Bundeswehr im Wahl-KampfDas Ende einer Freundschaft"Der erste Schuss traf bereits meinen Sohn"

Kundus. Hauptmann K. sitzt beim Abendessen, Putenbrust mit Reis und Gemüse, es wird die letzte richtige Mahlzeit für Tage sein. Gleich wird der Kompaniechef der Infanterie in Kundus ausrücken, dann wird er aus "Epas" leben, den Einmannpackungen der Bundeswehr. In den Verpflegungspaketen finden sich Dinge wie eingeschweißte Ravioli, Bierwurst, Brot und Schokolade

Kundus. Hauptmann K. sitzt beim Abendessen, Putenbrust mit Reis und Gemüse, es wird die letzte richtige Mahlzeit für Tage sein. Gleich wird der Kompaniechef der Infanterie in Kundus ausrücken, dann wird er aus "Epas" leben, den Einmannpackungen der Bundeswehr. In den Verpflegungspaketen finden sich Dinge wie eingeschweißte Ravioli, Bierwurst, Brot und Schokolade. Wann er ins Feldlager zurückkehrt, weiß K. nicht. Auf jeden Fall wird es nach der Präsidentschaftswahl am Donnerstag sein, die seine Männer gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften schützen sollen. "Beim Einsatz", sagt K. und macht eine kurze Pause, "beim Einsatz geht es um Leben und Tod."

Hauptfeldwebel A. hat am eigenen Leib erlebt, wie sehr sich die Sicherheitslage in Kundus verschlechtert hat. Der Zugführer ist einer der Männer, die unter K.s Befehl gleich ausrücken werden. Seit vier Wochen ist der Familienvater in Kundus, fünf Feuergefechte haben er und seine Männer sich seitdem mit Aufständischen geliefert. A. war bereits von Februar bis Juni 2008 in Kundus im Einsatz. "Die Lage hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr um 180 Grad gewendet", sagt er. "Das ist Krieg. Definitiv." Die Aufständischen hätten dazugelernt und wendeten militärische Taktiken an, sagt A. "Sie sind auf jeden Fall ein ernstzunehmender Gegner." Hinterhalte seien "gut angelegt".

Die Taliban würden die Soldaten beobachten. Ihre "Spotter" würden bereits melden, wenn Bundeswehr-Fahrzeuge das Camp verlassen. "Man sollte sie nicht unterschätzen." A. sagt, für die Soldaten sei der Einsatz eine enorme psychische Belastung. "Erstaunlicherweise sind die Männer noch sehr motiviert." Gerade einmal ein Viertel der Einsatzdauer ist vorbei. Die Bundeswehr-Soldaten beziehen am Abend außerhalb von Kundus-Stadt ihre Stellungen. Ihr Kommandeur, Oberst Georg Klein, rechnet in den Tagen vor der Wahl mit einer Zunahme von Anschlägen und Angriffen - auch gegen die Deutschen. Dabei hat die Gewalt schon jetzt ein seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 nie dagewesenes Niveau erreicht. "Die Sicherheitslage in der Provinz verschlechtert sich von Tag zu Tag", sagt Dschamal Nasir Farhan, er kandidiert bei der Wahl zum Provinzrat.

Einen der 124 Ratskandidaten hätten die Taliban ermordet. Der Chef der unabhängigen Wahlkommission in Kundus, Engineer Mohammad Aman, sagt, zwar seien alle logistischen Vorbereitungen für die Abstimmung getroffen. "Ich weiß aber nicht, ob der Wahltag ein guter Tag werden wird." Ob die Wahlen frei sein werden, hänge von der Sicherheitslage ab - "und die bereitet mir und den Menschen Angst".

Die Wahllokale selber sollen von afghanischer Polizei geschützt werden, den zweiten Sicherungsring sollen afghanische Soldaten bilden, den dritten die ausländischen Truppen. Fünf Polizisten seien zum Schutz jedes der 216 Wahllokale in der Provinz Kundus eingesetzt, sagt Aman, und das sei zu wenig. Die Taliban verbreiten in der ganzen Provinz Angst und Schrecken, selbst in Kundus-Stadt sind die Menschen zutiefst verunsichert. Die Aufständischen wagen es inzwischen, mobile Straßensperren in Distrikten zu errichten. In Char Darah sagt der dortige Beamte der Bildungsbehörde, Abdul Bari Haidari, nach Drohungen der Taliban gingen nur noch die Hälfte der Mädchen zur Schule. Oberst Klein hofft, "dass es nach der Präsidentschaftswahl ruhiger wird". Gewiss ist das nicht. Die Aufständischen könnten probieren, vor der Bundestagswahl im September ein Zeichen zu setzen - gegen den deutschen Einsatz. Für den Chef der Wahlkommission steht lediglich fest, dass die Abstimmung ohne die Bundeswehr gar nicht möglich wäre. "Würden die Deutschen aus Kundus abziehen, dann würden die Taliban morgen die gesamte Provinz erobern."Washington. Die Anzeichen für die Entfremdung sind unübersehbar. Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat nicht mehr viele Freunde in Washington. Präsident Barack Obama geht demonstrativ auf Distanz, Regierungsvertreter kritisieren offen Korruption, Inkompetenz und Drogengeschäfte in Karsais Regierung. Die USA misstrauen ihrem einstigen Protegé. Eine Empfehlung zugunsten Karsais für die Präsidentenwahl kommende Woche hat die US-Regierung vermieden, sie sieht den schwierigen Verbündeten zunehmend als Teil des Problems.

