1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Bombenbauer entkommt Polizei in letzter Minute

Bombenbauer entkommt Polizei in letzter Minute

In einer ruhigen Chemnitzer Wohngegend hat offenbar ein junger Syrer einen Bombenanschlag vorbereitet. Die Polizei hatte ihn im Visier, aber er entkommt, als Spezialkräfte anrücken. Jetzt läuft eine bundesweite Fahndung.

In das Haus Nummer 97 auf der Chemnitzer Straße Usti nad Labem kommt mit Ausnahme von Polizisten und Ermittlern gestern Morgen niemand rein und raus. Die kaputte Fensterscheibe einer Wohnung in der dritten Etage zeugt davon, dass etwas anders ist als sonst. Dahinter soll der mutmaßliche Terrorist Dschaber al-Bakr eine Bombe gebaut haben. Die Ermittler finden nach der Erstürmung gefährlichen Sprengstoff. Die Behörden sprechen bisher von "mehreren hundert Gramm".

Erst am Tag danach kommt heraus, dass die Beamten den jungen Mann gesehen haben, den der Verfassungsschutz schon länger beobachtete. Der junge Syrer, der Kontakte zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben soll, bekam wohl mit, wie die Einsatzteams anrückten, und entwischte knapp. Die Beamten gaben in dem Plattenbau-Viertel auch einen Warnschuss ab, konnten ihn aber nicht fassen. Die Polizei fahndet nun bundesweit nach dem Mann. Es blieb unklar, ob der flüchtige Hauptverdächtige eine Waffe oder Sprengstoff bei sich trägt. Einem Bericht der "Bild"-Zeitung zufolge wurde der 22-Jährige möglicherweise von IS-Terroristen ausgebildet. Er kam vor einigen Monaten nach Deutschland und sei als Flüchtling anerkannt, hieß es.

Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR fanden sich in der Chemnitzer Wohnung etwa 500 Gramm bereits gemischter Sprengstoff und etwa ein weiteres Kilo Chemikalien, die zum Bombenbau geeignet sind. Außerdem stellte die Polizei Zünder sicher und Teile, die nach erster Bewertung zur Herstellung von Rohrbomben gedient haben könnten. Dem Bericht zufolge stand der Syrer offenbar über das Internet in Verbindung mit dem IS, auch über ein mögliches Ziel war anscheinend schon diskutiert worden - die Rede war von Berliner Flughäfen . Es blieb auch unklar, ob der Verdächtige aus dem Ausland gezielt gesteuert wurde.

Den gefundenen Sprengstoff hatten Spezialisten am Samstagabend in mehreren Erdlöchern kontrolliert detonieren lassen. Zahlreiche umliegende Wohnungen wurden vor der Sprengung evakuiert. Es handelte sich bei dem Sprengstoff angeblich um das hochexplosive TATP (Azetonperoxid), das auch bei Anschlägen in Brüssel und Paris verwendet wurde. Das Gemisch sei weit gefährlicher als das bekannte TNT gewesen. "Schon 200 Gramm TATP haben eine verheerende Wirkung. Wer weiß, wie man sie richtig einsetzt, kann damit eine Halle sprengen", zitiert die "Bild-Zeitung" einen Sprengstoffexperten.

Drei mögliche Bekannte des flüchtigen Dschaber al-Bakr waren bereits am Samstag in Chemnitz festgenommen worden. Einer von ihnen wird der Mittäterschaft verdächtigt. Bei dem Syrer soll es sich demnach um den Mieter der Wohnung handeln, in welcher der Sprengstoff gefunden wurde. Die beiden anderen Männer kamen wieder auf freien Fuß.

Auf der Suche nach dem Terrorverdächtigen befragt die Polizei noch einen weiteren Mann. Er wurde gestern bei der Durchsuchung einer weiteren Wohnung in Chemnitz festgenommen, wie die Polizei mitteilte. Zur Nationalität machte sie keine Angaben. Der Mann habe in irgendeiner Weise Kontakt zu dem gesuchten 22-jährigen Syrer gehabt.

Im Zuge der Anti-Terror-Ermittlungen ließ die Polizei in Chemnitz auch den Hauptbahnhof teilweise sperren. Ein Spezialroboter untersuchte dort auf einem Bahnsteig einen roten Koffer, den zwei der verdächtigten Bekannten des Flüchtigen dort bei sich getragen hatten. Später gab es diesbezüglich Entwarnung. Die für Flughäfen und Bahnhöfe zuständige Bundespolizei erhöhte nach den Vorfällen in Chemnitz die Sicherheitsvorkehrungen. "Dies betrifft insbesondere kritische Infrastruktur", sagte der Sprecher des Bundespolizeipräsidiums, Ivo Priebe.

Am Berliner Flughafen Schönefeld soll der verstärkte Polizei-Einsatz bis mindestens heute Morgen andauern. Autos und Busse würden angehalten und kontrolliert, teilten die Behörden mit. An den beiden größten deutschen Flughäfen in Frankfurt und München wurden keine zusätzlichen Maßnahmen ergriffen. Es gelten nach den Terroranschlägen unter anderem in Paris und Brüssel ohnehin verschärfte Regelungen.

Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen in dem Terrorfall an sich gezogen. Die bisherigen Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass der Gesuchte einen "islamistisch motivierten Anschlag" verüben wollte, sagte eine Sprecherin dem SWR. Ihre Behörde ermittele wegen des Verdachts einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat.

Meinung:

Gut aufgestellt gegen den Terror

Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Der internationale Terrorismus hat nicht nur Syrien, den Irak und Libyen zu seinen Schlachtfeldern erklärt, sondern auch Europa und damit ebenso Deutschland. Der Axt-Angriff in einem Zug nahe Würzburg und der Selbstmordanschlag in Ansbach haben gezeigt, wie groß die Gefahr tatsächlich ist. Zum Glück konnten jedoch viele geplante Anschläge von den Sicherheitsbehörden verhindert werden. So wie jetzt in Chemnitz . Geheimdienste und Polizei sind gut aufgestellt: Sie kennen die Gefährder, sie wissen um deren Netzwerke. Die Zusammenarbeit ist deutlich verbessert worden, auch die Ausrüstung und das technische Know-how. Das hat dazu beigetragen, dass es in Deutschland anders als in Frankreich noch keine Terroranschläge mit Dutzenden Toten gegeben hat. Ein solcher wäre es sicherlich geworden, wenn der Hauptverdächtige von Chemnitz seinen Sprengstoff zum Einsatz gebracht hätte. Die Ereignisse von Chemnitz werden aber das Gefühl der Unsicherheit bei den Bürgern noch einmal verstärken. Das haben die Terroristen leider erreicht.

Zum Thema:

 Ein Polizist in Sicherheitskleidung und ein Roboter zur Bombenentschärfung im Hauptbahnhof in Chemnitz. Ein verdächtiger roter Koffer wird untersucht. Foto: Burgi/dpa
Ein Polizist in Sicherheitskleidung und ein Roboter zur Bombenentschärfung im Hauptbahnhof in Chemnitz. Ein verdächtiger roter Koffer wird untersucht. Foto: Burgi/dpa Foto: Burgi/dpa

Hintergrund Mehrere islamistische Sprengstoffanschläge wurden in Deutschland vereitelt oder deren Planung gestoppt. September 2007: Die islamistische Sauerland-Gruppe wird gefasst. Die vier Mitglieder werden wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen zu mehrjährige Freiheitsstrafen verurteilt. April 2011: Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Juni 2016: Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben. September 2016: Ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien wird von der Polizei in Köln festgenommen. Er soll von einem Chat-Partner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten. dpa