Das Armenhaus der Welt liegt in TrümmernWesterwelle schließt Deutsche unter den Opfern nicht aus

Das Armenhaus der Welt liegt in TrümmernWesterwelle schließt Deutsche unter den Opfern nicht aus

Mexiko-Stadt. Als der Morgen über Port-au-Prince graut, zeichnet sich erst das ganze Ausmaß der Tragödie ab. Kurz nach halb sechs, gut zwölf Stunden nachdem die Erde bebte, liegt noch immer eine dichte und dicke Staubwolke über der Millionenstadt. Nach und nach gibt sie den Blick frei auf apokalyptische Bilder

Mexiko-Stadt. Als der Morgen über Port-au-Prince graut, zeichnet sich erst das ganze Ausmaß der Tragödie ab. Kurz nach halb sechs, gut zwölf Stunden nachdem die Erde bebte, liegt noch immer eine dichte und dicke Staubwolke über der Millionenstadt. Nach und nach gibt sie den Blick frei auf apokalyptische Bilder. Vom Armutsviertel Cité Soleil unten am Hafen, über den nahen Flughafen bis in den einige Kilometer entfernten bürgerlichen Vorort Pétionville bietet sich ein Bild der Zerstörung. Leichen liegen auf den Straßen, Kinder und Erwachsene flehen in den Trümmern eingestürzter Häuser um Hilfe. Menschen irren blutend und weinend durch die Straßen auf der Suche nach Hilfe. Erste vorsichtige Schätzungen von Entwicklungshelfern und Augenzeugen sprachen von mehreren tausend Toten. Haitis Ministerpräsident Jean-Max Bellerive befürchtete sogar, es könnten mehr als Hunderttausend Menschen ums Leben gekommen sein. Michael Kühn, Chef der Deutschen Welthungerhilfe in Port-au-Prince, sagte, er rechne mit "einer erschreckend hohen Zahl" an Toten. In einer großen Welle der Solidarität laufen riesige Hilfswellen an.

Das Erdbeben der Stärke 7,1 traf am Dienstagnachmittag ein Land, das ohnehin schon am Rande des Kollapses lebte. Haiti, das sich mit der Dominikanischen Republik die Insel Hispaniola teilt, ist der ärmste Staat der westlichen Hemisphäre und war schon vor dem Erdbeben nur mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft überlebensfähig. Einen funktionierenden Staat gibt es nicht. Die Zwei-Millionen-Stadt Port-au-Prince gleicht einem gigantischen Armenviertel. Viele Menschen leben auf den Straßen. Selbst einfachste Funktionen wie die Müllabfuhr kann der Staat nicht sicherstellen. Das Land ist ein Stück Afrika in Lateinamerika und gleicht Sierra Leone sehr viel mehr als der benachbarten Dominikanischen Republik.

Als die Erde in Haiti bebte, saß Astrid Nissen gerade am Computer in ihrem Büro in Juvenat, einem Stadtteil zwischen dem Zentrum und Pétionville. Es war kurz vor 17 Uhr. Nissen, Leiterin des Projektbüros Haiti der Diakonie Katastrophenhilfe, suchte umgehend mit einer Kollegin Schutz, andere Mitarbeiter rannten in Panik auf die Straße, um sich zu retten. Das Epizentrum des schwersten Bebens in den vergangenen 200 Jahren lag in Carrefour im Süden der Hauptstadt, kaum 15 Kilometer von Nissens Büro entfernt. "Die Erdstöße dauerten mindestens 30 Sekunden, zehn Sekunden waren heftig", sagte die Entwicklungshelferin über das Internet-Portal Skype, denn unmittelbar nach dem Beben brachen alle Telefonleitungen zusammen.

Medikamente gehen aus

Die Katastrophe ließ den schneeweißen Präsidentenpalast im Zentrum von Port-au-Prince in sich zusammensacken und die Kathedrale zusammenbrechen. Mehrere Krankenhäuser und Hotels sowie das Hauptquartier der UN-Mission Minustah in Haiti wurden zerstört. Tausende Menschen werden vermisst. "Es ist wie die Apokalypse, ich schätze, dass 40 Prozent der Stadt zerstört sind", sagte Anne-Rose Durocher, eine deutsche Geschäftsfrau, die seit Jahrzehnten in dem Karibikstaat lebt, gestern nach einer Fahrt ins Stadtzentrum. "Die wenigen Hospitäler haben keine Medikamente mehr, die Menschen sitzen auf den Straßen, verzweifelt und aggressiv".