Karsai war nach der US-Invasion 2001 allein durch die Protektion der USA ins Amt gekommen. Inzwischen herrscht in Washington Ernüchterung. Obama kritisierte die Regierung Karsai als "abgehoben". Außenministerin Hillary Clinton bezeichnete Afghanistan als "Drogenstaat". US-Geheimdienstkoordinator Dennis Blair legte einen vernichtenden Bericht vor: Karsais Regierung habe ihr Ansehen verloren, weil sie zutiefst korrupt sei und selbst bei staatlichen Grundaufgaben versage.

Dass Obama auf den ungeliebten Partner in Kabul angewiesen ist, schränkt seinen Spielraum vor der Wahl ein. Der neue US-Botschafter Karl Eikenberry baut in Afghanistan zwar gezielt Kontakte zur Opposition auf, doch ein aussichtsreicher Gegenkandidat zu Karsai ist noch nicht aufgebaut. Vor allem diesem Mangel an Alternativen hat es Karsai wohl zu verdanken, dass sich die USA zähneknirschend auf eine weitere Amtszeit einstellen. Möglicherweise könnte Washington ihn nach einer Wiederwahl aber drängen, die Macht mit einem kompetenten Ministerpräsidenten zu teilen, spekulieren US-Medien. Washingtons Skepsis ist getrieben von der Sorge, dass die Kraftanstrengung der USA in Afghanistan vergeblich sein könnte. Die Taliban sind auf dem Vormarsch, Karsais Machtbereich schrumpft. Der renommierte Militärexperte Anthony Cordesman vom Center for Strategic and International Studies in Washington kehrte im vergangenen Monat von einer Reise durch Afghanistan zurück. Sein Befund: "Die USA sind dabei, den Krieg in Afghanistan zu verlieren." afpKundus. Khan Mohammad ist Bauer im nordafghanischen Unruhedistrikt Char Darah. An einem Sonntag vor knapp vier Wochen fährt er gemeinsam mit seinem Sohn und zwei anderen Zivilisten zum Markt nach Kundus-Stadt, um Melonen zu verkaufen. Nach getaner Arbeit machen sie sich auf den Rückweg in ihr etwa 15 Kilometer entferntes Dorf Nowabad. Am selben Tag, es ist der 19. Juli, hat die bislang größte deutsch-afghanische Offensive gegen die Taliban begonnen, die Operation "Adler". Mohammads ältester Sohn Tadsch Mohammad wird sein Zuhause nie wiedersehen. Der 15-Jährige wird im Kugelhagel deutscher Soldaten schwer verletzt und stirbt kurze Zeit später. Auch Khan Mohammad - der nach eigener Schätzung vor etwa 40 Jahren geboren wurde - wurde getroffen.

Mohammads Version deckt sich in einem Punkt mit der der Bundeswehr. Die beiden Militärfahrzeuge standen an jenem 19. Juli in Fahrtrichtung rechts, aber abseits der Straße, es handelte sich nicht um einen Kontrollposten auf der Fahrbahn. Mohammad sagt, er fahre die Strecke regelmäßig und kenne die Warnsignale der Deutschen. "Ich hätte Warnsignale gesehen. Da war nichts."

Als die Zivilisten schon vorbeigefahren gewesen seien, hätten die Deutschen von hinten geschossen, sagt der Vater. "Der erste Schuss traf bereits meinen Sohn." Weitere Schüsse hätten dann ihn selbst und den Mann in der Mitte der Sitzbank getroffen, nur der Fahrer links sei unverletzt geblieben. Kaum ein Tag vergeht in Kundus inzwischen ohne einen Angriff auf deutsche oder afghanische Sicherheitskräfte, vor der Wahl am Donnerstag wird mit einer weiteren Eskalation der Gewalt in der Provinz gerechnet. Die Soldaten sind angespannt.

Oberst Georg Klein widerspricht der Darstellung des Vaters: "Die Soldaten haben übereinstimmend und sehr glaubwürdig ausgesagt, dass Warnschüsse abgegeben worden sind." Mit 10 000 US-Dollar hat die Bundesregierung den Tod des Jungen vergolten, jeweils 5000 Dollar wurde den Verletzten bezahlt. Mohammad sagt: "Wir wissen nicht, ob es Absicht war, glauben aber an einen Unfall." Er wünsche sich trotz des Todes seines Sohnes keinen Abzug der Bundeswehr. dpa

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