Dresden , wo "Völkerfreundschaft" zwar über Jahrzehnte Teil der DDR-Ideologie, aber keine gelebte Praxis war, ist das anders.

Allerdings, fremdenfeindliche Ressentiments und Islam-Kritik sind - darauf weisen auch Migrationsforscher hin - nicht die einzige Triebfeder der Pegida-Spaziergänger. Oft ist es Fundamentalkritik an der politischen Klasse, die sie auf die Straße treibt. In der Studie "Fragile Mitte - Feindselige Zustände" von 2014 identifizierten sich 70 Prozent der Befragten mit dem Satz: "Politiker nehmen sich mehr Rechte heraus als normale Bürger." Die These, dass soziale Abstiegsängste hinter den Pegida-Protesten stecken, hält der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Andreas Zick, für abwegig. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die Wiege von Pegida ausgerechnet in Dresden steht. Denn mit der Zahl der Arbeitslosen stand Dresden im sachsenweiten Vergleich schon immer besser da als andere Städte. Auch andere ökonomische Daten deuten auf keine besondere "Notlage" der Elbestadt hin. Ganz im Gegenteil. Dresden ist nach dem Verkauf seiner Wohnungsgesellschaft 2006 de facto schuldenfrei.

Wer die Wortbeiträge der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" bei den Demonstrationen hört, kann die Reaktionen der Teilnehmer voraussagen. Am lautesten wird dann gejubelt oder "Buh" geschrien, wenn es um muslimische Fanatiker geht oder wenn die "Lügenpresse" beschimpft wird. In den Sprechchören sind Politiker "Volksverräter" und die Pegida-Demonstranten "das Volk".

Warum Pegida gerade in Dresden auf so viel Widerhall stößt, ist nicht vollends geklärt. Zu DDR-Zeiten galt die Stadt als "Tal der Ahnungslosen", weil im Talkessel kein Westfernsehen zu empfangen war. Andere sehen in der Zerstörung der barocken Stadt im Zweiten Weltkrieg einen Grund dafür, warum Dresden einen besonderen Mythos hat und die Einwohner stärker als anderswo auf die Bewahrung des Althergebrachten setzen.

Zum Thema:

HintergrundWer sind die Köpfe und Wortführer der Pegida-Demonstrationen? Einige Beispiele: Lutz Bachmann (41) ist das Gesicht von Pegida in Dresden . Er rief die Facebook-Gruppe ins Leben, die das islamkritische Bündnis begründete. Er sei kein Rassist, betont der Fleischersohn. Er pocht auf "null Toleranz" gegenüber straffälligen Ausländern, obwohl er selbst wegen Diebstahls und Drogendelikten vorbestraft ist.Kathrin Oertel ist die einzige Frau im zwölfköpfigen Organisationsteam von Pegida Dresden , die öffentlich in Erscheinung tritt. Laut Medienberichten ist sie 36 Jahre alt und arbeitet als Wirtschaftsberaterin. Neuerdings fungiert sie als Pegida-Sprecherin. In ihren Ansprachen schlägt Oertel vergleichsweise moderate Töne an.Sebastian Nobile, Veranstalter der Kögida-Demo in Köln und Pressesprecher der Pegida NRW, nennt sich "freiheitlich-christlicher Patriot". Laut Polizei hat er mehrfach Demos mit rechtsradikalen Anliegen angemeldet.Melanie Dittmer (36) organisierte zuletzt die Bonner Demos. Medienberichten zufolge war sie im Landesvorstand der NDP-Nachwuchsorganisation "Junge Nationaldemokraten". Dem "Spiegel" sagte sie, es sei für sie unerheblich, ob es den Holocaust gegeben habe.Udo Ulfkotte , Ex-Journalist und Autor des Bestsellers "Gekaufte Journalisten", gibt den "Lügenpresse"-Rufern Futter. Er sieht seit langem Europa von fanatischen Muslimen bedroht. Schon 2003 erschien dazu sein Buch "Der Krieg in unseren Städten". dpa