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Das Hin und Her mit den Asylzahlen

Das Hin und Her mit den Asylzahlen

Es ist Ende September – und erst jetzt ist klar, wie viele Flüchtlinge im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen. Wie kann das sein? Über chaotische Monate und das Problem mit den Zahlen.

In der Asyldebatte wird mit Zahlen Politik gemacht - weit mehr noch als bei anderen Themen. In den vergangenen Monaten wurde wild hantiert mit Asylprognosen, Abschiebezahlen, täglichen Einreisedaten in Bayern und fiktiven Obergrenzen. Zahlen wurden zu einer Art Munition in der politischen Auseinandersetzung. Vor allem eine: 1,1 Millionen Flüchtlinge , die 2015 nach Deutschland kamen.

Die Behörden brauchten viele Monate, um herauszufinden, wie viele Schutzsuchende 2015 tatsächlich ins Land kamen. Erst jetzt ist klar: Es waren gut 200 000 weniger als angenommen - nämlich etwa 890 000.

Im vergangenen Jahr herrschte Chaos . Im Spätsommer und Herbst kamen jeden Monat viele Zehntausend Schutzsuchende in Deutschland an. Die Behörden kamen nicht hinterher mit der Registrierung, der Unterbringung, geschweige denn mit der Bearbeitung von Asylanträgen. Um aber überhaupt einen groben Überblick zu bekommen, wie viele Flüchtlinge einreisen - und wie viele Unterkünfte die Bundesländer für sie schaffen müssen - nutzte die Bundesregierung 2015 in ihrer Not ein Hilfsmittel: die sogenannten Easy-Zahlen. Bei ihrer Ankunft in Deutschland werden Schutzsuchende im Easy-System erfasst - einem IT-System zur "Erstverteilung von Asylbegehrenden" auf die Bundesländer. Doch dieses System hat Tücken. Menschen werden darin nur anonymisiert erfasst - nach Herkunftsland und Zielort. Nicht aber mit Namen oder anderen Angaben. In den turbulenten Herbstmonaten wurden sehr viele Flüchtlinge nur mit diesen groben Angaben im Easy-System erfasst, nicht aber mit Fingerabdrücken, Foto und vollständigen Personaldaten. Noch dazu zogen viele weiter von Bundesland zu Bundesland und ließen sich mehrfach registrieren. Die Differenz zwischen den 1,1 Millionen und den 890 000 liegt vor allem an diesen Mehrfachregistrierungen.

Das Problem: Bis vor kurzem arbeiteten die Behörden in den Ländern mit unterschiedlichen Dateien und IT-Systemen. Erst im laufenden Jahr krempelte die Bundesregierung die Strukturen um, sorgte dafür, dass Flüchtlinge bei der Registrierung einen einheitlichen Ausweis bekommen.

Meinung:

Ende einer Kampfzahl

Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Jetzt liegt die tatsächliche Zahl der Flüchtlinge vor: 890 000 waren es, von denen 50 000 das Land schon wieder verlassen haben. Das sind nach wie vor sehr viele, und jedes Jahr könnte das reiche Deutschland eine so starke Zuwanderung nicht verkraften. Das will jedoch niemand. Aber die im Raum stehende Million an sich war es, die viele Ängste verstärkt hat und die zu einer Art Kampfzahl in der politischen Debatte wurde. Aus dieser Diskussion ist die Luft nun etwas raus. Vieles hat sich seit dem letzten Jahr auch getan. Das muss man anerkennen. Politik und Verwaltung haben neue Gesetze erlassen, neue Technik und zusätzliches Personal installiert. Zustände wie 2015 werden sich also nicht mehr wiederholen, so lautet das Versprechen der Politik. Und im Moment spricht alles dafür, dass die Regierung es halten kann.