1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Das Interesse an der Jagd wächst

Jagd : Die Jägerschaft wird größer – und weiblicher

Das Interesse an der Jagd nimmt zu, auch bei Frauen und jungen Leuten. Gründe sieht die Branche in der Liebe zur Natur.

(dpa/SZ) Nicht nur FDP-Chef Christian Lindner ist begeistert. Wie dem liberalen Hobby-Jäger, der jüngst von der „tiefen inneren Ruhe“ beim Jagen schwärmte, geht es offenbar immer mehr Menschen in Deutschland. Denn die Jagd boomt. Das zeigt sich zum Beispiel in Brecker­feld im Sauerland, wo Schießen, Waldbiologie, Jagdrecht und Vokabeln auf dem Lehrplan für den Jagdschein stehen – nicht nur für Heike Poth und Sabine Severin. Seite an Seite mit dem 15-jährigen Paul trainieren die beiden Frauen Mitte 50 am Schießstand, mit der Schrotflinte aus 30 Meter auf einen Kipphasen zu zielen. Dann mit der Büchse 60 Meter entfernt eine laufende Keiler-Attrappe zu treffen und auf 100 Meter einen Rehbock. Das jedes Wochenende, plus Theorie-Schulung zweimal pro Woche. Ein halbes Jahr lang.

Das Interesse am Jagdschein wächst, auch bei Frauen und jungen Leuten, wie sich vor dem Start der europaweit größten Jagdmesse „Jagd & Hund“ an diesem Dienstag in Dortmund zeigt. 2018 haben 20 060 Anwärter bundesweit in den Kursen gesessen – darunter auch Christian Lindner –, eine Verdoppelung binnen zehn Jahren. 2009 waren es noch 9656 Teilnehmer laut Deutschem Jagdverband. Die Frauenquote stieg auf ein Viertel. Aktuell gibt es 385 000 aktive Jäger.

Der Trend nach oben zeigt sich auch im Saarland, heißt es aus der Vereinigung der Jäger des Saarlandes (VJS), die auf der Messe in Dortmund ebenfalls vertreten ist. Und auch im Saarland läuft es gut für die Jagd: Auf eine Gesamtjagdfläche von 245 578 Hektar kommen 4658 Jagdscheininhaber, davon 550 Jägerinnen, sagt Landesjägermeister Josef Schneider. Dem seit Jahren steigenden Frauen-Anteil hat die VJS Rechnung getragen, indem sie Pauline Kohler als Obfrau der Jägerinnen in ihre „Führungsriege“ holte. Und woher der Anstieg? Viele begründeten ihren Wunsch nach einem Jagdschein mit dem wachsenden Interesse an der Natur und dem Anliegen, zu einem artenreichen und dem jeweiligen Revier angepassten Wildbestand beizutragen, sagt Schneider. Allerdings spricht man bei der staatlichen Prüfung zur Erlangung des Jagdscheins nicht ohne Grund vom „grünen Abitur“. 2018 sind im Saarland 1123 Männer und Frauen zur Jägerprüfung angetreten, von denen nur 955 bestanden.

Bernd Poth, der im Sauerland den Nachwuchs trainiert, weiß um die Anforderungen. „Erlaubst du dir nur einen Sicherheitsfehler, bist du schon durchgefallen“, sagt der Schießwart. Was aber reizt an der Jagd, einem umstrittenen Hobby? Die noch dazu mit Ausgaben von 4340 Euro pro Jahr und Jäger kostspielig ist? Sabine Severin hält sich gerne in der Natur auf. Das Schießen stehe nicht im Vordergrund, betont die Sekretärin. Bei Jägern bestehe eine „Ehrfurcht vor der Kreatur“. „Was wir erlegen, essen wir auch auf.“ Wer im Handel Fleisch kaufe, beauftrage indirekt andere, für sie zu töten. Buchhändlerin Heike Poth geht es vor allem ums Wissen über die Tiere. Ob sie schießen will, weiß sie noch nicht. Der „Bambi-Gedanke“ schwinge schon mit. Die Jagd ist nicht zuletzt Gegenstand ethischer Debatten. WWF und Nabu fordern eine Änderung des Jagdrechts. Die Liste der jagdbaren Arten solle gekürzt werden, die Jagd müsse nachhaltig sein, artenschutzrechtliche Prinzipien befolgen. Manche Kritiker sehen Tierquälerei.

Ein besseres Image wünscht sich der Ausbildungsleiter im Sauerland, Alexander Kolodinski. „Manche denken noch immer, die Jäger gehen raus und schießen alles platt. Es geht aber viel um Naturschutz. Man schießt bei uns nicht um des Schießens willen.“ Er rechnet mit weiterem Zulauf. „Die Leute kommen im Wald zur Ruhe, das Handy bleibt auf dem Hochsitz.“