Das Clinton-Lager wird unruhig

Für Hillary Clinton wird der Endspurt ums Weiße Haus ungemütlich. Erst die umstrittene Bekanntgabe des FBI, erneut ihre E-Mails prüfen zu wollen. Und nun sehen Umfragen Konkurrent Trump auch noch vorn.

Eine Woche vor der US-Präsidentenwahl wächst im Lager von Hillary Clinton offenbar die Nervosität. Das Kampagnenteam der Demokratin war gestern weiterhin damit beschäftigt, die Schäden aus den neuen Entwicklungen in der E-Mail-Affäre zu begrenzen. In den Umfragen hat ihr Rivale Donald Trump zuletzt aufgeholt. Eine aktuelle Befragung sieht den Republikaner sogar landesweit knapp vorn.

Clinton hatte in ihrer Amtszeit als Außenministerin regelwidrig private und damit nicht gut geschützte Server für ihre dienstliche Kommunikation genutzt. FBI-Chef James Comey nahm die im Juli ohne juristische Konsequenzen für Clinton beendeten Untersuchungen zu der Affäre inzwischen neu auf. Clintons Kampagnenmanager Robby Mook warf Comey wegen der Bekanntgabe der neuen Prüfungen erneut Parteilichkeit vor. Die Bundespolizei sage nichts über ihre Untersuchungen zu Trump, beklagte Mook im Sender CNN . Wenn es hingegen um Clinton gehe, sei das FBI "mehr als gerne bereit, Auskunft zu geben". Mook bezog sich auf Untersuchungen des FBI zu möglichen direkten Verbindungen zwischen Trump-Beratern nach Russland.

Die "New York Times" wartete derweil mit neuen Enthüllungen zu Trumps Steuerpraktiken auf. Der Immobilienmogul soll entgegen dem Rat der eigenen Anwälte in den neunziger Jahren mit "juristisch fragwürdigen" Methoden die Zahlung von möglicherweise dutzenden Millionen Dollar an Steuern umgangen haben.

In seiner Wahlkampagne konzentriert sich Trump derweil auch auf einige bislang Clinton zuneigende Staaten, in denen er jetzt Chancen sieht. Bei einem Auftritt in Michigan stellte er die Demokratin als Gesetzesbrecherin dar, deren Wahlsieg eine "Verfassungskrise" auslösen würde. Clinton wäre eine Präsidentin, der lange Ermittlungen "und wahrscheinlich ein Strafprozess" drohten. Die Ex-Außenministerin beschrieb ihren Kontrahenten wiederum als dünnhäutigen Narzissten, der allein aus verletzter Eitelkeit einen Krieg anzetteln könnte.

Clinton liegt nach dem von der Website "realclearpolitics" ermittelten Schnitt der jüngsten Umfragen weiterhin landesweit zwei Prozentpunkte vor Trump. Eine Umfrage des Senders ABC News und der "Washington Post" sah den Republikaner jedoch inzwischen mit einem Punkt vorn. Nach Einschätzung des US-Wahlforschers Cliff Zukin hat sich durch die jüngsten Entwicklungen in der Mail-Affäre die "Dynamik des Rennens" verändert. Es werde nun enger, sagte der Politikprofessor der Rutgers University. Er sieht jedoch weiterhin Vorteile bei der Demokratin, die organisatorisch und finanziell besser aufgestellt sei, um ihr Lager zu mobilisieren.

Meinung:

Eine einmalige Situation

Von SZ-Mitarbeiter Friedemann Diederichs

Wenn in sechs Tagen in den USA die Wählerstimmen ausgezählt werden, so steht das Land vor einer bisher einmaligen Situation: Möglicherweise mit einer Präsidentin leben zu müssen, über der der Schatten einer kriminellen Untersuchung schwebt. Wer ein überzeugter Fan der Clintons ist, wird sich von den frischen Negativschlagzeilen nicht beirren lassen, denn der harte Kern hat längst akzeptiert, dass in den letzten Jahrzehnten für Bill und Hillary Clinton das Wandeln am Rande der Legalität zum Leben gehörte. Entscheidend wird am Ende sein, wie jene rund 20 Prozent abstimmen, die derzeit als noch unentschlossen gelten und nun die Wahl zwischen dem größeren und kleineren Übel haben.

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