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Das Auto, das seinen Fahrer kennt

Das Auto, das seinen Fahrer kennt

Saarlouis. Cool. Einfach nur cool findet das alles Chefentwickler Gunnar Herrmann (50). Und ist mächtig stolz auf "sein Baby", das er mit 1500 Ingenieuren aus dem In- und Ausland auf den Weg gebracht hat. Mit Herzklopfen sei er zur ersten Fahrt mit dem "C 346" gestartet, wie der neue Ford-Focus werkintern genannt wird. In Malaga war das. Eine Testfahrt

Saarlouis. Cool. Einfach nur cool findet das alles Chefentwickler Gunnar Herrmann (50). Und ist mächtig stolz auf "sein Baby", das er mit 1500 Ingenieuren aus dem In- und Ausland auf den Weg gebracht hat. Mit Herzklopfen sei er zur ersten Fahrt mit dem "C 346" gestartet, wie der neue Ford-Focus werkintern genannt wird. In Malaga war das. Eine Testfahrt. Wie wohl all die Neuentwicklungen auf der Straße wirken werden, die von der Dynamik, Sportlichkeit und Elektronik her alles toppen sollen, was Ford bisher entwickelt hat? Herrmann startet durch. Mit jedem Kilometer sind die vielen Ideen mehr zu spüren.

Manches wirkt wie Zauberei. So kann der neue Focus ganz von alleine einparken. Er sucht auch Parklücken. Und erkennt selbstständig Verkehrszeichen inklusive Geschwindigkeits-Begrenzungen, warnt den Fahrer per Signal. Läuft jemand überraschend auf das Fahrzeug zu oder zeichnet sich plötzlich ein Hindernis ab, bremst der Focus von selbst. Auf längeren Strecken signalisiert das Fahrzeug durch die elektronische Anzeige einer Kaffeetasse, wenn es Zeit für eine Pause ist. Denn das Auto registriert auch auffällige Veränderungen in der Fahrweise. Es kennt "seinen Fahrer".

Mit dem neuen Focus beginnt bei Ford auch eine neue Philosophie: die vom globalen Fahrzeug, das sich weltweit verkauft, abgestimmt auf die jeweiligen Märkte. Ein Experiment, von dessen Erfolg zahlreiche Arbeitsplätze und Existenzen abhängen.

Eines verblüfft beim Gang durch das Saarlouiser Werk: Trotz der "heißen Phase" vor dem offiziellen "Roll-Out" des Premieren-Focus am kommenden Montag um elf Uhr strahlt das Team eine bemerkenswerte Ruhe aus. Angefangen vom Werkschef Karl Anton (55). Er verspricht den Käufern "ein perfektes Auto in höchster Präzision". Launch-Manager Andreas Bruditz (40), der den Modell-Anlauf koordiniert, lobt die Disziplin der Belegschaft. Bei Bruditz laufen die Fäden rund um die Uhr intern und in Video-Konferenzen mit dem Schwester-Werk Wayne in Michigan zusammen. Bis hin zu den Arbeitern am Band.

Einer davon ist Giovanni Aronica (45). Er räumt eine gewisse Anspannung ein. Denn all den Tests folgt jetzt der Serienbau. Mit der Gewissheit, dass für jedes Fahrzeug ein Käufer gefunden werden muss. Auch Aronica war von Beginn an in die Vorbereitungen eingebunden. Als Kenner der Produktionsabläufe am Band fiel ihm die Rolle zu, mit den Ingenieuren zu klären, wie die Fertigungsschritte in der Endmontage der Autos im Detail aussehen müssen: die optimale Reihenfolge, die Abstände in der Anlieferung der Teile, die Takt-Geschwindigkeit am Band. Und, in welchen Abläufen die vielen Teile-Varianten am besten zu den Beschäftigten am Band gelangen müssen, damit diese mit möglichst wenig Handgriffen effektiv und präzise die Teile einbauen können. Eine in dieser Form neue Art der Absprache zwischen den Ingenieuren und Praktikern am Band.

Mit ebenso großen Herausforderungen wie im Presswerk, wo die Geschichte jedes einzelnen Ford beginnt. Hier galt es, die Anforderungen an die Blechteile zu ermitteln, ihre Formbarkeit in verschiedensten Ansprüchen und Größen zu garantieren. Mit einer Präzision bis in winzigste Details, die mit den Augen kaum noch wahrnehmbar sind. Doch Jürgen Jung (55), Chef des Presswerks und Erich Niehren (59) als Kolonnenführer und Werkzeugmacher in der Schnell-Reparatur haben mit ihren Kollegen alles zum Laufen gebracht. In monatelanger Tüftelei.

