Computer und Handy als KinderspielzeugHersteller fertigen Waren im Wert von 1,54 Milliarden Euro

München. Ernst Kick blickt in die Kinderzimmer von morgen. "Die Digitalisierung schreitet voran", sagt der Chef der Nürnberger Spielwarenmesse, die ab heute sechs Tage lang ihre Pforten öffnet. Im Mittelpunkt steht das Schwerpunktthema "Toys 3.0. - die nächste Generation"

 Toys 3.0. bezeichnet die verstärkte Integration von Computern und Handys in Spielwaren. So wird das Smartphone-Display zum Gesicht eines Spielzeugroboters. Foto: dpa

Toys 3.0. bezeichnet die verstärkte Integration von Computern und Handys in Spielwaren. So wird das Smartphone-Display zum Gesicht eines Spielzeugroboters. Foto: dpa

München. Ernst Kick blickt in die Kinderzimmer von morgen. "Die Digitalisierung schreitet voran", sagt der Chef der Nürnberger Spielwarenmesse, die ab heute sechs Tage lang ihre Pforten öffnet. Im Mittelpunkt steht das Schwerpunktthema "Toys 3.0. - die nächste Generation". Damit gemeint ist vor allem die verstärkte Integration von Computern und Handys in klassische Spielwaren. So wird das Smartphone-Display zum Gesicht eines Spielzeugroboters. Plüschtiere werden mit einem Wischer auf einer integrierten Bildschirmoberfläche gefüttert bis sie rülpsen. Es gibt auch Greifringe für Vorschulkinder mit Handyhalterung.

Die Elektronik im Kinderzimmer überschreitet Grenzen und provoziert Widerspruch, auch in den eigenen Reihen. Das Messemotto Toys 3.0. sei ungeeignet und der Computer ein völlig unpassendes Spielzeug für Klein- und Kindergartenkinder, findet Wolfgang Schühle als Sprecher der Fachgruppe Holzspielzeug. Er mahnt seine digital denkenden Kollegen zur pädagogischen Verantwortung. Noch deutlicher wird der Ulmer Psychiatrie-Professor Manfred Spitzer: Die Spielwarenbranche dürfe die Hirne von Kindern nicht einfach dem Markt überlassen. "Was hier unter dem vermeintlich modernen Schlagwort Toys 3.0. läuft, ist in Wahrheit der Beginn einer Suchtkarriere und der Beginn des geistigen Abstiegs", warnt der Hirnforscher. Er verweist auf koreanische Verhältnisse. Dort gelten zwölf Prozent aller Jugendlichen als computersüchtig, hier zu Lande drei bis vier Prozent.

Messe-Chef Kick dagegen sieht es nicht als seine Aufgabe, Trends als gut oder schlecht zu beurteilen. Die Nachfrage sei eben da. Eine von der Messe beim Jugendforschungsinstitut Iconkids & Youth in Auftrag gegebene Studie zu Toys 3.0. kommt zum Schluss, dass klassische und digitale Spielwaren friedlich koexistieren und die Elektronik nicht alles verdrängt. Wer sich einige Vertreter der neuen, elektronischen Spezies genauer ansieht, könnte zur gegenteiligen Einsicht kommen. So gibt es Action-Spielfiguren aus Plastik, die am Bildschirm eines entsprechenden Geräts per App ein Computerspiel aktivieren - jede Figur verspricht ein anderes Szenario. Das soll zum Sammeln animieren. Gespielt wird dann nicht mehr mit der Figur selbst, sondern auf der Tastatur.

Axel Dammler sieht Kinderhirne nicht in Gefahr, sondern vielmehr einen pädagogischen Wert in der Digitalisierung. In einer modernen Welt müssten Kinder spielerisch auch auf digitale Medien vorbereitet werden, findet der Gesellschafter von Iconkids und Leiter der Studie Toys 3.0.. Ihre Details werden erst auf der Spielwarenmesse veröffentlicht. Ihre zentrale Aussage ist, dass trotz Digitalisierung weiter auch klassisch gespielt wird. Befragt wurden 2600 Personen im Alter zwischen acht und 30 Jahren. Fast zwei Drittel haben demnach gesagt, eine Kombination von aus anfassbarem und elektronischem Spielzeug gut zu finden und dafür auch mehr zu bezahlen. Folglich drängt der Spielwarenhandel nun zur verstärkten Verknüpfung von klassischem Spielzeug mit digitaler Technik. "Ein Spielzeug ist gut, wenn Kinder damit spielen", sagt Dammler, räumt aber ein, dass es Übertreibungen gibt.

Die Grenze zwischen schädlich und förderlich beim digitalen Spiel im Kinderzimmer müssten allerdings die Eltern ziehen und dem Nachwuchs eine passende Spiellandschaft zur Verfügung stellen. Hersteller und Handel sieht er nicht in der Pflicht. Spitzer spricht dagegen von einem Anfixen zur späteren Computersucht im Vorschulalter. Zwei- bis Dreijährige bräuchten Menschen und keine Bildschirme, den Umgang mit Realem und keinen digitalen Abklatsch davon. "Wir sind keine Steinzeithersteller", sagt Holzspielzeugproduzent Schühle und will elektronische Spielwaren nicht verdammen. Aber man dürfe nicht alles dem Zeitgeist und Umsatz unterordnen, findet er und fordert die Branche zur Selbstbeschränkung. "Wir haben große Verantwortung für Kinder."Saarbrücken. Die deutsche Spielwaren-Produktion hat im vergangenen Jahr erneut einen Spitzenwert erreicht. Der Gesamtwert stieg 2012 gegenüber dem Vorjahr um 10,7 Prozent auf rund 1,53 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) gestern in Wiesbaden unter Berufung auf vorläufige Zahlen mitteilte. Das war der zweithöchste Stand in zehn Jahren. Nur 2010 hatten die Spielwaren-Hersteller mit Gütern im Wert von etwa 1,66 Milliarden Euro noch mehr hergestellt, teilte das Bundesamt zur bevorstehenden Nürnberger Spielwarenmesse mit. Den größten Anteil an den Spielzeugen hatten Kunststoffprodukte. afp

Hintergrund

 Toys 3.0. bezeichnet die verstärkte Integration von Computern und Handys in Spielwaren. So wird das Smartphone-Display zum Gesicht eines Spielzeugroboters. Foto: dpa

Toys 3.0. bezeichnet die verstärkte Integration von Computern und Handys in Spielwaren. So wird das Smartphone-Display zum Gesicht eines Spielzeugroboters. Foto: dpa

Die Nürnberger Spielwarenmesse ist mit rund 70 000 Neuheiten, vorgestellt von 2747 Unternehmen, die weltgrößte Branchenschau ihrer Art. Insgesamt werden etwa eine Million Produkte angeboten. Die Branche ist hierzulande seit 2009 im Dauerhoch: 2012 brachte drei Prozent mehr Umsatz. Getragen wird der Aufschwung nicht zuletzt vom Onlineverkauf. Jedes vierte Spielzeug wird mittlerweile per Internet abgesetzt. 2013 werden bis zu fünf Prozent mehr Umsatz erwartet. Angekündigt sind auch Preiserhöhungen. Grund ist, dass im Hauptproduktionsland China Arbeiter aus Spielwarenfabriken in besser bezahlte Branchen abzuwandern drohen. tmh

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