Das "geile Gefühl" beim Einbruch

Dillingen/Ottweiler. Der Junge ist gerade 14 Jahre alt und damit strafmündig. Seit zweieinhalb Monaten sitzt er im Ottweiler Jugendgefängnis in Untersuchungshaft. Dort ist Vladimir K. (alle Namen geändert) aus Dillingen der jüngste von 103 Häftlingen

Dillingen/Ottweiler. Der Junge ist gerade 14 Jahre alt und damit strafmündig. Seit zweieinhalb Monaten sitzt er im Ottweiler Jugendgefängnis in Untersuchungshaft. Dort ist Vladimir K. (alle Namen geändert) aus Dillingen der jüngste von 103 Häftlingen. Der Deutsch-Russe, dessen Eltern getrennt leben, ist ein "ganz besonderer Fall", wie der Saarlouiser Amtsrichter Olaf Papesch meint: "Er ist der jüngste Beschuldigte, den ich bisher in meinen 17 Jahren als Richter und Staatsanwalt habe einsperren müssen." Schon als Kind im Alter von zwölf und 13 Jahren wurde der Name von Vladimir K. im Zusammenhang mit 65 Straftaten notiert. Kaum 14, gerät er ins Visier der Ermittler wegen 67 Eigentumsdelikten, unter anderem Diebstählen von Motorrollern und Einbrüchen in Geschäfte, Büros und Praxen. Im Knast, so berichtet sein Verteidiger Konstantin Reszow, sei er angesehen und selbst von den Älteren akzeptiert: "Er genießt diese Rolle." Ist der 14-Jährige schon ein schwerer Junge?

Vladimir und seine Kumpel beschäftigten bei der Dillinger Polizei über Wochen die Ermittlungsgruppe "Junge Intensivtäter". Klaus Ney, Polizeichef in Dillingen: "Seit Oktober 2008 registrierten wir eine deutliche Zunahme von Rollerdiebstählen und Einbrüchen." Durch zum Teil verdeckte Ermittlungen legte Hauptkommissar Martin Hoffmann, Chef des Dillinger Kriminaldienstes, der mit seiner Kollegin Melanie Bauer das Ermittlerteam führte, der Jugendbande das Handwerk.

Die Polizisten waren letztlich selbst vom Ausmaß des Falles überrascht: In der Dillinger Innenstadt hatten die jungen Straftäter fast jedes zweite Geschäft aufgebrochen. Insgesamt rechnen die Fahnder 73 Delikte, davon fast 40 Einbrüche, vor. Vladimir K. gilt als Kopf und Vordenker der Bande. Carsten R. (15) aus Rehlingen-Siersburg werden wie Vladimir die Beteiligung an 67 Diebstählen und Einbrüchen angekreidet. Carsten machte vergangene Woche Bekanntschaft mit dem Haftrichter. Unter strengen Auflagen kam der Auszubildende auf freien Fuß. Der vorbestrafte Dillinger Steffen S. war mit seinen 20 Jahren der Senior der Bande. Er soll der Anstifter gewesen sein und bei 40 Delikten die Finger im Spiel gehabt haben. Mit im Boot bei etwa zehn Delikten saß angeblich Achim M. (15) aus Dillingen. Der Bosnier Ratko V. (16) war in fünf Fällen mit am Werk. Der Jüngste im Bunde ist Alex M., mit seinen 13 Jahren rechtlich gesehen ein Kind. Er soll immerhin bei bis zu 20 Delikten mitgemacht haben.

In ihren Vernehmungen haben sich die Jugendlichen teilweise der Kommissarin Bauer offenbart, von Problemen im Elternhaus und in der Schule berichtet. So lebt der 13-Jährige Alex alleine mit seinem überforderten Vater, der bereits das Rentenalter weit überschritten hat. Das Motiv der Bande war wohl keineswegs, bei Einbrüchen große Beute zu machen. Die Ermittler, in deren Schilderungen eine Portion Mitleid mitklingt, sagen vielmehr: "Hier ging es um den Adrenalinschub, den besonderen Kick beim Einbruch." Oder das "geile Gefühl" beim schnellen Bruch. Die Straftaten wurden aus Langeweile, zur Freizeitgestaltung, begangen. Hauptkommissar Hoffmann: "Den Jugendlichen fehlt es oftmals an geregelten Tagesabläufen und vor allem an Perspektiven". Dafür, dass der eigentliche Diebstahl nicht unbedingt im Vordergrund stand, spricht beispielsweise, dass viele der geklauten Motorroller nur ein oder zwei Tage gefahren und dann abgestellt wurden. Bekannt ist, dass ein Junge immer dann einen Roller gestohlen hat, wenn er den Bus für die Heimfahrt verpasst hatte.

Die Dillinger Polizisten geben die Hoffnung nicht auf: "Wir hoffen, dass die Jungen wieder die Kurve kriegen," sagt Ermittler Hoffmann. Anwalt Reszow, der Vladimir K. vertritt, spricht von "fehlgeschlagener Sozialisation". Er sieht Chancen, dem "intelligenten Jungen" wieder auf die richtige Bahn zu helfen. Dazu sei aber auch Eigeninitiative gefordert. Vladimir hat aber jüngst eine Unterbringung in einem Heim in Speyer abgelehnt. Dafür wäre sogar der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben worden. Jetzt wartet der 14-Jährige in seiner Zelle auf die Verhandlung. "Er ist der jüngste Beschuldigte,

den ich bisher

habe einsperren müssen."

Amtsrichter Olaf Papesch

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