Die Mehrzahl der acht Millionen Haitianer hat kein festes Dach über dem Kopf und lebt in provisorischen Hütten, Bretterverschlägen oder Blechhütten. In dem Gürtel aus Slums und Armutsvierteln leben die Menschen dicht gedrängt auf engstem Raum. Neben dem Telefon fiel auch der Strom aus. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) geht von drei Millionen Menschen aus, die von dem Beben betroffen sind. Die UN-Mission vermisste gestern noch immer große Teile ihres Verwaltungs-Personals. Die Vereinten Nationen hatten ihr Hauptquartier im Hotel Christopher im Stadtteil Petionville, einem mehrstöckigen Gebäude, das einstürzte.

Rund 9000 Blauhelme, UN-Polizisten und Zivilpersonal sind in Haiti stationiert und versuchen seit Jahren, das von Gewalt geschüttelte Land zu stabilisieren. Die Soldaten, die zum Großteil aus Lateinamerika und Asien kommen, haben Erfahrung beim Katastropheneinsatz in dem Inselstaat. Bereits nach den Wirbelstürmen vor zwei Jahren leisteten sie Wiederaufbauarbeit. Auch dieses Mal können die Militärs helfen.

Leben in Hunger und Chaos

Das schwerste Erdbeben, das es je in der Karibik gegeben hat, trifft ausgerechnet das Land, das ohenhin schon von Naturkatastrophen und politischen Unruhen gebeutelt ist und daher besonders schlecht auf eine solche Tragödie vorbereitet ist. 400 Millionen Dollar pumpt die Internationale Gemeinschaft jährlich nach Haiti. Trotzdem ist die Aufgabe des Aufbaus einer Infrastruktur, staatlicher Institutionen, einer funktionierenden Justiz und eines Gesundheitswesens noch immer unbewältigt. Haiti ist ein Land im chronischen Chaos. Politische Instabilität, Umstürze und US-Interventionen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Landes, das 1804 als erstes in Lateinamerika die Fesseln der Kolonialisten abwarf.

Wirtschaftliche Aktivität gibt es faktisch nicht außer Lohnveredelung und einigen landwirtschaftlichen Gütern wie Mangos und Kaffee. Auf dem UN-Entwicklungsindex findet sich die Inselrepublik auf Platz 149 von 182 Staaten. Schlechter geht es den Menschen nur in Ländern wie Liberia oder Sierra Leone. Ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft und den 1,3 Milliarden Dollar, die Auslands-Haitianer überweisen, stürben Hunderttausende den Hungertod. Berlin/Rom. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hält auch deutsche Opfer bei der Erdbebenkatastrophe in Haiti für möglich. "Wir hoffen es nicht, ich kann es leider auch nicht ausschließen", sagte Westerwelle. Deutsche Karibik-Pauschalurlauber sind jedoch nicht betroffen. Wie ein Sprecher des Deutschen Reiseverbands sagte, hatte das Erdbeben in der an Haiti angrenzenden Dominikanischen Republik keine Auswirkungen.

Westerwelle versprach, man wolle Haiti so weit wie möglich helfen. Die Bundesregierung stellte 1,5 Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung. Auch zahlreiche andere Staaten und Organisationen kündigten umgehend Hilfe an. Die Europäische Union gewährte drei Millionen Euro. Das Welternährungsprogramm (WFP) hat nach eigenen Angaben bereits Lebensmittel für etwa 30 000 Menschen auf den Weg gebracht.

Papst Benedikt XVI. hat in Rom zu weltweiter Hilfe aufgerufen. "Ich appelliere an die Großzügigkeit aller, unseren Brüdern und Schwestern in diesem Moment des Schmerzes und der Not unsere Solidarität und die konkrete und mögliche Unterstützung der internationalen Gemeinde nicht zu verwehren", sagte der Papst gestern. Die katholische Kirche werde ihrerseits so schnell wie möglich über ihre Hilfsorganisationen agieren. dpa

Hintergrund

Die schwersten Erdbeben der vergangenen Jahre:

30. September 2009: Ein Erdbeben der Stärke 7,6 erschüttert die indonesische Insel Sumatra, mehr als tausend Menschen kommen ums Leben; 6. April 2009: Bei einem Beben (6,2) in der italienischen Abruzzenregion um L'Aquila sterben 295 Menschen; 12. Mai 2008: In der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas sterben bei einem verheerenden Beben (8,0) mindestens 70 000 Menschen, rund 18 000 Menschen werden bis heute vermisst; 27. Mai 2008: Bei einem starken Erdbeben nahe der indonesischen Stadt Yogyakarta kommen 6000 Menschen ums Leben, 1,5 Millionen verlieren ihre Häuser; 8. Oktober 2005: Mehr als 75.000 Menschen sterben bei einem Beben (7,6) im Nordwesten Pakistans und Kaschmir. afp

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