Das Fest der Feste zwischen Kult und Chaos

Das Fest der Feste zwischen Kult und Chaos

Weihnachten ist eine Wissenschaft für sich. Im wahrsten Sinne: Die Vorträge des Saarbrücker Forschers Dominik Schmitt spenden Festgeplagten Trost. Oder Spaß. Oder beides.

Heinz Becker weiß Bescheid: "Weihnachten ist reine Nervensache." Bis die Erkenntnis reift, hat er einiges zu überstehen. Wie die meisten von uns an Heiligabend . Dominik Schmitt, 34, kennt den Grund: Die Erwartungen an Weihnachten sind zu hoch, sagt er. Der Saarbrücker Wissenschaftler beschäftigt sich schon länger mit dem schönsten Fest des Jahres. Oder ist es nur das vermeintlich schönste?

Schmitt spricht über Weihnachten: Schwarz gekleidet, das blonde Haar akkurat zur Seite gekämmt, steht er im Saarbrücker "Theater im Viertel" und hält eine Vorlesung. "Weihnachten wissenschaftlich", heißt die Reihe. Das kleine Theater ist voll besetzt. Studenten der Saar-Uni, aber auch viele ältere Zuhörer hören Schmitt zu. Der hat seine Dissertation mit dem Titel "Der alte Kindergott ist tot" über den Weihnachtsmann und seine Darsteller in der Literatur des 20. Jahrhunderts geschrieben. Dabei ist er auch auf Bodo Kirchhoffs "Weihnachtsfrau" gestoßen. Frauen trifft man ansonsten eher selten an auf der weihnachtlichen Besetzungsliste.

Fest gebucht hingegen, allerdings etwas früher im Advent: der Nikolaus. Der ist seine Alleinstellung schon länger los. Schmitt fragt deshalb in einem anderen Vortrag "Nachfolger, Rivale, Bruder?!" nach der "schwierigen Beziehung zwischen dem Heiligen Nikolaus und dem Weihnachtsmann".

Alles nicht so einfach, auch nicht in der Literatur. Für Weihnachtsgeplagte bieten Schmitts Vorträge Trost. Oder Spaß. Oder beides. Im "Theater im Viertel" zeigt er Ausschnitte aus der Weihnachtsepisode mit den Beckers. Die wirken selbst auf eingeschworene Fans der legendären Familie Hoppenstedt. Loriots Weihnachtsgeschichte gilt längst als Klassiker. In manchen Familien werden ihre Sätze ebenso weitergereicht wie das kostbare Porzellan, das nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch kommt - also auch zu Weihnachten. "Früher war mehr Lametta" oder das wohl kürzeste Weihnachtsgedicht aller Zeiten "Zickezacke Hühnerkacke". Die Hoppenstedts sind Kult . Auch die Beckers aus dem Saarland haben das Zeug dazu. Weihnachtsforscher Schmitt jedenfalls ist davon fest überzeugt. "Die Sache mit der Chrischtbaumspitz" oder wissenschaftlicher ausgedrückt ,,Weihnachten als gescheiterte Selbstinszenierung" weiß er sehr gut zu erklären. Von Satz zu Satz fühlen wir uns Heinz, Hilde und Stefan näher.

Kennen wir das nicht? Gibt es nicht in jeder Familie einen Ablauffanatiker, der darauf besteht, dass alles genau so ist wie immer? Kennt nicht jeder von uns einen Rumsitzer? Das ist der, der wenig tut, aber alles besser weiß. Den Provokateur, der Weihnachten total uncool findet und meist noch recht jung ist. Eher in den höheren Altersgruppen finden sich die Sentimentalen, bei ihnen kullern schon mal die Tränchen. Familie Becker hat vieles davon in ihrem Repertoire. Der Wiedererkennungseffekt ist hoch. Schnelle Karriere hat sie im Saarland dennoch nicht gemacht, ist außerhalb deutlich beliebter.