Für Jung ist es mittlerweile der sechste Neuanlauf eines Ford aus Saarlouis. Gibt es da noch Momente, in denen man aufgeregt ist? "Klar. Wenn es soweit ist, das Auto auf die Räder kommt und es erstmals Geräusche von sich gibt."

Die Neuerungen, auch in der Produktion, fordern die Kollegen im Presswerk genauso heraus wie die Mannschaft um Horst G. Ritze (52), der 22 Jahre bei Ford ist. Ritze kümmert sich um die Logistik, die so präzise funktionieren muss wie ein Uhrwerk. Jederzeit. Bei Tag und Nacht. Ritze hat die Denk- und Herangehensweisen an mehreren Ford-Standorten verinnerlicht. Er weiß, wie die Kölner "ticken", die Ford-Leute in Argentinien, Mexiko und St. Petersburg. Deren Produktionsabläufe zu kennen ist von Vorteil, um dem Focus in Saarlouis zum optimalen Start zu verhelfen. "Wir sind der Blutkreislauf im Werk", beschreibt Ritze die Anforderungen an die Logistik. Für das globale Auto, das sich von Saarlouis aus in viele Länder verkaufen soll, kommen umgekehrt auch viele Bauteile aus der ganzen Welt. Dies ist eine weitere Premiere.

Alleine für den neuen Focus Fünf-Türer werden 2085 Kaufteile eingesetzt. 1154 Teile stammen von deutschen Lieferanten, 803 Teile aus dem Saarland. Zudem werden 60 Prozent aller neuen Teile erstmals im neuen Focus eingesetzt. Ihre Anlieferung erfolgt per Schiff, per Flugzeug, per Lkw. Aus den USA, aus China und von anderswo. Die Produktion von 400 000 Ford in Saarlouis pro Jahr darf nie gefährdet sein. Außerdem muss der Materialfluss zwischen Saarlouis und Michigan sichergestellt sein, wo die Focus-Produktion für Amerika in vier Wochen beginnt. Das neue Prinzip: "Ship Crossing". Saarlouis schickt bestimmte Teile nach Michigan, die Amerikaner verschiffen umgekehrt andere Bauteile nach Saarlouis. In jedem Focus sind 80 Prozent der Teile identisch. 14 der Zulieferer haben sich in den Industrie-Parks in Saarlouis und Saarwellingen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Werk angesiedelt.

Alle Beteiligten, inklusive dem Betriebsrat mit seinem Chef Gilbert Hess, hoffen, dass der Focus möglichst allen der insgesamt über 6500 Menschen im Werk und bei den Zulieferern auf Jahre hinaus Arbeitsplätze sichert.

 Letzte Qualitäts-Tests vor dem Serienstart. Andreas Bruditz koordiniert den Anlauf der Produktion. Fotos: Iris Maurer
Letzte Qualitäts-Tests vor dem Serienstart. Andreas Bruditz koordiniert den Anlauf der Produktion. Fotos: Iris Maurer
 Giovanni Aronica weiß, wie die Endmontage organisiert sein muss. Er hat mit den Ingenieuren des Focus Lösungen gesucht.
Giovanni Aronica weiß, wie die Endmontage organisiert sein muss. Er hat mit den Ingenieuren des Focus Lösungen gesucht.
Das Auto, das seinen Fahrer kennt

Das sieht Bernhard Mattes (54) genauso. Der Chef von Ford-Deutschland sagt: "Der neue Focus ist ein Meilenstein für unser Saarlouiser Werk. Die Entscheidung des Unternehmens, dieses neue Fahrzeug für ganz Westeuropa ausschließlich im Saarland zu bauen, ist der Vertrauensbeweis für die Beschäftigten an diesem Standort." Saarlouis sei das Kompetenzzentrum für innovativen, effizienten, zukunftsweisenden Fahrzeugbau in bester Qualität. "Die Ideen der Beschäftigten von der Saar fließen ein in die anderen Ford-Werke weltweit." Mit etwas Glück ist die Belegschaft in Kürze erneut gefordert. Aus Kreisen der Autoindustrie ist verlässlich zu hören, dass ab 2012 auch der Elektro-Focus in Saarlouis gebaut werden soll. Die Spannung steigt. Saarlouis darf weiter hoffen.