Das Beste aus beiden Welten

Heute wollen die USA und Europa die Gespräche über die größte Freihandelszone der Welt beginnen. Doch die Spionageaffäre belastet die Beziehungen. Wie die Zukunft des transatlantischen Handels aussehen könnte, hat unser USA-Korrespondent Thomas Spang in Charlotte untersucht.

Der Weg zur "Wall Street des Südens" führt über eine doppelspurige Betonpiste, die bei den Einheimischen auch die "Autobahn" heißt. Wie Perlen an einer Kette reihen sich hunderte Firmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz entlang der Interstate 85 auf, die sich in den Ostküstenstaaten North und South Carolina niedergelassen haben. Nirgendwo ist die Dichte größer als in der Heimat der "Bank of America" selbst.

"Hier hat die Zukunft des transatlantischen Handels schon begonnen", preist David Swenson, Vizepräsident der "Charlotte Regional Partnership" die Vorreiterrolle der Metropole, in der rund 2,3 Millionen Menschen leben. Stolz tickt der Wirtschaftsförderer die beeindruckende Statistik herunter: 210 Firmen aus Deutschland, 60 aus der Schweiz, neun aus Österreich und vier aus Luxemburg.

Das angenehme Klima, die Nähe zu Bergen und Meer sowie niedrige Lebenshaltungskosten tragen zur Attraktivität des Standorts bei. Wichtiger aber noch scheint das, was Swenson die "Infrastruktur des transatlantischen Geschäfts" nennt. Mit seinem dichten Netz an Straßen, Schienen und Startbahnen drängt sich Charlotte als logistisches Drehkreuz geradezu auf. Zudem gibt es deutsche Anwälte, Steuerexperten und Unternehmensberater, die Firmen helfen, den Gesetzes-Dschungel zu durchqueren.

Die Beziehungen reichen weit zurück in die Tage, als die Carolinas ihr Geld noch mit Textilien und Möbel verdienten. Die Ersten, die kamen, waren Maschinenbauer. Heute liefern sie das Equipment der Autozulieferer für BMW, das unweit von Charlotte im September 1994 seine US-Produktion aufnahm.

Im selben Jahr siedelte der schwäbische Maschinenbauer Chiron an. Die 90 Kräfte vor Ort des mittelständischen Unternehmens passen computergesteuerte Bohr- und Fräs-Maschinen aus Tuttlingen für US-Kunden an. Eine Herausforderung angesichts der unterschiedlichen Industrie-Normen und Sicherheits-Standards. "Uns gehen dadurch Aufträge durch die Lappen, weil sich die Anpassungen nur ab einer bestimmten Größenordnung lohnen", meint der Chef der Niederlassung, Dirk Zikeli.

Zikeli hofft auf Erleichterung durch das transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), das US-Präsident Barack Obama bei seiner Rede zur Lage der Nation im Februar zur Chef-Sache erklärte. "Die Probleme liegen nicht so sehr bei den Zöllen", bestätigt der Delegierte der deutschen Wirtschaft in den USA, Thomas Zielke, die Erfahrung des schwäbischen Mittelständlers. Diese machen im Schnitt nicht mehr als 3,5 bis vier Prozent aus. "Es geht mehr um Kosten für die doppelte Zertifizierung technischer Anlagen, die Einhaltung von Sicherheits- und Verbraucherschutz-Standards, den Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und den Abbau von Barrieren bei den Investitionen." Experten haben dafür den sperrigen Begriff der "nicht-tarifären Handelshemmnisse" geprägt.

Fielen solche und andere Hemmnisse weg, könnte sich nach Berechnungen des Münchner ifo-Instituts der gegenseitige Handel fast verdoppeln. "Ein Freihandelsabkommen verspricht preiswerteres Wachstum aus sich selbst heraus", hebt Zikeli den Reiz für die transatlantischen Partner hervor. "Nach verschiedenen Schätzungen könnte TTIP jeweils zwischen drei und fünf Milliarden Euro an Wachstum bringen." Inklusive einiger hunderttausend neuer Arbeitsplätze. Die Befürworter wissen, dass nicht viel Zeit bleibt. 2014 stehen Neuwahlen zum Kongress und ein Wechsel in der EU-Kommission an. Obama muss zeigen, dass sich Verhandlungen lohnen. Deshalb hat er mit Michael Froman einen mit den Verhandlungen betraut, der aus dem erfolglosen Ringen im Transatlantischen Wirtschaftsrat weiß, wo die Knackpunkte liegen.

"Den Amerikanern liegt das letzte Gezerre um Hormonfleisch und gechlorte Hühnchen noch schwer im Magen", meint Sabine Muscat, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie zum Thema erarbeitet hat. Landwirtschaft, Kultur und Verbraucherschutz blieben die Sollbruchstellen, "über die bereits seit Jahren ergebnislos gerungen wird".

Obama verfolgt auch das Ziel, in den USA wieder mehr hochwertige Güter zu produzieren und den Export deutlich zu steigern. Nur zwei Prozent der US-Firmen produzieren für den Export. In Charlotte halten die Firmen aus den deutschsprachigen Ländern den Amerikanern den Spiegel vor. "Wir haben gezeigt, dass wir an diesem Standort wettbewerbsfähig produzieren können", meint der Produktionsleiter von Siemens Energy, Mark Pringle, zu den Erfahrungen des Münchner Weltunternehmens, das mit seinen 1550 Mitarbeitern Dampf- und Gasturbinen sowie Elektro-Generatoren für den globalen Markt herstellt. Im vergangenen September informierte sich Präsident Obama vor Ort über das Engagement von Siemens bei der Einführung der dualen Berufsbildung. Pringle reicht das Lob an das "Central Piemont Community College" und zwei mittelständische Unternehmen weiter, die mit ihrem dualen Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild Pionierarbeit geleistet haben.

"Das war aus der Not geboren", erinnert sich Karl Rudisser, der 1977 die amerikanische Niederlassung des Vorarlberger Unternehmens Blum vor den Toren Charlottes aufbaute. Zusammen mit dem Schweizer Mittelständler Daetwyler wandte er sich an das örtliche College, um eine Ausbildung nach Vorbild der Lehre in deutschsprachigen Ländern zu etablieren. "Sie können in den USA nicht darauf warten, dass die Regierung so etwas tut." Sechs deutsche Unternehmen, darunter Siemens und Chiron, schlossen sich an. "Wir stehen damit heute USA-weit an der Spitze", freut sich College-Vize-Präsident Richard Zollinger, der kürzlich mit der IHK Karlsruhe eine Zertifizierung der beruflichen Ausbildungsgänge vereinbarte. Der gebürtige Schweizer sieht in der Kooperation ein Beispiel, wie in Charlotte "das Beste aus beiden Welten zusammenkommt".

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HintergrundIn einer Freihandelszone vereinigen sich mehrere Staaten zu einem einheitlichen Zollgebiet. Der Wegfall von Zöllen und Handelsrestriktionen soll das Wirtschaftsleben beleben. Außenzölle zu Drittstaaten bleiben aber bestehen. Das angestrebte Abkommen der EU mit den USA würde die weltweit bedeutendste Freihandelszone schaffen. Als erste Vereinbarung über die Liberalisierung des Handels mit einem asiatischen Land trat 2011 ein EU-Freihandelsabkommen mit Südkorea in Kraft. Im Dezember 2012 folgte ein entsprechender Pakt mit Singapur. Seit April laufen zudem Verhandlungen der EU mit Japan. dpa

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