Hierzulande herrscht skeptische Distanz, man betont: "So sind wir gar nicht." Die Fernsehzuschauer außerhalb des Saarlandes bekennen sich offen zu ihrer Liebe für Heinz (Gerd Dudenhöffer ) und Hilde Becker (Alice Hoffmann ) und Sohn Stefan (Gregor Weber ). Wissenschaftler Schmitt spricht von "einem der erfolgreichsten Kulturexporte unseres Landes". Ein schönes Kompliment zur rechten Zeit. Die weihnachtliche Becker-Folge wurde vor genau 20 Jahren zum ersten Mal ausgestrahlt. Und das nicht etwa zur Weihnachtszeit. Es begab sich vielmehr am 19. Juli, dass Heinz und Hilde sich erstmals im Fernsehen auf die Suche nach der "Chrischtbaumspitz" machten. Die wird zum wilden Durcheinander, zumal das "Chrischtkindsche" ebenfalls verschwunden ist - und erst nach einigem Hin und Her auftaucht. Ausgerechnet in der Besteckschublade. Weihnachtsgeplagte mit schwachen Nerven werden es mit Wohlwollen und Verständnis sehen.

Schmitt teilt Familie Becker in Typen ein. Heinz, der Weihnachtspragmatiker, sorgt mit körperlichem Höchsteinsatz dafür, dass der Baum gerade steht. Hilde, die Romantikerin, will es schön. Und Stefan? Der wäre gerne Weihnachtsverweigerer, ist am Ende aber der Einzige in der Familie, der die anderen von Herzen beschenkt.

Schmitt hat in Saarbrücken Germanistik, Komparatistik und Geschichte studiert, 2004 sein Magisterexamen abgelegt. Seither arbeitet er auch an der Uni, seit 2009 im Optionalbereich der Philosophischen Fakultät, den er jetzt leitet. Über Manns Buddenbrooks kam Schmitt "auf die Weihnachtsschiene". Damit meint er, das wissenschaftliche Interesse entstand so - und blieb. Fast jeder große Autor habe etwas über Weihnachten geschrieben, Grass zum Beispiel, auch Lenz.

In seinen Vorträgen spricht Schmitt von Erwartungen und Enttäuschungen, von Inszenierungen, vom Kleinbürgertum, das in seinen Bemühungen um Festlichkeit ins Spießbürgertum rutscht. So wie sich in manchen Familien die Tür zum Weihnachtszimmer öffnet, eröffnet er seinen Zuhörern die Tür zur (Selbst-)Analyse. Bevor die Erkenntnis schmerzen kann, wird sie aufgelockert. Der Weihnachtsvortrag funktioniert ähnlich wie Weihnachtscomedy. Man braucht den richtigen Scherz zur richtigen Zeit. Sei es, dass Heinz Becker fragt, ob auch "Bier kaltgestellt" ist. Sei es, dass er kurz nach der Bescherung feststellt, dass Weihnachten "so gut wie vorbei" ist.

All das zeigt: Wir kehren liebend gerne wieder zurück in die Normalität. Oder flüchten dorthin. Vielleicht hat Gerhard Bungert ja aus diesem Grund mal gesagt "Weihnachten ist ein schönes Fest, aber an Faasenacht kann es nit tippe". Auch so ein Satz, der entkommen hilft, wenn die Sentimentalität zu groß wird. Oder wenn, um mit Ludwig Harig zu sprechen, die "Lummerkeit" des Saarländers, also sein Harmoniebedürfnis an Grenzen stößt. Das hat Schmitt bei einem seiner Vorträge in der Adventszeit auch erlebt: Während er über die Rivalität zwischen dem Nikolaus und dem Weihnachtsmann spricht, trifft er auf einen Mann, der seit 40 Jahren in die Rolle des Weihnachtsmannes schlüpft und sich erbittert darüber beschwert, dass die Anhänger des Nikolaus' ihm unterstellten, er sei nicht das Original. So kommt Wissenschaft im wahren Leben an.

Und wie feiert er, der sich so gut mit den Hoppenstedts und den Beckers auskennt? Schmitt hält es mit Chris Rea und seinem "Driving home for Christmas". Von Saarbrücken bis zu den Eltern in Völklingen ist es ja auch nicht weit.

Die legendäre Heinz-Becker-Folge "Alle Jahre wieder" läuft an Heiligabend unter anderem um 15.15 Uhr in der ARD , um 17.30 Uhr im WDR sowie um 19.30 und 23.40 Uhr im SR.

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