Tourismus: Das Freizeitwunder vom Bostalsee

Tourismus : Das Freizeitwunder vom Bostalsee

Als der Bostalsee gebaut wurde, hielt man die Touristiker für tollkühn. Heute zieht er als Lokomotive den gesamten Saar-Tourismus.

Hoffentlich will sie nicht den See umrunden. Denn jetzt, nach dem Besuch der Tourist-Information an der Bostalsee-Promenade, trägt Gerda M. gefühlte drei Kilo mehr mit sich rum.  Broschüren, Magazine und Handzettel zum St. Wendeler Land, die in ihrer Informationsdichte und Themenbreite Paris alle Ehre machen würden, vom kulturellen  „Entdecken und erleben im Sankt Wendeler Land“ über „Willkommen am Bostalsee“ bis hin zum „Kino am See“. Zu viel für einen Tag. Aber sie soll ja wiederkommen — und länger bleiben. Mit dieser saloppen Formulierung lässt sich das beschreiben, was das Wirtschaftsministerium in eine dickleibige „Tourismusstrategie 2025“ gepackt hat. Die Zahl der Übernachtungen soll von derzeit drei Millionen auf 3,3 Millionen steigen. Aktuell liegt die Aufenthaltsdauer im Durchschnitt bei 4,2 Tagen.  Und die Bostalsee-Region wird wohl weiter das Zug-, nein das Galopp-Pferd sein. Seit 2012 haben sich die Übernachtungszahlen in der Gemeinde Nohfelden, die den Hauptanteil am Bostalsee hat, um mehr als 500 Prozent gesteigert. Jeder dritte Urlauber, der das Saarland besucht, übernachtet hier, 2016 waren es 193 391 Gäste und rund 906 447 Übernachtungen. 2014 lag man noch bei 572 000. Die meisten Touristen kamen aus Rheinland-Pfalz, gefolgt von Saarländern.

Auch Gerda M. hat einen saarländischen Zungenschlag, als sie  spontan ausruft: „Das ist ja alles so schön ausgebaut wie in einem richtigen Touristenort!“ Staunen schwingt mit und ein Donnerwetter. Mag sein, sie hat noch in Erinnerung, mit wie viel Häme und Skepsis man in ihrer Kindheit über das lächerliche, vermessene Ziel sprach, im nordsaarländischen „Hintertupfingen“ einen 120 Hektar großen See, den größten im Südwesten Deutschlands, anzulegen, zunächst mal nur als  Naherholungs-Ziel für Saarländer. Nicht viel Geld hat das damals gekostet. Heute bringt jede Übernachtung laut allgemeiner Statistik etwa 100 Euro Umwegrentabilität  in Fluss. Wie die Wertschöpfungszahlen nun genau für das St. Wendeler Land aussehen, soll eine Studie zeigen, die die Saarbrücker Hochschule für Wirtschaft und Technik gerade im Auftrag der Tourismuszentrale Saar erstellt hat und die demnächst vorgestellt wird.  Für Martina Scheer, seit 27 Jahren als  Leiterin der Tourist-Information St. Wendeler Land vor Ort am See,  ist jedoch jetzt schon klar, dass die Ergebnisse all das bestätigen werden, was sie selbst erlebt und mit vorangebracht hat:

Dass die  „Boomtown“-Region Bostalsee Wohlstands- und Wachstums-Generator ist.  Und das nicht erst, seit die Center-Parks-Kette  hier vor vier Jahren  500 Bungalows und ein Tropen-Erlebnisbad gebaut und eine mit Steuermitteln angeschobene Investition von 130 Millionen Euro getätigt hat. Bereits ein Jahr später meldete Center Parcs  540 000 Übernachtungen und  50 000 Tagesgäste für das Bad „Aqua Mundo“. 95 Prozent der Gäste seien Familien, sagt Scheer. Anders als die Leiterin der Tourismuszentrale Saar, Birgit Grauvogel, die Center Parcs als Turbobeschleuniger der Entwicklung am Bostalsee einschätzt, betont Scheer: „Es gab hier keine Explosion, hier hatte sich schon vorher viel Infrastruktur entwickelt.“ Sie nennt die Sommerrodelbahn in Nonnweiler (Freizeit­zentrum Peterberg), den Keltenpark in Otzenhausen, den in Stand gesetzten Schaumbergturm in Tholey, den Naturwildpark Freisen.  Den Grund dafür sieht Scheer auch darin, dass der Landkreis St. Wendel als einziger im Saarland seine Kommunen mit zehn Prozent der zuschussfähigen Kosten für die  touristische Infrastruktur unterstützt. „Wir werden in diesem Jahr im St. Wendeler Land die Eine-Million-Marke an Übernachtungen überspringen“, prophezeit die Touristikerin und verweist auf ein Plus von 15,3 Prozent allein zwischen Januar und April 2017.

Jedenfalls steht der  Bostalsee längst nicht mehr nur für Planschvergnügen,  das sich einst auf die beiden Strandbäder mit ihren Sandstränden in Bosen und Gonnesweiler  konzentrierte. Vielmehr gilt er als anspruchsvolles Freizeitzentrum.

Was also kann man hier machen? Angeln, Wandern oder Radfahren, mit dem Personenschiff  „Arche Noah“ über den See fahren  oder selbst einen der Tretboot-Schwäne mieten und dadurch die  Wasserfläche gleichermaßen witzig wie romantisch dekorieren.  Surfer und Segler steuern den Yachthafen an, der freilich kleiner und weniger mondän ist, als der Name vermuten lässt. Zu den Booten kommen nur Befugte, die Besucher müssen von Ferne gucken. Die neu angelegte „Seepromenade“ unterhalb  der bestens frequentierten „Kostbar“ entpuppt sich als Kurzstrecke, freilich mit viel Naturflair. Für Kinder hat man hier besonders viel übrig,  hat ihnen ein „Bosiland“ gebaut, einen Allwetter-Spielplatz. Folgt man den Jubelschreien, kommt man zur Outdoor-Trampolinanlage vor dem Eingang von Center Parcs. 

Es ist ein Donnerstag, herrliches Wetter. Nirgends Massenbetrieb. Nur vor der Rezeption im Hauptgebäude bei Center Parcs stauen sich zwei Schlangen. Niemand drängelt, alle sind entspannt.  Am Wochenende sieht das sicher anders aus. Doch jetzt: Beschaulichkeit pur als wär’s aus dem Lehrbuch „Tourismus ohne Stress“.  Das Ehepaar Lipkowski ist aus St. Goar am Rhein angereist, sie kennen den Loreley-Tourismus und finden es „sehr schön, dass hier wenig Trubel ist“. Erst an diesem Morgen fassten die beiden den Entschluss für einen Tagesausflug. Irgendwohin, wo man noch nicht war. Da lag das Saarland günstig auf der Landkarte, 130 Kilometer entfernt. Und dann ist da Familie Köthe aus der Schweiz, aus Luzern. Warum tauscht man den eigenen Bilderbuchsee gegen den  Bostalsee?  Die Frage wird nicht ganz verstanden. Warum nicht? Man wolle auch mal woanders hin, das Saarland liege nicht so weit weg, sagt Reno Köthe. Zudem habe ein Kollege, die Center Parcs Anlage empfohlen und die halte, was versprochen wurde: „Sie ist gepflegt und weitläufig. Es sind nicht so viele Leute da. Die Ruhe gefällt uns.“ Nur mal während ihres fünftägigen Aufenthaltes wollen sie die unmittelbare Seeumgebung verlassen, nach St. Wendel oder Trier fahren. Dann werden sie das sehen, was weniger ins perfekte Bostalsee-Bild passt:  unbelebte, auch ungepflegte  Dorfstraßen, ungestaltete Ortskerne, ein weniger einladendes, ja eher abweisendes Bild.

Sötern beispielsweise wirkt wie ausgestorben, beim Metzger Weider sind die Rolläden runter, die Schaufenster verstaubt. In Nohfelden hat das Hotel Gierend geschlossen, in Bosen steht das Restaurant Donna Anna nach einem Brand leer.  Einladende Cafés und Gasthöfe? Alles nur dann zu finden, wenn man die Adressen kennt: Bosener Mühle, die neue Vinothek in Eckelhausen, das Seehotel Weingärtner. „Ja, wir müssen da ran“, seufzt die Touristik-Fachfrau Scheer, deren Welt nur direkt am Bostalsee in Ordnung ist. „Unsere Ortschaften müssen liebenswerter werden.“ Dann könnten noch viel mehr Menschen vom Tourismus leben; 33 000 Beschäftigte sind es saarlandweit. Auch die Wirtschaftsministerin kennt die Problematik. In ihrer „Tourismusstrategie 2025“ steht als Zielvorgabe nicht mehr: Klotzen mit Schlüssel-Investitionen wie etwa bei Center Parcs oder bei der Therme in Rilchingen-Hanweiler, nicht noch mehr  Rad- und Wanderwege, nicht noch mehr Campingplätze oder Erlebnisbäder,  sondern „Tourismusbewusstsein schaffen“.  Aufgabe sei, rund um das bereits Vorhandene eine „Wertschöpfungskette“ zu etablieren: Rastplätze, Übernachtungsmöglichkeiten, Service. „Die Kommunen und die Bürger sollten stärker als bisher erkennen, dass man mit Tourismus Geld verdienen kann“, sagt Anke Rehlinger (SPD).  Sie wünscht sich mehr originelle Geschäftsmodelle, möchte, dass sich ein spezieller „Saarland-Charme“ etabliert.

Am Bostalsee existiert seit Juli eine Adresse, mit der man diesen Begriff ganz wunderbar verbindet. Obwohl man sich auf der Segeltuch überspannten Riesenterrasse der „Seezeitlodge“ in Gonnesweiler, einem Vier-Sterne-Plus-Designhotel mit Blick auf den Yachthafen in Bosen, eher unwirklich fühlt, fernab der Heimat, irgendwo an einem der schönsten und luxuriösesten Seeplätze der Welt. 

Die gediegene Ruhe und gehobene Atmosphäre habe dem See noch gefehlt, meint Tourismuschefin Grauvogel. „Das ist eine neue Dimension, wir erreichen eine andere Klientel“, sagt sie. Wellness-Kundschaft hat Hotelchefin Kath­rin Sersch im Blick. Kurzreisende, die sich einkuscheln und verwöhnen lassen wollen. „Mit Wasser verbinden die Leute Entspannung.“ Ohne den Bostalsee hätte man nur 50 Prozent der Marktchancen. Wahrlich, da hatten die Früh-Touristiker im Saarland die richtige Nase.

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